"Die SPD hat jüdische Wurzeln"

Karsten Wiedemann15. Juli 2008

vorwärts-online: Erst seit mehr als einem Jahr gibt es den Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten in der SPD. Warum hat es solange gedauert?

Peter Feldmann: Was lange währt, wird eben gut. Die SPD ist die erste deutsche Partei, in der sich ein Arbeitskreis von Jüdinnen und Juden gegründet hat. Im Gegensatz zu anderen Parteien
wurde das durch die SPD von Anfang sehr unterstützt. Im letzten Herbst konnten wir mit Unterstützung des Parteivorstandes unsere erste Bundeskonferenz veranstalten.

Sehr stolz sind wir darauf, dass wir bereits im Jahr eins unseres Bestehens einen politischen Erfolg feiern konnten. Auf unser Betreiben hin wird im neuen SPD-Grundsatzprogramm explizit auf
das jüdische Erbe der Partei hingewiesen.

Wieviele Mitglieder gibt es?

Wir sind mittlerweile gut 80 registrierte Mitglieder. Wir gehen aber davon aus, dass auf jedes bei uns registrierte Mitglied, zwei bis drei jüdische SPD-Mitglieder kommen.

Welche Aufgaben und Ziele verfolgt der Arbeitskreis?

In der Innenpolitik fokussieren wir uns auf drei Themen. Einmal die Vergangenheitsbewältigung. Da geht es beispielsweise um Gedenkstättenarbeit oder die "Stolpersteine", die auf Orte
hinweisen, an denen Juden gelebt haben. Mit ihnen lässt sich sehr gut verdeutlichen, was für einen Verlust Deutschland durch den Massenmord und die Vertreibung von Juden erlitten hat. Darüber
hinaus engagieren wir uns sehr stark gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus. Sehr aktiv sind wir zudem beim Thema Integration. Fast 90 Prozent unserer Gemeindemitglieder sind
Immigranten aus Russland.

Ein wichtiges Thema ist für uns die Ghettorente. Nach wie vor gibt es ja viele jüdische Menschen, die in den Ghettos ohne Entlohnung arbeiten mussten und damit natürlich keine
Rentenansprüche erworben haben. Die Bundesregierung hat hier sehr positiv reagiert und einen immerhin dreistelligen Millionenbetrag als Entschädigung zu Verfügung gestellt.

Gibt es Aktivitäten in den jüdischen Gemeinden?

In den Gemeinden engagieren wir uns sehr stark für Offenheit, Vielfältigkeit und Toleranz. Die SPD kann sicherlich nicht darüber entscheiden, wer nun ein richtiger Jude ist oder nicht, oder
welche Strömung die Richtige ist. Wir treten aber dafür ein, dass alle, die sich biografisch jüdisch zuordnen können oder konvertiert sind, in der SPD und in unserem Arbeitskreis ihren Platz
finden.

In der SPD wird zum Teil kontrovers über die Haltung Israels im Nahost-Konflikt diskutiert. Wie ist hier die Haltung des Arbeitskreises?

Unsere Position zum Staat Israel ist eine kritisch-solidarische. Das Existenzrecht Israels in sicheren Grenzen und ohne ständige Terrorbedrohung ist für uns absolut vordringlich. Darüber
hinaus unterstützen wir alle Friedensbemühungen, die in diese Richtung laufen.

In der Außenpolitik stehen wir mehrheitlich für einen transatlantischen Kurs. Wir legen darüber hinaus großen Wert darauf, dass die SPD die Kontakte zu den israelischen Schwesterparteien
pflegt und uns in den Dialog mit einbezieht. Dazu gehört, dass wir zum Beispiel Delegationen begleiten oder Veranstaltungen planen. Wir versuchen auch mit eigenen Vorschlägen, die Haltung der SPD
zum Nahost-Konflikt zu unterstützen.

Wichtig ist für uns, dass Diskussionen, die zum Beispiel in der israelischen Sozialdemokratie zu diesem Thema laufen, in der SPD gehört werden. Natürlich haben wir als Juden einen starken
emotionalen Bezug zum einzigen jüdischen Staat auf dieser Erde. Wir wissen, dass sich in der jüdischen Gemeinschaft viele Menschen nach den Erfahrungen der Nazi-Zeit ein Leben ohne diese Art
"Rückversicherung" nicht vorstellen können.

Die Sozialdemokratie bzw. die SPD hat jüdische Ursprünge. Ist dieses Erbe etwas in Vergessenheit geraten?

Für uns ist die SPD immer ein Platz für Juden gewesen. Die Partei hat ganz klar jüdische Wurzeln. Viele prominente Reichstagsabgeordnete der SPD in der Weimarer Zeit waren Juden und
natürlich auch der Gründer Ferdinand Lassale. Dazu kommen die wesentlichen Theoretiker wie Marx, Kaustky oder Bernstein, die aus jüdischen Familien stammen. Zu nennen ist auch Rosa Luxemburg, die
mit der von ihr gegründeten Parteischule dafür gesorgt hat, dass auch die Mitglieder ein ideologisches Fundament bekommen.

Als Folge der Vertreibung der Juden gab es auch in Israel prominente deutsche Sozialdemokraten, wie beispielsweise Fritz Naftali, der erster Wirtschaftsminister war.

Erstaunlich ist, dass es nach dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust wieder Juden in der SPD gab - auch wenn sie oft nicht als solche gesehen wurden -, die eine herausragende Rolle
spielten. Ich denke da an Ludwig Rosenberg, einen der ersten DGB-Vorsitzenden nach dem Zweiten Weltkrieg, den ehemaligen Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann oder aber den Unternehmer und
Bundestagsabgeordneten Philip Rosenthal. Nicht zuletzt stammt auch Egon Bahr aus einer jüdischen Familie.

Gibt es Kontakt zu den Christinnen und Christen in der SPD?

Wir haben auf persönlicher Ebene Kontakt. Aber organisatorisch verzahnt haben wir uns noch nicht.

In der Frage von Werten, wie soziale Gerechtigkeit, dem Eintreten für Gleichheit und Nächstenliebe - für uns alles jüdische Werte - haben wir ein hohes Maß an Übereinstimmung.

Interview: Karsten Wiedemann

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Parteibuch mit Kippa

Peter Feldmann (Frankfurt) und Sergey Lagodinsky (Berlin) sind Sprecher des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.

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