Counterspeech

Die SPD muss Probleme machen, statt nur Sorgen und Ängste ernst zu nehmen

Paul Bahlmann 09. November 2018
Pegida, AfD und Co formulieren vermeintliche Sorgen und Ängste. Die SPD sollte den Rechten nicht auf den Leim gehen, meint Paul Bahlmann.
Pegida, AfD und Co formulieren vermeintliche Sorgen und Ängste. Die SPD sollte den Rechten nicht auf den Leim gehen, meint Paul Bahlmann.
Wenn Politik nur auf vermeintliche Sorgen und Ängste reagiert, wird sie beliebig und geht Populist*innen auf den Leim. Die SPD sollte deshalb eigene Probleme definieren und dafür Lösungen entwickeln – gegen Hass, für Demokratie.

„Sorgen und Ängste ernst nehmen“. Das ist aktuell der große Schlachtruf völkisch-nationaler Kreise (selbst ernannt natürlich: „Besorgte Bürger"). Manchmal hört man ihn auch in konservativen Kreisen, selten auch in sozialdemokratischen. Leider, denn der Satz ist grundfalsch. Und der Satz enthält ein Paradox. Dazu muss man seine gesprochene und seine praktische Seite trennt, dann versteht man, dass hinter der Forderung eine Falle steckt.

Die gesprochene Seite des Satzes

Gesprochen ist der Satz nichts anders als ein Anspruch. Ein Anspruch darauf, dass (noch nicht) gewählte Politiker*innen mit Menschen nur sprechen müssten, um ihre „Sorgen und Ängste“ aufzusaugen, wie ein Staubsauger, sie von innen nach außen zu wenden und daraus, wie durch Zauberhand, die Lösungen zu entwickeln, die wir so dringend brauchen. Eine vollkommen idiotische Vorstellung. Und gefährlich dazu.

In dieser Logik steckt nämlich ein populistischer und damit anti-demokratischer Kern. Dazu ein kurzer Exkurs in den Populismus. Die Logik des Populismus lässt sich, kurz gesagt, auf den angenommenen Widerspruch zwischen homogenen Eliten und homogenem „Volk“ herunterdampfen. Homogenität heißt hier: Auf einer Seite haben alle dasselbe Ziel bzw. Interesse. In der Logik des Populismus ist das Volk dabei heilig. Es steht über allem. Und nicht nur das. Es ist auch moralisch rein. Als Ganzes, als Einheit, weiß es, was es will. Alle, die etwas anderes wollen, sind folglich unmoralisch, fies, gemein und böse. Die homogenen Eliten wiederum korrumpieren das heilige Volk mit ihren Elite-Ideen, so verrückte Dinge, wie Rechtsstaat, Gewaltenteilung, freie Kultur, Meinungsäußerung und Presse, staatliche Solidarsysteme - sowas abgehobenes eben.

Und hier kommen die*der Populist*in und die Logik des gesprochenen „Ängste und Sorgen ernst nehmen“ ins Spiel. Denn in der Logik des Populismus ist die*der Populist*in ja selbst kein aktiver Teil im politischen Spiel. Nein, nein, sie*er verkündet lediglich aus seiner Sicht die homogene Meinung des moralisch-reinen Volkes.

Realität wird passend gemacht

Antidemokratisch wird diese Logik durch ihre Homogenitätsannahme, sie ist antiplural. Und wenn das Volk weiß, was es will, werden Parteien überflüssig. Einen offenen Meinungsaustausch gibt es nicht mehr. Und in der Realität wird eben - wie immer im Autoritarismus - was nicht passt, passend gemacht, mit Maulkörben, Arbeitsverbot, Knast für alle, die nicht der Volksmeinung entsprechen. Und genau diese Logik trifft das gesprochene Ernstnehmen von Sorgen und Nöten: die Probleme aufnehmen, die auf der Straße liegen. Einfach nur „zuhören. Das Gehörte nehmen und umkehren und schon ist die Lösung da. Darin steckt die Kapitulation des Politischen.

