Helge Lindh

SPD-Abgeordneter reimt gegen die AfD: „Humor ist eine scharfe Waffe.“

Kai Doering19. Januar 2021

Eine Kooperation mit bnr.de

AfD, oh weh, oh weh: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh hielt mit einer gereimten Rede der AfD den Spiegel vor.
AfD, oh weh, oh weh: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Helge Lindh hielt mit einer gereimten Rede der AfD den Spiegel vor.
Die AfD im Bundestag will 2021 zum „Jahr der deutschen Sprache“ erklären lassen. Mit einer gereimten Rede hält der SPD-Abgeordnete Helge Lindh den Rechtspopulisten den Spiegel vor. Im Interview erlärt er, wie es dazu kam.

In der Beratung eines AfD-Antrags, 2021 zum „Jahr der deutschen Sprache“ zu erklären, haben Sie sich mit einem Gedicht an die AfD-Fraktion gewandt. Wie kam es dazu?

Die AfD-Fraktion hat in der vergangenen Woche zwei Anträge in den Bundestag eingebracht: In einem will sie das Jahr 2021 zum Jahr der deutschen Sprache erklären lassen, in einem anderen erreichen, dass Deutsch zur Arbeitssprache in der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU wird. Subtext des Ganzen ist das, was man von der Partei häufig hört: dass die deutsche Sprache nicht gepflegt werde, ausländische Wörter und Migranten sie verhunzen würden. Mir war klar, dass ich nur zwei Minuten haben würde, dem etwas entgegenzuhalten.

Deshalb habe ich nach einem kreativen Ansatz gesucht und bin auf die „urdeutschen“ Dichtergrößen Heine, Tucholsky, Goethe und Lasker-Schüler gekommen. Mit Heines und Tucholskys Textmaterial habe ich spielerisch gearbeitet, die beiden anderen qua Benennung in meiner Rede verwandt. Den letzten Schliff hat sie erst kurz bevor ich sie gehalten habe bekommen. Obwohl ich eigentlich immer frei rede, habe ich sie deshalb auch bis zur letzten Minute um- und aufgeschrieben. Die deutsche Sprache, die die AfD angeblich retten will, ist ja gerade getragen vom offenen Geist des Wortes und nicht von starren Vorgaben der Reinheit und Ressentiments. Das wollte ich mit meiner gedichteten Rede ausdrücken.

Die Dichter*innen, auf die Sie sich bezogen haben, waren also bewusst gewählt?

Ja. Alle viere verkörpern das genaue Gegenteil von dem, was die AfD vertritt. Heinrich Heine war ja ein deutsch-jüdischer Dichter, der auch emigriert ist. Er hat sich intensiv mit Deutschland auseinandergesetzt und auch an seinem Land gelitten. Goethe war ein großer Bewunderer der persischen und arabischen Kultur und hat mit seinem west-östlichen Divan viel zum Verständnis und Austausch von Orient und Okzident beigetragen. Sein lyrisches Ich dort ist übrigens muslimisch. Tucholsky hat als Publizist gegen den drohenden Nationalsozialismus angeschrieben, seine Mutter Doris wurde im KZ Theresienstadt ermordet, er starb in der Emigration. Und Else Lasker-Schüler, die ebenfalls Jüdin war und wie ich in Wuppertal geboren wurde, ist für mich die größte deutsche Lyrikerin.

Wie lange haben Sie an der Rede gearbeitet?

Das war „work in progress“ den Tag über. Ich musste kurz vorher noch eine andere Rede zu antimuslimischem Rassismus im Bundestag halten, die auch noch vorbereitet werden musste. Die ersten Ideen für die gereimte Rede hatte ich in der Nacht vorher.

Haben Sie vorher schon mal eine gereimte politische Rede gehalten?

Nein, das war eine Premiere. Allerdings habe ich bei den NRW-Jusos vor vielen Jahren mal eine eher ungewöhnliche Textform ausprobiert und eine böse satirische Rede gehalten, in der poetische Ansätze zu finden sind. Die Überschrift lautete damals „Der Deutschmacher“. Da hatte ich aber deutlich mehr Redezeit als jetzt im Bundestag.

Gab es auf ihre Rede vom Donnerstag Reaktionen?

Sie löste ein Wortgefecht zwischen einem AfD-Abgeordneten und einer Parlamentarierin der Linken aus, die einen Ordnungsruf zufolge hatte. Darüber hinaus war es hinsichtlich der Reaktionen im Plenum zunächst ruhiges, wobei sehr aufmerksam zugehört wurde. Als ich gesprochen habe, war es ja auch schon recht spät und wegen der Corona-Bestimmungen sitzen im Moment ohnehin nicht so viele Abgeordnete im Saal wie sonst. Die AfD-Abgeordneten haben sich aber sehr aufgeregt, was mir zeigt, dass meine Rede bei ihnen einen Punkt getroffen hat. Der Parlamentarische Geschäftsführer wollte sogar erreichen, dass die Rede nachträglich nicht zugelassen wird. In der Geschäftsordnung des Bundestags steht aber nirgends, dass Redebeiträge nicht gereimt sein dürfen. Hinterher hat sich Dorothee Bär auf Twitter sehr positiv geäußert und eine Reihe von Medien haben auch berichtet und das Video bundesweit veröffentlicht. Natürlich gab es aus der rechten Blase auch wieder die üblichen widerlichen Kommentare und Drohungen. Rechtspopulisten und Rechtsextremisten zeichnen sich ja nicht gerade durch Humorfähigkeit aus. Humor ist eben eine scharfe Waffe.

Der Hintergrund der AfD-Anträge ist dennoch ein ernster: Welche Ziele verfolgt die AfD mit ihrem Einsatz für die deutsche Sprache?

Die AfD versucht, das Deutschtum für sich zu beanspruchen und „das gute Deutsche“ gegen alles „Fremde“ in Stellung zu bringen. Dafür nutzen sie Sprachpolitik, die rassistisch geprägt ist. Es geht für sie um einen Kulturkampf. Dem müssen wir uns klar dagegenstellen und die AfD bei ihrem Pseudopatriotismus packen. Ich werte Anträge wie den zum Jahr der deutschen Sprache auch als verzweifelte Aktion, um von der tiefen Führungskrise, in der die Partei steckt, abzulenken. Sie versuchen damit, an und in Gruppen anzudocken, denen an der deutschen Sprache gelegen ist. Ich bin mir aber sicher, dass die große Mehrheit der AfD nicht auf den Leim geht. Auf meine Weise möchte ich beim Sieg der Vernunft nachhelfen.

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