ESC in Kiew

Vor dem Start in Kiew: „Der Eurovision Song Contest ist Politik pur“

Kai Doering04. Mai 2017
Live in Kiew dabei: Marc Schulte (l.) und Martin Schmidtner bloggen auf vorwärts.de vom und über den Eurovision Song Contest.
Live in Kiew dabei: Marc Schulte (l.) und Martin Schmidtner bloggen auf vorwärts.de vom und über den Eurovision Song Contest.
In der kommenden Woche findet der Eurovision Song Contest in Kiew statt. Marc Schulte und Martin Schmidtner begleiten ihn vor Ort im Blog auf vorwärts.de. Im Interview sprechen sie über den Reiz des ESC, die politische Dimension des Wettbewerbs und ihren Favoriten.

Wenn am kommenden Dienstag der Vorhang zum ersten Halbfinale des Eurovision Song Contests (ESC) in Kiew fällt, werden Marc Schulte und Martin Schmidtner ganz vorne mit dabei sein. Bereits in der vergangenen Woche sind die beiden Berliner an den Austragungsort des diesjährigen ESC gereist. Auf vorwärts.de bloggen sie über ihre Erlebnisse vor und hinter den Kulissen. Für Schulte und Schmidtner ist es bereits das neunte Mal in Folge, dass sie live beim ESC dabei sind.

Was reizt euch am ESC?

Martin Schmidtner: Der ESC ist unsere Fußball-Weltmeisterschaft oder sind unsere Olympischen Spiele. Ich habe es schon als Kind geliebt, in der „Hörzu“ die Liste auszufüllen, in der man selbst die Beiträge der Künstler bewerten konnte. Diese Faszination ist geblieben. Marc und ich haben viele ESC-Partys in Berlin gefeiert, und irgendwann hatten wir dann die Idee, dass wir ja auch mal zum Finale fahren könnten.

Hinfahren ist das eine. Wie kommt man auf die Idee, auch über die Auftritte der Künstler und das Rahmenprogramm zu bloggen?

Marc Schulte: Wer einmal beim ESC dabei war, weiß, dass es an diesen Tagen unglaublich viele Eindrücke gibt. Die muss man erstmal verarbeiten. Wir möchten sie auch gerne mit anderen teilen. Deshalb hatten wir die Idee, über unsere Eindrücke und Erlebnisse zu schreiben. Die Resonanz war bisher sehr positiv.

Martin Schmidtner: Der Reiz, zu schreiben, hing für uns auch mit der Wiederauferstehung des „Grand Prix“ als ESC nach Guildo Horn und Stefan Raab zusammen. Vorher war der ESC ja lange in der Schmuddelecke, und viele haben sich dafür geschämt, die Show überhaupt nur anzusehen. In anderen Ländern ist das ganz anders. Dort ist die Teilnahme am ESC Ausdruck nationaler Identität und der Auftritt ist viel mehr als nur die Darbietung eines Liedes. Das hat uns bei unserem ersten ESC-Besuch überrascht und beeindruckt, und wir halten es nach wie vor für berichtenswert.

Von unseren Lesern bekommen wir öfter die Frage gestellt, warum vorwärts.de über den ESC berichtet. Er habe doch gar nichts mit Politik zu tun. Stimmt das?

Marc Schulte: Auf gar keinen Fall. Der ESC ist Politik pur. Der Sieg von Dana International 1998 war eine Offenbarung für die queere Community in Israel und hat ihre Stellung deutlich verändert. Auch dass Conchita Wurst bei ihrem ESC-Sieg 2014 quer durch alle europäischen Länder viel Zustimmung erhalten hat, war ein klares politisches Zeichen. Und Ruslanas Sieg 2004 hat das ukrainische Nationalbewusstsein ungemein bestärkt – die Austragung des Contests in Kiew 2005 stand dann ganz im Zeichen der vorangegangenen Orangenen Revolution.
Diese Wirkung ist vielen Ländern übrigens sehr bewusst. Aserbaidschan etwa hat versucht, die Austragung des ESC 2012 zu nutzen, um über Menschenrechtsverletzungen und politische Strukturen hinwegzutäuschen und sich hoffähig in Europa zu machen. Hinter die Fassade zu blicken und zu zeigen, wie ein Land mit der Ausrichtung des ESC umgeht, fanden und finden wir sehr spannend.

Martin Schmidtner: Der ESC scheint ein Thema zu sein, an dem sich Menschen gerne reiben. Mich wundert immer ein bisschen, dass die, die den ESC für irrelevant halten, so viel Zeit darauf verwenden, dies in Kommentaren aufzuschreiben.

Der ESC wird zum zweiten Mal in Kiew ausgetragen, einem Land, das sich seit Jahren in einem Krieg befindet. Spielt das eine Rolle für den Wettbewerb?

Martin Schmidtner: Auf jeden Fall. Das sieht man schon jetzt im Vorfeld, da Russland sich ja entschieden hat, in diesem Jahr niemanden zum ESC zu schicken. Politische Konflikte werden gern auf der Bühne des ESC ausgetragen. Das war 2012 in Aserbaidschan so, als Armenien nicht angetreten ist oder 2009 Georgien nicht nach Russland gekommen ist. ESC und Krieg passen nicht zusammen und wir persönlich würden es natürlich begrüßen, wenn der ESC nicht in Ländern stattfinden würde, in denen Krieg herrscht. Gleichzeitig macht eine solche Gemengelage den jeweiligen Wettbewerb natürlich auch nochmal spannender, weil man sehen kann, wie die unterschiedlichen Parteien versuchen, den ESC zu instrumentalisieren.

Wird die Musik in Kiew vielleicht sogar nur eine untergeordnete Rolle spielen, weil der Konflikt mit Russland im Vordergrund steht?