Manche gehen möglicherweise dem Fehlschluss auf dem Leim, dass Politik sich im „Streit um die beste Lösung“ erschöpft. Das ist aber zu kurz gegriffen. Politik heißt auch, sich um Probleme zu streiten. Denn politisch ist, um die Köpfe der Menschen zu kämpfen. Egal, ob ihr neoliberal, christlich-konservativ oder jungsozialistisch seid. Gesellschaftspolitik beginnt erst da, wo ihr den Streit über Problemsichten beginnt. Sie endet da (oder beginnt erst gar nicht), wo sich keiner mehr traut dem Volk unterschiedliche Probleme und (!) Lösungen anzubieten. Beides gehört zu einem politischen Diskurs dazu.

Dies nicht zu tun, ist wie vor euerem Blumenbeet zu stehen und immer wieder das gleiche anzubauen und gar nicht erst zu fragen, was mit ein bisschen Arbeit möglich wäre. Wer will schon so gärtnern? Gesellschaft ist nicht Malen nach Zahlen, wo immer dasselbe Clownsbild rauskommt. Wir machen Gesellschaft und sind Teil davon.

Macht selber Probleme!

Hört also auf, Probleme ernst zu nehmen, macht selber Probleme! Oder macht es nicht, dann machen es aber andere. Und wie sie das tun. Denn gerade die, die am lautesten für sich in Anspruch nehmen, „Sorgen und Probleme ernst zu nehmen“ sind die, die am meisten Probleme schaffen. Die AfD schafft Probleme, weil sie politische bzw. gesellschaftliche Probleme aus ihrer Sicht definiert. Konsequent problematisiert sie Elemente, um ihre Probleme an den „kleinen Mann“ zu bringen. Dankenswerterweise werden mit den Problemen auch immer gleich passende Lösungen geliefert. Das an sich ist jetzt nicht furchtbar neu, so funktioniert Politik. Aber die AfD problematisiert eben ihre Themen: Migration, Flucht = Kriminalität zum Beispiel.

Das bedeutet nicht, dass sich Politik nicht mit Sorgen und Problemen von Menschen auseinandersetzen soll. Im Gegenteil: Menschen zuzuhören und diverse Realitäten wahr- und anzunehmen ist ein zentraler Bestandteil guter Politik. Was fehlt, ist die eigene Analyse, die Klarheit auch „Probleme zu schaffen“ oder anders formuliert: Dinge zu problematisieren. Ursachen hervorzuheben, herauszuarbeiten, pointiert, klar, deutlich. Diese Probleme gerne in einen größeren Kontext zu setzen. (Stichwort: Kapitalismuskritik) Das ist die Aufgabe von Politik. Wer die Logik von Politik nur darin sieht, bestehende Probleme zu lösen, macht sich abhängig von denen, die diese Probleme definieren.

Kümmert euch, um eure eigenen Probleme!

Die Logik der #Aufstehen-Bewegung zieht sich übrigens genau darauf zurück. In vielen Diskussionen, die ich mit Unterstützer*innen von #Aufstehen geführt habe, kam immer wieder eine ähnliche Aussage zum Vorschein: Menschen sind halt fremdenfeindlich, deswegen können wir nicht einfach nur liberal sein. Hier wird ein Problem gelöst, das andere geschaffen haben. Die AfD vagabundiert seit 2013 durch politische Debatten und definiert Fremde als Problem für alles - selbst im Bereich Klimawandel. Jedem Thema, jeder noch so fachfremden politischen Forderung, wird das Problem „Migration/Fremde/Ausländer“ untergeschoben. Die Problemdefinition ist immer der Kern für jeden Lösungsansatz. Und diese Problemdefinition bleibt hängen. Sie wird zum Fundament eines Gedankengebäudes des völkischen Nationalismus.

Ich würde auf diesem fremdenfeindlichen Fundament nicht mein gedankliches, ökologisch-korrektes, solidarische Genossenschaftshaus bauen. Gerade progressive, linke oder jungsozialistische Politik muss dem etwas entgegensetzen. Sie sollt eben nicht der Erzählung des völkisch-nationalen Populismus auf den Leim gehen und nur Probleme übernehmen, die ebenjene Autoritären erst „herbeireden“ also definieren. Wir sollten vielmehr unsere eigenen Probleme schaffen. Die Kraft des völkisch-nationalen Populismus liegt auch in seinen gesamtgesellschaftlichen, übergreifenden Erklärungsversuchen. Ein höheres Ganzes, das Big Picture - auch das gehört zum Problememachen dazu. Das erklärt für mich auch ein Stück des Erfolgs der Grünen, die über jedes Problem die Rettung der Erde (als ökologisches Objekt) stellen und stellen können. Was also ist das große Bild der modernen Sozialdemokratie?

weiterführender Artikel

Kommentare

Die SPD hat ihr Problem...

