Siegfried Lenz: Landesbühne

Spiel mit der Wahrheit

Edda Neumann24. September 2009

Etwas wacklig auf den Beinen betrat der inzwischen 83-jährige Siegfried Lenz ohne sein typisches Accessoire - die Pfeife - die Bühne. "Schreiben bekommt mir - auch wenn man sich gelegentlich
in seinen Ansichten widerruft", erklärte er mit leiser Stimme zu Beginn der Buchvorstellung im Haus der Berliner Festspiele. Nach seinem langwierigen Krankenhausaufenthalt in den letzten Monaten
sei es zudem eine "unerwartete Therapie" gewesen.

Wie in seinen anderen Stücken thematisiert er in seinem neuen Buch Kultur und Literatur. Es ist eine Geschichte vom Ausbruch und vom Versuch, mit Kultur die Welt zu verändern. "Meine Bücher
sind Novellen, denn sie haben keinen unerhörten Umfang wie ein langer Roman", betonte Siegfried Lenz amüsiert. Er selbst habe beim Schreiben manchmal aufgelacht. Und so soll es auch sein.
"Landesbühne" ist ein Schelmenroman im klassischen Sinn: Über spritzigen Humor und so manche Absurdität des Alltags kommen Figuren und Leser zu neuen und tiefsinnigen Einsichten.

Der deutsche Film- und Theaterschauspieler Burghart Klaußner las Auszüge aus "Schweigeminute" und "Landesbühne". Als krönenden Abschluss und sehr zur Freude des Publikums trug Siegfried Lenz
schließlich eine humoreske Parabel vom großen "Zackenbarsch" vor, die er seinem langjährigen Freund Marcel Reich-Ranicki gewidmet hat.


"Manchmal kann die Wahrheit nur erfunden werden"

In seiner neuesten Novelle "Landesbühne" erzählt Siegfried Lenz von den Häftlingen Clemens, Hannes, Bolzahn und Mumpert. Denen gelingt es die während einer Theateraufführung der Landesbühne
das Gelände mit dem Bus der Theatertruppe ungehindert zu verlassen. Kurz darauf feiern die Bewohner des idyllischen Städtchens Grünau talentierte Schauspieler - die gar keine sind. Mit dem
Hereinbrechen der Kunst und angetrieben von Gefühl, Leidenschaft und Fantasie entdeckt auf diese Weise ein ganzes Gemeinwesen seine Möglichkeiten zu Größerem.

Und niemand scheint Verdacht zu schöpfen. Der Ich-Erzähler Clemens, ein Literaturprofessor, der seine Studentinnen nach erotischen Nächten besonders erfolgreich durch das Examen geleitet hat,
hält in der von ihm gegründeten Volkshochschule Vorlesungen über "Sturm und Drang". Sein einstiger Zellengenosse Hannes, der mit einer erbeuteten Polizeikelle arglosen Autofahrern Bußgelder
abkassierte, gründet ein Heimatmuseum. Und auch die anderen Geflohenen richten sich in ihrem neuen bürgerlichen Leben ein.

Jedoch ist diese Beschaulichkeit nicht von langer Dauer. Im Hintergrund regen sich Zweifel: Sind alle - der Intendant der Landesbühne, der Gefängnisdirektor, der Bürgermeister und die
Bürger von Grünau - Teil einer grandiosen Inszenierung? Die Ausreißer selbst scheinen keine Ahnung zu haben. Werden sie in ihre Zellen zurückkehren müssen?

Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, zählt zu den bedeutendsten und meistgelesenen Schriftstellern der Gegenwartsliteratur. Mit Geschichten wie "Deutschstunde" oder
"Heimatmuseum" hat er sich einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte erschrieben. Mit "Landesbühne" ist dem Erzähler ein weiteres bestechendes und witziges Gleichnis auf die
Unwahrscheinlichkeiten des Alltags gelungen.



Edda Neumann



Siegfried Lenz: Landesbühne, Hoffmann und Campe 2009, 128 Seiten, 17 Euro, ISBN-13: 978-3455042825


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