Martin Schmidtner: Das glaube ich nicht. Durch die Absage Russlands wird dieser Konflikt nicht auf offener Bühne ausgetragen werden. Ich denke, Teilnehmer und Veranstalter werden vielmehr gerade versuchen, die Musik in den Mittelpunkt zu stellen. Und die Ukraine wird alles versuchen, sich als weltoffener Gastgeber zu präsentieren. Das sieht man schon am diesjährigen ESC-Motto „Celebrate Diversity“. Ohne Sticheleien gegen Russland scheint es aber nicht zu gehen: Der „Bogen der Völkerfreundschaft“, ein Monument, das an die Beziehungen der Ukraine mit Russland erinnern soll, wird während des ESC in den Regenbogenfarben erstrahlen.

Ihr berichtet das neunte Mal auf vorwärts.de vom ESC. Warum sollten man euren Blog lesen?

Marc Schulte: Wir sind bei allen Proben und Auftritten dabei. Deshalb kann man bei uns auch lesen, was passiert, wenn die Kameras ausgeschaltet sind. Vor den Halbfinalen am 9. und 11. Mai werden wir Beipackzettel veröffentlichen, mit deren Hilfe sich unsere Leserinnen und Leser ein Bild der Teilnehmer und ihrer Beiträge machen können. Vor dem Finale wird es einen aktuellen Überblick geben. Aktuelle News und Hintergründe finden Interessierte darüber hinaus auf unserer Facebook-Seite. Wer unsere Beipackzettel liest, kann auf der ESC-Party ordentlich mit seinem Wissen protzen.

Unter uns: Wer ist euer Favorit für den ESC-Sieg?

Martin Schmidtner: In diesem Jahr wird Italien gewinnen. Da sind sich eigentlich alle einig. Das Lied ist ein wunderbarer italienischer Canzone, der auch schon das San-Remo-Festival gewonnen hat. Es zeigt, dass gute Popmusik einen sehr intelligenten Text haben und charmant präsentiert werden kann.

Marc Schulte: Ich bin auch sicher, dass Italien gewinnen wird, aber es gibt auch durchaus andere Lieder, die sehr viel Spaß machen. Unser Gute-Laune-Favorit ist in diesem Jahr Rumänien, das mit einem Jodel-Pop-Song antritt, der es in sich hat.

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Kommentare

Verdrehungen nebenbei

Die in Nebensätzen enthaltenen Auslassungen bzw. Verdrehungen sind immer wieder wirkungsvoll. "Da RUS sich entschieden hat, keinen Künstler zu entsenden..."
Sie wissen wohl, dass die russische Vertreterin ausgeladen wurde, für ihr 'Verbrechen', auf der Krim aufgetreten zu sein.
Wenn Sie noch Freude haben, an dieser Farce von "Diversity", die schon seit längerem eingespannt wurde in die Stimmungsmache gegen Russland, schön für Sie.
Nebenbei bemerkt halte ich es für zynisch, Sanktionen ausgerechnet gegen die Krim zu befürworten. Diese treffen hauptsächlich ihre Bewohner, die ja nach westlicher Lesart unter der "völkerechtswidrigen Anexion" leiden, und somit doppelt bestraft werden.

Verdrehungen?

Wenn Sie mit "Auslassungen und Verdrehungen" meinen, dass wir hier an dieser Stelle nicht explizit darauf hingewiesen haben, dass Russland bereits den obligatorischen Vorbereitungstreffen zum Song Contest ferngeblieben war und dass zum Beispiel die russische Delegation zu keinem Zeitpunkt überhaupt Hotels in Kiew geblockt hatte, dass also die Farce mit der Nominierung der russischen Teilnehmerin von Anfang an darauf angelegt war, einen Skandal zu provozieren - worauf die Ukraine dummerweise auch prompt reingefallen ist - dann haben Sie mit ihrer Kritik durchaus Recht.
Tatsache ist, dass seit September bekannt war, dass die Ukraine niemanden einreisen ließe, der oder die gegen geltendes ukrainisches Recht verstoßen hat. Deshalb werte ich dies, wie ich es im Interview formuliert habe.
Und nein, so viel Freude am Event wie in anderen Jahren haben wir diesmal nicht - aus eben genau dem Grund solcher politischen Kalkül- und Propaganda-Spielchen. Da geht es uns wie bei Olympia- und anderen Sportveranstaltungen.
Und wenn Sie nur die Sätze nach dem von Ihnen zitierten weiterlesen, werden Sie feststellen, dass wir uns keineswegs auf eine Seite schlagen wollen.

...die Farce mit der Nominierung der russischen Teilnehmerin ...

Ich denke auch, dass Russland bewusst so vorging und die Ausladung seiner Teilnehmerin einkalkulierte.
Verdenken kann ich es ihnen nicht. Nachdem in den letzten Jahren immer wieder Stimmung gegen russ. Künstler gemacht, und diese teilweise von medial aufgehetztem Publikum ausgebuht wurden, wie z.B. 2014 in Kopenhagen, war im letzten Jahr mit dem offensichtlichen Punkteboykott der "Fachjuries" ein Höhepunkt der politisch motivierten Ärgerlichkeiten erreicht.
Wenn ich es richtig verstanden habe, bewiesen die ukrainischen und russischen Televoter tatsächlich mehr Verständnis für den Geist der Verständigung als die sogenannten Fachjuries und vergaben gegenseitig hohe Punktewertungen.
Können Sie sich nun den Auftritt eines russischen Künstlers in Kiew unter den gegenwärtigen feindseligen Umständen vorstellen, der nicht zu einem unzumutbaren Spießrutenlauf geworden wäre?