...es ist der egozentrische Neoliberalismus mit seinen extrem zerstörerischen Werten, die auch das Fundament für den heruntergekommenen Wertekanon von AFD und Pegida sind ! Grundlage der heruntergekommenen Werte des Neliberalismus waren nach wissenschaftlichen Erkenntnissen der Rückgang der Religionen bzw. deren partielles nicht mehr Vorhandensein historisch religiös weitergegebener Werte und ein Bildungssystem das soweit herunter gefahren wurde, dass es überwiegend nur noch der Wirtschaft dient (Humanismus ? Fehlanzeige!) !!. An Wirtschaftshochschulen werden geballt und nahezu ausschließlich die egomanischen Werte des Neoliberalismus vermittelt !
Die SPD hat schon lange ihr Problem, sie braucht es nicht mehr zu schaffen!!

Es ist der Neoliberalismus verbunden mit einem ungezügelten Lobbyeinfluss vorwiegend der Großkonzerne !!!

Dem Kommentar von Carlo

Dem Kommentar von Carlo Ermark möchte ich vollständig zustimmen. Frage: Wer bestimmt, was an Wirtschaftshochschulen gelehrt wird? Sind sich alle Professoren einig, gibt es einen Ehrenkodex für Wirtschaftsliberalismus? Diese Frage hätte ich gern auf den Tisch. Von der SPD.

Lieber Hartmut

Du erwartest von "der" SPD eine Antwort, die sie schwerlich geben kann. Nur ein Beispiel: der neoliberale Wirtschafts"wissenschaftler" Marcel Fratzscher gilt in einigen SPD- und DGB- Kreisen als links nur weil er nicht ganz so offenkundig wie das IFO agiert.

Neoliberale Clique mit schwindenden Einfluss !!?

Lieber Armin, wenn es tatsächlich so ist,dass die SPD keinen Einfluss mehr auf die Besetzung der Wirtschaftshochschulen und eine offenere Lehre bei den Wirtschaftswissenschaften nehmen kann, ist das nicht ein Zeichen dafür dass es außer inhaltlichem Richtungswechse auch personelle Erneuerung in der Spitze der SPD braucht und Leute mit mehr Durchsetzungskraft !!?
Notfallss müssen die Strukturen der Lehre eben so geändert werden, dass nicht eine neoliberale Clique aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft das Sagen hat !!! Möglicherweise sitzen einige dieser neoliberalen Clique auch in SPD-geführten Ministerien und an der Spitze der SPD ! So erklärt sich dann wohl auch der Schwund von Zustimmung für SPD-Politik von derzeit 13-14 % und der Wählerschwund von geschätzt 1 %/Monat für unsere SPD !!

SPD-Thema: Einstieg in die Postwachstumsgesellschaft

Falls die SPD noch ein übergeordnetes Narrativ benötigt, mit dem Sie sogar den minütlich erstarkenden Grünen einige Schritte voraus wären, könnte das "Einstieg in die Postwachstumsgesellschaft sein".die auch die immer extremeren gesellschaftlichen Ungleichheiten als Nebeneffekt beseitigt. Schutz der Lebensgrundlagen und Beseitigung extremer sozialer Ungleichheit sind die Themen welche die Menschen umtreiben und nicht ein stetig steigendes Bruttoinlandsprodukt !!
Leider ist das Thema Postwachstum bisher kaum Thema an unseren Wirtschaftshochschulen.
Die Sozialwissenschaften sind da längst am Ball !
Siehe Universität Jena:
http://www.kolleg-postwachstum.de/

Für Interessierte hier diesbezügliche Veranstaltungstips:
http://www.soziologie.uni-jena.de/Aktuelles/Veranstaltungen/Vorank%C3%BC...

Die Thematik ist eine Chance für unsere SPD, wieder glaubhaft für Zukunft zu stehen und nicht für industrielobbygesteuerte Rücwärtsgewandheit (s. anhaltender unbewältigter Abgasbetrugs-Skandal u. Kohleverbrennung) !
Lieber 100 Schritte voraus als 1000 Schritte hinterher !!

