Vor 70 Jahren

Vom Sozialistischen Ärztekongress zur Gesundheitspolitik der SPD

Thomas Horsmann21. Februar 2018
Auf dem Weg zur ersten internationale Ärztetagung 1948 in London: Hermann Karl war Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Ärzte
Ein freier Zugang zur medizinischen Versorgung war nicht immer selbstverständlich. Auch das musste erkämpft werden. Vor 70 Jahren begann der Wiederaufbau der sozialdemokratischen Ärzte-Organisation in Frankfurt am Main.

An einem kalten Wintermorgen pünktlich um 10 Uhr treffen sich in Frankfurt am Main sozialdemokratische Mediziner zum ersten deutschen Sozialistischen Ärztekongress. Es ist der 22. Februar 1948. Für die Dauer des Kongresses sind zwei Tage angesetzt. In der schwer zerstörten Frankfurter Altstadt steht den Teilnehmern ein Saal im Handwerkerhaus in der Brauchbachstraße 18-22 zur Verfügung. In dem nur leicht beschädigten Gebäude, das sogar beheizt werden kann, tagt sonst das Stadtparlament. An diesem Wochenende gründen die versammelten Mediziner die „Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Ärzte“ (AsÄ), aus der die heutige „Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen“ (ASG) entstand.

Gesundheitspolitik der SPD seit 1913

Die sozialdemokratischen Mediziner knüpfen mit der AsÄ an Vorläuferorganisationen an, die seit 1913 die Gesundheitspolitik der SPD mitgestalten und 1933 von den Nazis verboten werden. Schon bald nach Kriegsende beginnt der Wiederaufbau der linken Ärzteorganisation. Ein vorbereitender Ausschuss konstituiert sich und versendet am 30. Juli 1947 ein Rundschreiben an sozialdemokratische Ärzte in den Besatzungszonen. Als Termin zur Wiedergründung wird der 22. Februar 1948 anberaumt.  

Die treibende Kraft hinter dem Wiederaufbau der sozialdemokratischen Ärzteorganisation ist Dr. Hermann Karl. Der Mediziner ist seit Kriegsende im Hessischen Sozialministerium für Gesundheitsfragen zuständig. Er wird in Frankfurt zum Vorstand der Arbeitsgemeinschaft sozialistischer Ärzte gewählt und im Sommer 1948 Mitglied im Sozialpolitischen Ausschuss beim SPD-Vorstand in Hannover.

Ein Jahr später in Hamburg, beim zweiten Kongress sozialistischer Ärzte, beschließt die AsÄ ein stufenweises, gesundheitspolitisches Aktionsprogramm. „Da ein umfassender Gesundheitsdienst unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht sofort verwirklicht werden kann.“ Mit ihren Ideen kann sich die AsÄ noch nicht durchsetzen. Erst ins Godesberger Programm fließen ihre Forderungen nach einer Gesundheitspolitik als gesamtgesellschaftliche Aufgabe ein. Eine gesundheitspolitische Gesamtkonzeption „solle den Schutz des Einzelnen und der Gesamtheit gegen die gesundheitlichen Gefahren der Technik und der Zivilisation sichern, andererseits den Grundanspruch des Einzelnen auf Beratung und Hilfe gewährleisten, um ein Leben in Gesundheit und Wohlstand zu ermöglichen.” Hinzu kommen Forderungen, die noch heute gültig sind: Eine Reform des Medizinstudiums und eine kritische Beschäftigung mit den Gefahren der Atomkraft.

Freier Zugang zur medizinischen Versorgung

Nach weiteren programmatischen Diskussionen setzte die AsÄ bis 1964 die „Gesundheitspolitischen Leitsätze“ durch, die bis heute in wesentlichen Teilen das gesundheitspolitische Programm der SPD bilden. Dazu gehören etwa die Forderungen nach einem integrierten System der medizinischen Versorgung und freiem Zugang zur medizinischen Versorgung unabhängig von der wirtschaftlichen Lage der Patienten. Stärkerer Umweltschutz, besserer Arbeitsschutz und ausgedehntere Gesundheitsvorsorge sowie freie Arztwahl sind weitere Eckpunkte.

Vor allem die Bedeutung des Umweltschutzes für die Gesundheit wird von der Arbeitsgemeinschaft seit den 1960er Jahren immer wieder betont. So fordert sie mehr Kompetenzen für den Bund, um umfassende Maßnahmen zur Abwehr zivilisatorischer Umweltgefahren, wie die Reinhaltung von Wasser, Luft und Boden, durchzusetzen. 1975 passt die AsÄ ihren Namen den ganzheitlichen Vorstellungen an und öffnet sich allen Berufen im Gesundheitswesen. Von nun an heißt sie „Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen“.

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