Rezension; Lauren Grodstein: "Die Freundin meines Sohnes"

Spießbürger beim Klassenerhalt

Birgit Güll18. Mai 2011

Elaine und Pete Dizinoff kennen die Sterns, Iris und Joe, seit Collegezeiten. Inzwischen sind sie an die 50 und leben in einem noblen Villenviertel in New Jersey, unweit von New York. Pete,
Hauptfigur und Ich-Erzähler, ist Arzt, außerdem "Ehemann, Vater, Basketballfan". Eigentlich war er in die attraktive Iris verliebt, doch die hat John Stern geheiratet.

Allerdings hat Elaine auch ihre Vorzüge: "Im Allgemeinen verließ meine Frau sich auf mein Urteil über Fragen von internationaler Bedeutung genauso, wie sie sich darauf verließ, dass ich die
Rechnungen bezahlte oder den Klempner bestellte." Lauren Grodstein lässt ihren Erzähler Pete davon berichten wie es dazu kam, dass er aus dem gemeinsamen Haus ausziehen musste und sein Sohn kein
Wort mehr mit ihm spricht. Das verleiht dem Buch Spannung und Tempo.

College-Absolvent, Ehemann, Vater

Alec ist ein lang ersehntes Wunschkind und der ganze Stolz seiner Eltern. Pete hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was aus dem Jungen werden soll: College-Absolvent, Ehemann, Vater.
Also ziemlich genau das, was er selbst ist. Er hat viel Geld in Alecs Ausbildung gesteckt und ist bereit, noch mehr zu investieren. Den Klassenerhalt lässt man sich gerne was kosten. Doch sein
Teenager-Sohn zeigt kein Interesse an einer Hochschulausbildung. Er will Künstler werden.

Aus Sicht des besorgten Vaters spitzt sich diese ohnehin schon vertrackte Lage zu, als Alec sich in die älteste Tochter der Sterns verliebt. Denn zum einen ist Laura gut zehn Jahr älter als
sein Sohn. Zum anderen ist die junge Frau in Petes Augen eine Kindsmörderin: Als 17-Jährige hat Laura in der Bibliothekstoilette ein Baby zur Welt gebracht. Eine Frühgeburt, der sie den Schädel
einschlug. Während die Sterns sich damals mit Juristen und Psychologen auseinandersetzten ging Pete auf Distanz zu seinen besten Freunden.

Pete empfand "diffuse Abscheu" vor dem, was Laura getan hatte, "und die Befriedigung, dass es nicht einem selbst passiert ist." Peter interessiert sich nicht dafür, ob das Kind überhaupt
lebensfähig war oder was in der 17-jährigen Laura vorging. Für ihn war und ist sie eine Mörderin. So einfach ist das Denken in den Kategorien schwarz und weiß.

Die heile Welt des Mittelstandes

Laura war in psychiatrischer Behandlung, hatte sich lange in Europa aufgehalten und kehrt, inzwischen 30-Jährig, zu ihrer Familie zurück. Dass sie und Alec sich füreinander interessieren, ist
Petes schlimmster Albtraum. Mit aller Macht will er seinem Sohn das Leben aufzwingen, das er sich für ihn erträumt hat, vorzeigbare Ehefrau und Mutter der gemeinsamen Kinder inklusive. Dass er
damit seine Grenzen überschreitet, interessiert ihn so wenig wie die Tatsache, dass er dabei all die Beziehungen, die sein Leben ausmachen, gefährdet.

Lauren Grodsteins Roman ist das Porträt eines Spießbürgers in all seiner Ignoranz und Selbstgefälligkeit. In Rückblenden öffnet die US-Amerikanerin den Blick hinter die Kulissen der heilen
Welt des oberen Mittelstandes, in der das Urteil der Nachbarn alles zählt. Eine Welt, in der jeder besorgt um den eigenen Erhalt bereit ist, alles zu tun, um nicht dahin abzurutschen wo man - mal
mitleidig, mal angewidert - hinblickt: nach unten.

Lauren Grodstein: "Die Freundin meines Sohnes" Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2011, 350 Seiten, 21, 95 Euro, ISBN 978-3-608-93896-8

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