vorwärts-Debatte

Soziale Gerechtigkeit, technischer Fortschritt und Umweltschutz gehören zur DNA der SPD

Bernd Westphal07. Januar 2019
Die SPD ist vor über 150 Jahren bei Industrie 1.0 gegründet worden. Heute bei Industrie 4.0 wird sie mehr gebraucht als je zuvor, meint Bernd Westphal.
Die SPD ist vor über 150 Jahren bei Industrie 1.0 gegründet worden. Heute bei Industrie 4.0 wird sie mehr gebraucht als je zuvor, meint Bernd Westphal.
Die SPD ist vor mehr als 150 Jahren bei Industrie 1.0 gegründet worden. Die enormen Veränderungen, die sich heute in kürzerer Zeit vollziehen, erfordern erneut eine eindeutige soziale Flankierung. Diese Kompetenz hat nur die SPD.

Die SPD hat das Alleinstellungsmerkmal, wirtschaftliche Prosperität mit sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz zu verbinden. Ziel muss inklusives Wachstum sein, dessen Erträge allen Menschen zu Gute kommen. Dazu gehören Investitionen und Innovation, Gute Arbeit, Tariflöhne, Mitbestimmung, Bildung, Nachhaltige Entwicklung, erfolgreicher Strukturwandel sowie soziale und gesellschaftliche Teilhabe. Neue, dynamische Entwicklungen erfordern eine entschlossene, mutige Politik. Die Megathemen des 21. Jahrhunderts liegen auf der Hand. Klimaschutz, Globalisierung, Digitalisierung, soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt erfordern die richtigen wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen.

Arbeit und Umwelt sind kein Gegensatz

In der DNA der SPD ist die Kernkompetenz angelegt, technischen Fortschritt, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz miteinander zu verbinden. „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“, hat Willy Brandt bereits 1961 gefordert. Daher ist Umweltschutz keine neue Erfindung, sondern lange Bestandteil sozialdemokratischer Politik. Arbeit und Umwelt sind kein Gegensatz.

Deshalb müssen z.B. die Energiewende und die damit im Zusammenhang stehenden Veränderungen eingebettet werden in eine industriepolitische Innovations- und Investitionsoffensive. Parallel zur Reduzierung der Nutzung fossiler Rohstoffe (Defossilisierung statt Decarbonisierung) ist ein zügiger Ausbau der Erneuerbaren Energien, Speicher und Stromnetze unerlässlich. Reformbedürftig ist auch die Finanzierung der Energiewende. Mit der Einführung einer sozialverträglichen, aufkommensneutralen CO2-Bepreisung, auch auf Sektoren außerhalb des Europäischen Emissionshandels (ETS) und einer Senkung der Umlagen auf dem Strompreis, wird die soziale Schieflage aus dem Erneuerbaren Energiegesetz (EEG) behoben. Sektorkopplung, das heißt mehr Erneuerbare Energien im Mobilitäts- und Wärmesektor, würden gefördert und Investitionen angereizt. Voraussetzung sind klimafreundliche, effiziente Antriebstechnologien und neue Mobilitätskonzepte im 21. Jahrhundert.

Kohleausstieg in den nächsten 20 Jahren

Gleichzeitig sind innovative Bereiche wie Batteriezellenfertigung sogenannte Gigafactorys, mehr Dynamik im Maschinenbau für Elektrolyseure zur Wasserstoffproduktion, innovative Speichertechnologien, Medizintechnik, Plattformökonomie oder Quantencomputer als Basis neuer Wertschöpfungsketten und Leitmärkte zu entwickeln. Das bedeutet mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung. Europäische Kooperationen wie z.B. beim Airbus sind zu unterstützen. Damit sind neue Beschäftigungspotentiale in Deutschland und Europa erschließbar, die zum Gelingen des Strukturwandels beitragen können. Dazu braucht es mehr Dynamik, Kreativität, Vitalität, Ziele und Maßnahmen aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

So muss der sozialverträgliche Ausstieg aus der Braun-/Steinkohlenutzung in den nächsten zwei Dekaden möglich sein, der Ausbau der Stromnetze, Aufbau von Speichern beschleunigt und ein klarer Ausbaupfad für Erneuerbare Energien bis 2030/2050 festgelegt werden. Der Fachkräftebedarf muss durch bessere Bildung und qualifizierter Zuwanderung gesichert werden. Glasfaser gehört in jedes Haus flächendeckend 5G bis 2025. Verbesserung der Rahmenbedingungen für Startup-Unternehmen, bessere Ausstattung mit Wagniskapital, Erleichterungen bei Unternehmensgründungen, weniger Bürokratie durch effizientere öffentliche Verwaltung und mehr E-Government. Das sind nur einige Beispiele für einen notwendigen wirtschaftspolitischen Masterplan.

