Ost-West-Geschichten

„Die SPD war ihr auf den Leib geschnitten“

Karin Nink22. April 2014
Matthias Platzeck war einer der beiden Schlichter im Streit zwischen der Deutschen Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL.
25 Jahre nach dem Mauerfall: Im vorwärts-Interview spricht Matthias Platzeck über Regine Hildebrandt, ihren Einfluss auf die SPD und wie ihn die Jahrhundertpolitikerin auch persönlich beeinflusst hat.

vorwärts.de: Regine Hildebrandt und Sie sind Ostpolitiker der ersten Stunde. Was hat sie verbunden und was getrennt?
Eigentlich hat uns mehr verbunden. Wir waren in der ersten Koalition in Brandenburg beide – sie als Sozialministerin, ich als Umweltminister –, die, die sich menschlich mit am nächsten waren. Es hat sich ein persönlich freundschaftliches Verhältnis entwickelt, nicht nur ein politisches.
Verbunden hat uns viel Seelenlage und durchaus auch ein spezifisches Fachinteresse. Regine war Biologin. Deshalb war sie auch für mich als Umweltminister immer eine gute Unterstützerin.
Es gab einen einzigen Punkt, wo wir uns mal richtig entzweit haben. Das war 1999 zur Frage: Gehen wir in eine Koalition mit der Linkspartei – damals noch PDS – oder gehen wir in eine Koalition mit der CDU?
Regine hat auf dem Landesparteitag vehement für die Linkspartei gestritten – wohl auch weil es sie persönlich verletzt haben muss, wie die CDU sie zur Zeit unserer absoluten Mehrheit mit ungerechtfertigten Klagen überzogen hat. Ich fand eine Zusammenarbeit mit der PDS damals deutlich zu früh. Sie hat noch in dieser Nacht vom Parteitag weg ihren Dienst quittiert. Das tat sehr weh. Glücklicherweise haben wir uns nach einer gewissen Abkühlzeit wieder gut vertragen.

Es gibt viele Etiketten für Regine Hildebrandt: Mutter Courage des Ostens, die östlichste Ministerin, die ideale Gesamtdeutsche. Was passt?
„Mutter Courage des Ostens“ hat ganz viele Bestandteile, die zutreffen. Das erste Jahrzehnt nach dem Mauerfall explodierte die Arbeitslosigkeit. Man kannte es ein halbes Jahrhundert nicht, arbeitslos zu sein.
In so einer Zeit ist es essentiell, dass es irgendwie noch ein paar Fixpunkte gibt. Sonst hast du eine Gesellschaft in der Gefahr, dass sie völlig zerfällt. Du musst irgendwann noch das Gefühl haben, da versteht mich einer, da weiß einer genau, wie es mir geht – und er macht was draus und er ist politisch wichtig. Das waren Regine Hildebrandt und Manfred Stolpe.
Dass wir heute in Brandenburg so dastehen als Sozialdemokratie, dass wir das einzige Ostland sind, wo die SPD seit 25 Jahren ununterbrochen regiert, hat auch mit diesen beiden Personen zu tun.
Regine hat den Menschen Hoffnung gegeben, Mut gemacht, auch Trost gespendet.
Und solche Sätze wie „Geht nicht, gibt’s nicht“, „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“ oder „Der eigentliche Sinn des Lebens liegt im Miteinander“ das sind Glaubensbekenntnisse im Osten geworden. 

Hat Regine Hildebrandt Sie beeinflusst?
Bestimmt. Ich glaube, dass ihre Unbedingtheit und dieses „Was nicht machbar ist, wird machbar gemacht“ und „Aufgeben gilt nicht“ mich sehr beeinflusst haben. Diesem Sog konntest du dich nicht entziehen. Das war auch eine Schule.
Wenn Regine Hildebrandt nicht aufgrund ihrer  Krankheit so eingeschränkt gewesen wäre, hätte sie die SPD stärker beeinflussen können oder wäre die Entfremdung größer geworden?
Regine Hildebrandt stand nach 1999 an vielen Stellen an der Seite von Gerhard Schröder. Sie konnte sehr klar und nüchtern analysieren, volkswirtschaftliche Notwendigkeiten erkennen und daraus Schlüsse ziehen. Deshalb wäre ich jetzt vorsichtig, wenn man vermutet, es wäre alles ganz anders gelaufen.

Was hat sie zur SPD gebracht bzw. in der SPD gehalten?
Regine war immer dafür, dass Verteilungsgerechtigkeit ein zentrale Rolle in der sozialdemokratischen Politik spielt. Aber sie war ganz klar auf der Seite derer, die gesagt haben, wir dürfen unsere Sozialsysteme nicht ruinieren. Wir müssen uns immer auch um die Einnahmen der Gesellschaft sorgen. Deshalb war für sie die SPD, das hat sie ja später oft gesagt, wie auf den Leib geschneidert. Und sie war Berlinerin und ist in der Bernauer Straße groß geworden – da spielte auch Willy Brandt und die jüngere Geschichte rein. 

Gibt es jemanden, der heute in der SPD für eine Politik von Regine Hildebrandt steht?
Ich glaube, Regine Hildebrandt bildet sich nicht in einer Person ab. So eine wie sie gibt es vielleicht einmal in 50 oder 100 Jahren. Das gilt ja auch für eine Persönlichkeit wie Willy Brandt. Regine Hildebrandt lebt in den Herzen hier im Osten absolut weiter. 

Ist Regine Hildebrandt als Ikone immer ein Ansporn für die ostdeutsche SPD?
Das zentrale Parteihaus unseres Landesverbandes heißt Regine-Hildebrandt-Haus. Eine bedeutende Auszeichnung, die die SPD verleiht, heißt Regine-Hildebrandt-Preis. Das sagt ja schon fast alles. Regine Hildebrandts Ideen sind nicht in der Geschichte verschwunden, sondern weiter unter uns.

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