Es reicht ein Kommentar zur Überschrift

Abgesehen davon das man diesen "Artikel" samt seiner arroganten, realitätsverweigernden Grundhaltung die einen Freispruch für das umfassende Politik- und "Demokratie"-Versagen der etablierten Parteien darstellt getrost ignorieren sollte, reicht eigentlich ein Kommentar zur Überschrift.

Die etablierten Parteien haben bereits Probleme gemacht und führen diesen Kurs weiter. Daher werden sie von den Geschädigten abgewählt.

Abstruserweise fabuliert der Autor, das es ein Problem darstellt wenn sich die selbsternannten "Eliten" tatsächlich mal um Probleme kümmern, egal wer sie benennt.
Das es gerade die Weigerung der Politik ist, die von ihr erzeugten Probleme wahrzunehmen und deren Gewichtung anhand der Lebenserfahrungen der direkt Betroffenen zu werten mag der Autor nicht gelten lassen.

"Und in der Realität wird eben - wie immer im Autoritarismus - was nicht passt, passend gemacht, mit Maulkörben, Arbeitsverbot, Knast für alle, die nicht der Volksmeinung entsprechen"

Abgesehen vom "Knast" und "Volksmeinung" sind wir da bereits, siehe regelmäßige politisch gewollte Verfälschung des Armutsberichtes.

„Sorgen und Ängste ernst nehmen“

Soll jetzt diese Phrase auf den sozialdemokratischen Index ? Ist das jetzt, iggittiggitt, Populismus ? Einerseits ist festzuhalten, daß sich sozialdemokratische Politik um das Wohl und Wehe, um die Bedürfnisse der Menschen kümmern muss um als solche wahrgenommen zu werden. Andererseits haben viele Menschen (Wähler) den Eindruck, daß sich die SPD sehr wohl um die „Sorgen und Ängste“ der Manager und der Konzerne kümmert, und das verstehen die meisten nicht unter sozialdemokratischer Politik - und ist es ja auch nicht.
Gedemütigt durch Hartz IV, Niedriglohn, Befristung, Rente mit 67 (alles Erfindungen oder Verschärfungen der letzten 20 Jahre SPD Politik) erkennt kaum noch jemand etwas sozialdemokratisches bei der SPD. Da ist großer Änderungsbedarf auch wenn es Schimpfe von den Qualitätsmedien gibt, denn wie sagte schon August Bebel: "Wenn uns unsere Feinde loben, dann haben wir was falsch gemacht."
Auch sollte man sozialdemokratische Wirtschaftskompetenz nicht mit allzu großer Nähe zu Konzernmanagern verwechseln !

Noch nicht genug Probleme verursacht ?

Laut dieserm Artikel soll die SPD also weiterhin Probleme verursachen und auf gar keinen Fall auf die Sorgen und Ängste der Bevölkerung hören, noch viel weniger auf die Wünsche des angeblich repräsentierten "Souveräns" eingehen.

13% sind offensichtlich noch nicht schmerzhaft genug. Anders kann man sich solche den Wähler und seine Anliegen beleidigenden Artikel nicht erklären.

Auch in der "repräsentativen Demokratie" wird der Wunsch des Autors, die Politik vom Wählerauftrag vollständig zu entkoppeln per Wahl und ABwahl bedämpft.

Parteien haben keine Probleme zu verursachen sondern zu lösen.
Wenn sie das nicht wollen und auch den Auftrag des "Souveräns" nicht begreifen und erfüllen wollen dann verlieren sie zurecht Stimmen und Zustimmung.

8% noch, liebe SPD. Ihr schafft das. Mmit der hier gezeigten Haltung ist das sogar unvermeidbar.

Welche Aufgabe hat den eine Partei sonst?

Sich den Sorgen und Ängsten der Bevölkerung annehmen und Lösungen finden, ist die Aufgabe einer Partei. Ich glaube der Autor sollte seine Rolle in der Partei dringend überdenken. Ich habe selten solch eine irreale Vorstellung von der Funktion einer demokratischen Partei vernommen

Artikel ist sehr unverständlich geschrieben

Wie den anderen Kommentaren zu entnehmen ist, schlecht geschrieben.
Ich möchte kurz zusammenfassen was ich, mit wohlwollendem Blick auf die SPD, dem entnommen habe:
Der Slogan "Sorgen und Ängste ernst nehmen" unterstellt, dass sonst niemand die Sorgen und Ängste ernst nehmen würde als der Sprecher des Slogans, und das alle gegen das Establishment die gleichen Sorgen und Ängste hätten, die aber niemand von denen da oben ernst nimmt.
Die Realität ist aber: Es gibt eine Vielzahl von Problemen und Lösungsangeboten, die sachlich in ihrer Vielfalt auch diskutiert werden müssen. Nicht einfach die populistisch allgemeinen "Sorgen und Ängste".
Ich hoffe, die SPD ist nun endlich auf diesem Weg, das Camp am Wochenende sollte ja nur ein Auftakt sein.

