Frankreichs Kampf gegen extreme Islamisten

Auf der Spur der „einsamen Wölfe“

Lutz Hermann04. April 2012

In Frankreich gibt es zurzeit eine Verhaftungswelle gegen mutmaßliche Radikal-Islamisten. Vor über einer Woche waren es 18 Männer, 5 wurden ausgewiesen, der Rest muss sich vor Gericht verantworten. Am Mittwoch waren es 10 mutmaßliche Radikal-Islamisten. „Wir räumen auf, es gibt zu viele einsame Wölfe!“, sagt ein Geheimdienstler.

Ist der Hintegrrund ein wahltaktisches Vorgehen, weil in zwei Wochen die Franzosen zur Präsidentschaftswahl (22. April und 6. Mai) an die Urne gehen? Der sozialistische Favorit Francois Hollande sieht die Verhaftungswelle durchaus als einen politischen Hintergrund. Doch er pflichtet seinem Rivalen Präsident Nicolas Sarkozy auch bei, dass die Mordserie des Killers Mohamed Merah das öffentliche Bewusstsein der Grande Nation mächtig aufgerüttelt hat. Der 23-Jährige hatte Waffen, trieb sich in extremistischen Kreisen herum und hielt sich zweimal in Afghanistan und Pakistan auf.  Ob er dort eine militärische Ausbildung erhielt konnte nicht ermittelt werden.

Radikale Ideologie in Moscheen

Sarkozy ordnete eine gründliche Untersuchung des Umfelds von Merah an, der französischer Staatsbürger war und aus einer algerischen Familie stammte. Der Pariser Verfassungsschutz DCRI (Direction Centrale du  Renseignement Intérieur) aktualisierte eine Liste von rund 300 Personen, die in Moscheen und Gebetshäusern zum Teil offen ihre radikale Ideologie verbreiten. Die Franzosen sehen das Vorgehen der Regierung mit positiver Einstellung: Die Ermordung von drei jüdischen Kindern, ihres Religionslehrers in Toulouse und von drei Militärs nordafrikanischer Herkunft  in Montauban hatte im Land Entsetzen und den Ruf nach hartem Durchgreifen ausgelöst.

Ende März griffen die Ermittler eine Gruppe von 18 Islamisten auf, die sich Forsane Alizza nennt.  Sie kamen auf die Spur des salafistischen Hasspredigers Mohamed Achamlane, der die Entführung eines jüdischen Untersuchungsrichters geplant haben soll. Fünf Personen wurden inzwischen ausgewiesen. Sie sollen, so die Lesart in Paris, „geistigen Terrorismus“ verbreitet haben. Einige sollen Reisen nach Afghanistan beabsichtigt haben.  Den restlichen 13 Personen wird illegaler Waffenbesitz und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen.

Im Blickeld: Der Einzeltäter-Typ

Profiler, Psychologen und Polizeiexperten untersuchen derzeit die Netzwerke verdächtiger Frauen und Männer in der Mordaffäre von Toulouse. Der ältere Bruder von Merah wurde in Haft genommen, weil er als Drahtzieher und Beeinflusser gilt. Besonders interessiert die Fachleute der radikal-islamistische Nachwuchs, darunter der Typ Einzeltäter, im Polizeijargon „einsamer Wolf“ genannt. Sarkozy hat öffentlich darauf hingewiesen, dass es für Merah kein Netzwerk gegeben habe. Oft besitzt die Gruppe der „Wölfe“ die französische Staatsangehörigkeit, sie lebt völlig zurückgezogen und reist in Kriegsgebiete. Die Ermittler fragen sich, wie aus Gewaltvideo-Betrachtern kaltblütige Islamisten werden können. Sie sind gezwungen, die „Szene des islamistischen Terrors in Frankreich“  neu zu bewerten.

Dazu wird eine Reihe wesentlicher Fragen gestellt: Wer sind die Aus- und Vorbilder? Woher kommen die Waffen? Woher das Geld für die Ausrüstung? Was motiviert ihren Hass und ihre Wut? Wer oder was macht sie zu einer „tickenden Zeitbombe“? Dass Sarkozy unlängst davon sprach, in seinem Land sei die Integration von Muslimen gescheitert, hat die Bewertung nicht gerade erleichtert.

Schießübungen in Wäldern

Eine andere Gefahr kommt aus den Haftanstalten. Hunderte verdächtige Islamisten unterhalten im Gefängnis eine geheime „Informationsbörse“, um sich von Zelle zu Zelle auszutauschen. Abwehrchef Bernard Squacini erklärte in „Le Monde“, Merah sei ein Autodidakt gewesen, der den Koran eifrig gelesen und sich mit Gleichgläubigen kurzgeschlossen habe, die schon im Ausland waren.  Er soll nach seiner Entlassung Kontakte zu Salafisten gesucht und in abgelegenen Wäldern in der Nähe von Toulouse Schießübungen vorgenommen haben.

Allerdings muss sich Sarkozy auch die Frage gefallen lassen, warum seine Sicherheitskräfte nicht schon früher die Islamistennester ausgehoben haben. Die Liste von Verdächtigen liegt schon lange vor.  Dass jetzt auch wahltaktische Überlegungen eine Rolle spielen, hängt wohl damit zusammen, dass der Präsident in Umfragen, was die Stichwahl am 6. Mai betrifft, weiter hinter dem Favoriten Hollande liegt. Als Schutzpatron der Inneren Sicherheit bringt sich Sarkozy seit Wahlbeginn täglich in Erinnerung.

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