#SPDerneuern

SPD erneuern: Rein in die Ortsvereine!

Steffen Haake10. Oktober 2017
SPD Wahlkampf in Aurich
SPD-Mann Steffen Haake im Wahlkampf: Plakatieren statt Marathonsitzungen im Ortsverein.
Nach der Niederlage bei der Bundestagswahl stehen die Strukturen der SPD auf dem Prüfstand. Der moderne Ortsverein muss Forum für Diskussionen, aber auch für konkrete Aktionen sein – egal ob virtuell oder im echten Leben.

Aus Leidenschaft bin ich SPD-Ortsvereinsvorsitzender. Das ist etwas, das nicht viele Menschen unter 25 von sich behaupten können. Kein Wunder, denn die Strukturen der SPD scheinen unattraktiv zu sein, das hat die Bundestagswahl bewiesen. Dennoch: Die Bereitschaft, besonders junger Menschen, sich in der SPD zu engagieren, ist so groß wie lange nicht mehr. Seit der Kanzlerkandidatur von Martin Schulz sind Zehntausende in die Partei eingetreten.

Menschen aus allen Gesellschafts- und Altersgruppen

Wie kann es also gelingen, diesen traditionsreichen Verband attraktiver zu machen? Wie können wir uns als Ortsverein verändern? Als Mitglied in einem Stadtrat und bei den Jusos habe ich dazu schon so manche Erfahrung gemacht. Im Grunde genommen ist es gar nicht so schwer.

Schön am Engagement in der SPD ist, dass man Menschen aus allen Gesellschafts- und Altersgruppen trifft. Ich habe in Berlin und Paris Politikwissenschaft studiert, da war es mir besonders wichtig, aus der Bubble zu kommen. Linke Politik muss bei den Menschen sein und darf sich nicht vornehmlich in Akademikerblasen ergießen.

Gute Politiker reden, große hören zu

Wenn das aber bedeutet, dass fast alle Mandatsträger in kommunalen Parlamenten Rentner sind, ist das ein Problem. Nicht, weil ich etwas gegen Rentner hätte, im Gegenteil: Ich schätze den Austausch mit den Erfahrenen sehr und habe riesigen Respekt vor deren Lebensleistung und ihrem Einsatz für die Allgemeinheit. Aber es muss Mischung und Wechsel geben.

Zu diesem Wechsel gehört nicht nur, dass es immer mal wieder ein Juso in einen Vorstand schafft. Das ist gar nicht das Problem – da kann ich mich beispielsweise absolut nicht beschweren. Zu diesem Wechsel gehört auch, neue Mitglieder ernst zu nehmen und ihre Vorschläge anzuhören: Gute Politiker reden, große hören zu.

Der Ortsverein ist kein notwendiges Übel

Auf der anderen Seite dürfen wir Jungen es uns nicht zu leichtmachen. Der Ortsverein, die Basis: Das ist kein notwendiges Übel, das zur Partei dazugehört, sondern das ist der Kitt unserer Demokratie. Vor Ort mitzureden, mitzugestalten – das ist ein Privileg. Viel Arbeit ja, aber auch ergiebig.

Bundes- und Landtagswahlkampf haben uns gezeigt: Flyern und Plakatieren ist auch Team-Building. Wer die Arbeit im Feld nicht wertschätzt und sich politisch ausschließlich in Colloquien begibt oder Papiere verfasst – oder noch schlimmer, nur auf Facebook seine Eingaben macht – der hat Politik nicht verstanden. Denn beides ist wichtig, gehört zusammen. Die Theorie, das große Ganze. Und die Praxis, das Klein-Klein.

Die kleinen Dinge machen die Demokratie groß

Wer mal in den großen Städten gelebt hat, meint vielleicht, die Parkbank, kommunale Finanzen, bezahlbarer Wohnraum auf dem Land seien provinziell. Das Gegenteil ist der Fall: Es sind die kleinen Dinge, die Demokratie großmachen. Global denken, lokal engagieren: Engagiert Euch, rein in die Ortsvereine!

Gleichzeitig müssen die Älteren lernen, dass Auszubildende, Studenten und junge Berufstätige auch andere Prioritäten haben, als jeden Tag in Sitzungen zu verbringen. Es darf nicht darauf ankommen, wie viel Sitzfleisch jemand hat, sondern was er an Ideen mitbringt. Das andere, das neue, als Bereicherung anzuerkennen, dass muss die SPD lernen. Dann kommen Neumitglieder von ganz alleine: Bei uns waren es einige im letzten Jahr, die inzwischen kräftig anpacken. In unserem Wahlkreis haben wir übrigens bundesweit das beste SPD-Ergebnis geholt.

Digitale Nomaden und neue Antworten auf neue Fragen

In unserer globalisierten Zeit bleibt kaum noch jemand dauerhaft am selben Ort. Wer mal kurz zum Ortsverein dazukommt oder auch mal nur ein paar Jahre in einem Rat sitzt und danach wieder etwas anderes macht, der gehört genauso wertgeschätzt. Und last but not least muss gerade die SPD der Digitalisierung Rechnung tragen, sie gestalten. Moderne Formen der Kommunikation und Partizipation muss gerade sie vorantreiben, tritt sie doch Zeit ihrer 154-jährigen Geschichte stets für Wandel ein. Das bedeutet nicht, jede Mode sofort  mitzumachen. Links zu sein, das bedeutet auch, sich gesellschaftlichen Erneuerungsprozessen zu öffnen und sie kritisch zu begleiten.

Links und frei, das muss die SPD, das muss der Ortsverein sein. Forum für Diskussionen, aber auch für konkrete Aktionen. Inhaltlicher Austausch und Abstimmen muss auch digital möglich sein, dabei kann es sich um europäischen Breitbandausbau vor Ort, selbstfahrende E-Anrufbusse oder kommunale Grundeinkommensexperimenten handeln.

Die SPD – links und frei

Links in unseren Fragen an den digitalen Kapitalismus, frei in unseren Antworten. Die muss jede Zeit und jedes Mitglied für sich selbst finden und genauso auch von denen, die andere Fragen und Antworten finden, respektiert werden.

Wenn uns das gelingt, grüßen wir uns nach den Diskussionen in unserer SPD++ Ortsverein++ WhatsApp-Gruppe vielleicht bald wieder wie die Genossen vor 154 Jahren: Mit Freundschaft!

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Kommentare

Soziale Gerechtigkeit

Lieber Stefffen,
Das Wort "Soziale Gerechtigkeit" kommt in deinem Artikel nicht vor. Hab ich da was überlesen? 1'5 an den Tafeln, 6'0 bei HartzIV, 1'0 Leiharbeiter, 1'5 Aufstocker -- das sind allle diejenigen, die zur AfD übergelaufen sind.
Freundschaftliche Grüsse!
Ludger Elmer (OV Weichs)

Gerechtigkeit

Lieber Ludger,
ich glaube, Steffen ging es in seinem Beitrag weniger um politische Inhalte, sondern vielmehr um die Neuausrichtung von Strukturen und Arbeitsweisen in den OVs. Diesem Thema müssen wir uns in der Tat widmen, wenn wir mehr Menschen, vor allem jüngere, für die Mitarbeit vor Ort in der SPD gewinnen und begeistern wollen. Die Inhalte selbst sind natürlich nicht minder wichtig, aber vieles dazu wird sich quasi von selbst ergeben, wenn wir künftig mehr aktive Genoss*innen in unseren Reihen haben. In diesem Sinne: Glückauf, und vielen Dank für Deinen Beitrag, lieber Steffen.