Im Gegenteil: Sehr verständlich.

Schon der Eingangsabsatz beweist, das der Autor nichts davon hält, Sorgen und Nöte der Bevölkerung auch nur ansatzweise wichtig oder auch nur beachtenswert zu finden.
Die abstrusen, demokratiefeindlichen Konstruktionen die dann folgen zeigen wie so oft bei den durchaus "homogenen" Parteinutznießern aller Couleur die parteiübergreifende Arroganz der "Eliten" - oder was sich allzu offensichtlich dafür hält.

Solchen Individuen sei geraten endlich das Grundgesetz zu lesen, das zumindest theoretisch alle staatliche Gewalt bindet. Darin stehen "populistische" Dinge wie "alle Staatsgewalt geht vom Volke aus" und "die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung mit", NICHT "die Parteien bestimmen, was die Bevölkerung politisch zu wollen hat".

Nun, die SPD wirkt in der Tat auch durch solche Artikel bei der politischen Willensbildung mit.

Wirklich schade für diese Partei, die sich offenbar primär um die Wünsche der Kapitaleigner kümmern möchte, das es ausgerechnet Menschen mit realen - auch finanziellen - Sorgen und Nöten sind, die die überwältigende Mehrheit der Wähler stellen.
Was nun ? Doch wieder "populistischer" werden oder weiter Richtung

Leider falsch verstanden

Leider verstehen Sie den Autor und seinen Text vollkommen miss. Er plädiert nicht dafür, Sorgen und Ängste der Menschen nicht ernst zu nehmen, sondern genau zu gucken, woher diese kommen. In dieser Logik ist ein (drohender) Arbeitsplatzverlust eine Sorge, die die SPD drigend ernst nehmen muss, die von rechten Kreise geschürten Ängste vor einem Migrationspakt aber nicht. Ich hoffe, nun ist die Argumentation klarer.

Wer versteht denn "miß" ?

Meinen Sie nun die "gesprochene" oder die "praktische" Seite des vom Autor als "grundlfalschen" Satz diskreditierten "Anspruchs "?

Der Autor reduziert die politische Tätigkeit der von ihm homogenisiert dargestellten "Eliten" auf eine Gruppe die sich für " Elite-Ideen, so verrückte Dinge, wie Rechtsstaat, Gewaltenteilung, freie Kultur, Meinungsäußerung und Presse, staatliche Solidarsysteme - sowas abgehobenes eben." einsetzen soll.

Weiter an der Realität vorbei gehts schon gar nicht.

Was der Autor offenbar nicht wahrhaben will: "die Eliten" sind unglaubwürdig.
Weigern sie sich gemäß Artikel weiterhin die Sorgen und Probleme der Wähler genau so zu werten wie die Betroffenen dann siegen eben "Populisten".
Kein Wunder, das Mißtrauen entsteht, wenn ein "Migrationspakt" genau so heimlich wie die Konzernermächtigungsgesetze TTIP, JEFTA und wie sie alle heißen an der Öffentlichkeit vorbeigeschummelt wird.

Mißtrauen bedeutet aber auch, das Autors "Eliten" so viel relativieren und schönreden können wie sie wollen.

Wählers Realität inkongruent zu Politsprech = Abwahl.
Partei löst keine Probleme sondern verschlimmert sie= Abwahl.
Nicht vertrauenswürdig = Abwahl.

Sie verstehen miss

Die von Ihnen zitierte Textstelle finde ich im oben stehenden Beitrag nicht. Genau das, was Sie dem Autor als Meinung unterzuschieben versuchen, vertritt er gar nicht. Und von den "Eliten" spricht er nur im Zitat. Wenn Sie ihn also nicht missverstehen, dann intepretieren Sie ihn bewusst um.

