Der Papst kommt

Mit einem Stargast zurück ins Mittelalter

Bernhard Spring21. September 2011

Joseph Ratzinger setzt als Papst zwar weitestgehend die Richtlinien seines Amtsvorgängers Johannes Paul II. fort, doch verfügt er nicht über dessen Charisma.

Entgegen den kircheninternen Forderungen nach einer Aufhebung des Priesterzölibats, nach der Frauenordination und der Lockerung der katholischen Sexuallehre, die sich nach wie
vor gegen Empfängnisverhütung und Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften richtet, führt Benedikt XVI. einen konservativen Kurs, was viele Gläubige an der Zeitgemäßheit der
Kirche zweifeln lässt. "Mit Benedikt zurück ins Mittelalter" heißt es auf zahlreichen Bannern, die seit einigen Tagen in Freiburg im Breisgau zu sehen sind.

Auch seine Verweigerung einer echten Ökumene wird dem Papst gerade im Heimatland der Reformation übelgenommen. Seine Beharrung auf der katholischen Kirche als "einzige Kirche
Christi" behindert den Austausch und das (familiäre) Zusammenleben mit evangelischen und orthodoxen Gläubigen gerade in dem Land, wo das Christentum äußerst heterogen aufgestellt ist.

Doch auch aktuelle Probleme lassen die Zahl der Papst-Kritiker steigen: Es geht um die Missbrauchsskandale in der Kirche, aber auch um Benedikts seltene Stellungnahme zu
gegenwärtigen Entwicklungen wie Klimaschutz, Terror und Wirtschaftskrise. Für den fünftmächtigsten Mann der Welt (laut Forbes-Liste 2010) hält sich Papst Benedikt XVI. erstaunlich oft
zurück.

Und so verwundert es nicht, dass die katholische Kirche schrumpft. Laut Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz haben sich in den letzten zwanzig Jahren 13 Prozent der
Gläubigen von der Kirche abgewandt, 42 Prozent nehmen nicht mehr aktiv am Gemeindeleben teil.

Besonders umstritten ist jedoch nicht nur der Papst, sondern auch seine geplante Bundestagsrede am Donnerstag. Etwa 100 Abgeordnete wollen ihr fernbleiben, da sie sie nicht mit
der religiösen Neutralität des Staates vereinbaren können. Die Parteispitzen hingegen nehmen die Rede wesentlich gelassener. "Genau wie wir Stargästen wie George W. Bush oder Wladimir Putin im
Bundestag zugehört haben, sollten wir auch dem Papst den Respekt zollen und ihm zuhören", erklärte etwa SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Wichtige Impulse werden der Rede eh nicht zu
entnehmen sein, zumindest erwartet dies nach einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung die Mehrheit der Deutschen.

Und wie beurteilt der Papst selbst seine Reise? In einem Fernsehauftritt erklärte Benedikt XVI. "Das eigentlich Große daran ist eben dies, dass wir miteinander an diesem Ort
denken, das Wort Gottes hören und beten." Nichts Diesseitiges also.