Symposium zum 100. Geburtstag

Susanne Miller: Ein Star für jeden, der sie kannte

Renate Faerber-Husemann29. Juni 2015
Helga Grebing, Susanne Miller und Willy Brandt (v. l.).
Helga Grebing, Susanne Miller und Willy Brandt (v. l.).
Die SPD-Historikerin Susanne Miller war vor allem für junge politische Menschen ein Star. Auf dem Symposium „Glaubwürdigkeit und Verantwortung in der Politik“ wurde der undogmatischen Politikerin nun gedacht.

Gegen Ende ihres langen Lebens sagte Susanne Miller zu ihrem Freund und politischen Weggenossen, dem stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Grundwertekommission Thomas Meyer: „So würde ich noch einmal leben.“ Was für eine Bilanz nach einem wahrlich schwierigen Leben! Im Mai dieses Jahres wäre sie 100 Jahre alt geworden. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ein Anlass, auf dieses Leben (1915 bis 2008) zurück zu blicken und auf die Rolle, die Miller in ihrer Partei über Jahrzehnte gespielt hat. Die Historikerin und Professorin Susanne Miller war nicht nur, wie einer der Redner sagte, für junge politische Menschen ein Star, sondern eigentlich für jeden, der ihr näher kam. Sie stand nie auf den großen politischen Bühnen, doch wenn sie sich zu Wort meldete, hörte man ihr zu.

Millers Wohnung war geistiges Zentrum vieler Intellektueller

Zusammen mit ihrem Ehemann Willi Eichler, den sie im Londoner Exil kennengelernt hatte, prägte Susanne Miller die Entstehung des Godesberger Programms. Sie war Mitglied der SPD-Grundwertekommission, war beteiligt am sogenannten SPD-SED-Papier in den 80er Jahren und Vorsitzende der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand. 1974 verfasste sie gemeinsam mit Heinrich Potthoff die „Kleine Geschichte der SPD“, ein bis heute lesenswertes – und viel gelesenes – Buch.

Doch die Aufzählung ihrer Ämter und Publikationen sagt wenig aus über den Menschen Susanne Miller und  ihre wichtige Rolle in der Nachkriegs-SPD. Roland Schmidt, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der FES, hat das in dem Satz zusammengefasst: „Sie hat nicht von der Partei gelebt, sondern für die Partei.“ Sie war, ohne sentimental in der Vergangenheit zu verharren, eine – so Roland Schmidt – „der letzten Vertreterinnen der alten Arbeiterbewegung“. Besonders junge Menschen fühlten sich zu ihr hingezogen, von ihr verstanden. Sie war, so sahen das wohl alle, die sie kennenlernen durften, ein besonders liebenswerter Mensch, „von selbstbewusster Bescheidenheit“, so Roland Schmidt. Ihre von Büchern überquellende Wohnung in Bonn, nahe der „Baracke“, wie das Gebäude des SPD-Vorstands genannt wurde, war ein geistiges Zentrum für Intellektuelle aus vielen Ländern, ihre selbstverständliche Gastfreundschaft war so berühmt wie ihr Charme. Und nie ließ sie durchblicken, wie hart ihr Leben viele Jahre lang war.

Links, ohne dabei dogmatisch zu sein

1934 musste die Tochter aus gutbürgerlichem jüdischen Haus ihr Geschichtsstudium in Wien abbrechen, der Antisemitismus war schon vor dem „Anschluss“ Österreichs beängstigend. Miller ging nach London und kehrte 1946 wie viele der sozialistischen Emigranten ins Nachkriegsdeutschland zurück. Sie arbeitete als Angestellte beim SPD-Parteivorstand und konnte sich erst 1960 ihren Traum erfüllen: Mit 45 Jahren setzte sie ihr Geschichtsstudium fort und promovierte mit einer programmgeschichtlichen Arbeit zur deutschen Sozialdemokratie. Susi Miller, wie ihre vielen Freunde sie zärtlich nannten, sah sich ganz klar auf dem linken Flügel der Partei, ohne dabei dogmatisch zu sein. Sie lehnte jede Form der sozialen Kontrolle kategorisch ab. Sie stand für ein freiheitliches, selbstbestimmtes Leben. Sie konnte mit den unterschiedlichsten Menschen offen und neugierig umgehen, sie war eine Netzwerkerin.

„Glaubwürdigkeit und Verantwortung in der Politik“ war das Thema des FES-Symposiums. Thomas Meyer, der Freund bis zu ihrem Tod, sagte: „Sie verkörperte diese Glaubwürdigkeit. Und weil das so war, glaubte man dann nicht nur dem Menschen, sondern auch der Sache, für die sie einstand.“ Bernd Faulenbach, einer von Millers Nachfolgern im Vorsitz der Historischen Kommission, erinnerte daran, wie schwer Susanne Miller und die anderen heimgekehrten Emigranten es in der frühen Bundesrepublik hatten. Sie wurden als Vaterlandsverräter diskriminiert, das traf ja nicht nur Willy Brandt. „Es war ein langer Prozess bis aus Mitläufern Demokraten wurden.“

Hellwach, klug und neugierig – auch im Rollstuhl

Susanne Miller hat auch später zumindest öffentlich kaum über diese schweren Jahre gesprochen. So wie überhaupt Selbstmitleid ihre Sache nicht war. Nicht einmal, als ihr das schlimmste passierte, was einem Büchermenschen passieren konnte: Sie erblindete. Doch auch blind und im Rollstuhl blieb sie hellwach, klug und neugierig. Die vielen Menschen, die von ihrem Wissen und ihrer großzügigen Menschlichkeit profitierten, vermissen sie bis heute. Auch das machte dieses Symposium zu ihrem 100. Geburtstag so anrührend.

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