Ich verstehe sehr gut

Allerdings könnten Sie ja so freundlich sein, genauer zu schreiben was Sie angeblich im Artikel nicht finden.

Texte wie dieser Artikel sind nichts als eine Version der "Erkläreritis", der Behauptung das der Wähler grundsätzlich zu dumm ist, die perfekte, fehlerfreie "Eliten"politik zu begreifen und darum nicht ernstgenommen werden darf sondern nur mehr "Erklärungen" braucht um zum von Oben geforderten Ergebnis zu kommen.

"Die Populisten" sind gerade darum stark weil die Etablierten sich weigern, Sorgen und Probleme der Wähler auch nur ansatzweise wahrzunehmen, geschweige denn als begründet zu werten.

Die einzige Möglichkeit "Populisten" zu bedämpfen ist, die reale Lebenssituation der Wähler anzuerkennen und die Probleme der Wähler zu lösen.

Der Autor möchte lieber die Elfenbeintürmler noch mehr vom Wähler entkoppeln und damit Populismus den Boden entziehen, hat also nichts begriffen.

Leider verstehen Sie immer noch nicht

Dem Autor geht es darum zu schreiben, dass Parteien nicht den vermeintlichen, von Rechtspopulisten geschürten Ängsten (Bevölkerungsaustausch, angebliche Massenvergewaltigungen etc.) hinterherlaufen, sondern die wirklichen Probleme (Armut, steigende Mieten etc.) lösen sollten. Also genau das, was Sie ja eigentlich auch fordern.

wenn das tatsächlich so wäre

und Ihre Vermutungen stimmen, dann hat der Autor das Wesentliche nicht begriffen oder nicht begreifen wollen.
Das selbst verschuldete Mißtrauen kann niemals überwunden werden wenn "die da oben" weiterhin primär ihre eigene Semantik durchdrücken wollen (die meiner Wahrnehmung nach grundsätzlich auf Schönreden und Wegreden hin ausgerichtet ist), anstatt zeitnah "zuzupacken" und sichtbar Maßnahmen einzuleiten.

Alles was man wahrnimmt - trotz "freundlicher" Presse - ist primär (wenn nicht ausschließlich !) das Bemühen ums Umdeuten, Wegreden, Umformulieren.
Das bedeutet für die Betroffenen: "die da oben" wollen nichts tun, nur Phrasen wie "Wir schaffen das" absondern.
Verschärft wird diese immer weiter verfestigte Wahrnehmung natürlich dadurch, das "die da oben" tatsächlich nicht vorankommen beim Probleme lösen oder eben "unwichtigen Mist" wie die Causa Maaßen weit wichtiger bewerteten Lebensproblemen vorziehen und wochenlanges Kasperletheater veranstalten.

Daher hat der Autor selbst wenn Sie mit Ihrer Interpretation richtig liegen sollten in wesentlichen Kernpunkten Unrecht.
Was schon die Abwertung/Realitätsverweigerung "vermeintliche Probleme"(=nicht ernstnehmen) zeigt.

Voter-Shaming

Die Essenz dieses Aufsatzes lautet für mich: Der Wähler ist schuld an den (miesen) Wahlergebnissen. Er ist zu einfach gestrickt um die komplizierte Welt zu verstehen.
Vielleicht ist es für uns "besorgte Bürger" tatsächlich nicht leicht, Politik zu verstehen. Könnte dass damit zusammenhängen, dass der öffentliche Debattenraum eng begrenzt ist, zu elementaren Fragen eben keine öffentliche Debatte zugelassen wird und Entscheidungen als aternativlos-durchgeboxt werden, gerne spätabends, im halbleeren Parlament? Oder habe ich die lebhaften TV-Debatten zu Hartz4, Bundeswehr im Ausland, Erhöhung des Renteneintrittsalters, Absenkung des Rentenniveaus, Bankenrettung usw. etwa verpasst?
Leider nutzt der Aufsatz den gleichen Kniff wie so viele andere auch, er setzt allgemein Kritik an etablierter Politik mit rechtem Populismus gleich und betreibt somit selbst grobe Vereinfachung. Doch die Masche kann nicht ewig ziehen, irgendwann fällt auch dem einfachsten Gemüt auf, dass der Aufstieg rechter Demagogen ein Ergebnis etablierter Politik ist und dass die Beibehaltung jener Politik nicht zum Kampf gegen Rechts taugt.