Wir brauchen mehr ethische Intelligenz

Die Digitalisierung, Big Data, Industrie 4.0 oder Künstliche Intelligenz (KI) sind ebenfalls Felder für zukünftige Innovation, Wertschöpfung sowie Arbeits- und Ausbildungsplätze. Es sind Schlüsseltechnologien, bei denen Deutschland und Europa den Anschluss behalten muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Damit diese Technologien auch sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt bringen, bedarf es einer ethischen Intelligenz, die soziale Gerechtigkeit, Privatsphäre im Internet, Datensouveränität, humane Orientierung, Cyber Security und gesellschaftlichen Nutzen schafft.

Wenn Computer und Maschinen ohne menschliche Unterstützung lernen, wenn Algorithmen immer mehr Entscheidungen übernehmen, bedarf es wertegeleiteter und ethischer Grundsätze, die über das Feld der Wirtschafts- und Energiepolitik hinaus wirken. Deshalb ist zu begrüßen, dass der Bundestag die Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche Potentiale“ eingesetzt hat.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft kann nur mit Vertrauen gelingen. Für uns als SPD steht dabei der Mensch im Mittelpunkt. Ein handlungsfähiger Staat muss mit gemeinwohlorientierten Zukunftsinvestitionen z. B. in Bildung, gute Kitas, bezahlbares Wohnen oder Infrastruktur Basis für zukünftigen wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Zusammenhalt sichern. Schnelles Internet, Ausbau von Breitband, Glasfaser und 5G sind Beispiele für aktuelle Defizite bei der Innovationsfähigkeit und dem Abbau der regional unterschiedlichen Entwicklungen in den Städten und Dörfern.

Der Strukturwandel gelingt nicht von allein und ist Auswirkung politischer Entscheidungen. Deshalb lassen wir die Betroffenen nicht im Regen stehen und werden unserer Verantwortung gerecht. Das heißt praktisch: Klimaschutz und Strukturwandel nur mit finanzieller, sozialer Flankierung, aktiver Strukturpolitik und Steigerung der Attraktivität im ländlichen Raum. Wir organisieren den Schutz im Wandel und verbessern die Rahmenbedingungen für Weiterbildung und Qualifizierung als präventive Arbeitsmarktpolitik. Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, aber sie wird im 21. Jahrhundert anders sein.

Neue Instrumente der Umverteilung für die Industrie 4.0

Die SPD ist vor über 150 Jahren bei Industrie 1.0 gegründet worden. Die enormen Veränderungen, die sich heute in kürzerer Zeit vollziehen, erfordern erneut eine eindeutige soziale Flankierung. Diese Kompetenz hat nur die SPD. Wir haben soziale und gesellschaftliche Standards vor über 150 Jahren bei Industrie 1.0 gesetzt. Deutschland ist nicht trotz, sondern wegen seiner sozialen Standards nachhaltig erfolgreich. Die wachsende ungleiche Wohlstandsverteilung in der Gesellschaft benötigt neue Instrumente der Umverteilung. Die SPD wird heute bei Industrie 4.0 mehr gebraucht als je zuvor.

Gleichzeitig muss im gesellschaftlichen Dialog mehr Offenheit für Fortschritt und neue Technologien sowie industrielle Produktion und kulturelle Vielfalt etabliert werden. Die Sicherung von Wohlstand für alle wird nur gelingen, wenn geschlossene Wertschöpfungsketten national erhalten bleiben, Bildung auf hohem Niveau Chancen eröffnet und Fachkräftezuwanderung erleichtert wird.

Wir müssen Exportweltmeister der Werte werden

Für ein Exportland wie Deutschland ist der Zugang zu internationalen Märkten essentiell. Die SPD setzt auf fairen Handel. Freihandelsabkommen sind daher für uns ein politisches Gestaltungsinstrument, das nicht nur Zölle senkt und Handelsschranken abbaut, sondern soziale, ökologische und verbraucherfreundliche Standards veranker. Die EU muss daher in ihrer Zuständigkeit für Handelspolitik gestärkt und durch eine erkennbare soziale Dimension inhaltlich neu aufgeladen werden. Wir müssen nicht nur Exportweltmeister der Waren, sondern auch der Werte werden.

Darüber hinaus ist Europa der beste Schutz unserer Werte. Frieden, Freiheit, Demokratie, Weltoffenheit sind allein national nicht zu sichern. Wirtschaftlich betrachtet, ist die Bedeutung Europas für Deutschland unbestritten. Mit mehr als 50 Prozent unserer Exporte sichert die EU wichtige Absatzmärkte für unsere Produkte im europäischen Binnenmarkt. Das heißt, wenn es den anderen europäischen Mitgliedsstaaten gut geht, geht’s auch uns gut!

Fakt ist, dass Deutschland und die EU im Wettbewerb mit anderen Regionen stehen. Wir müssen Investoren von unserem Standort überzeugen. Nachhaltigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Bildung, soziale Gerechtigkeit und politische Stabilität waren und sind unsere Stärken. Darauf aufbauend, müssen jetzt zügig und erkennbar die richtigen Weichen für eine den Menschen dienende Wirtschaftspolitik gestellt werden.

Der Text ist zuest im „Handelsblatt“ erschienen.

Just Transition – Den Klimawandel gerecht gestalten

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Kommentare

Den wichtigsten "Wandel" übersehen

Es paßt schon recht gut, das diese Werbeschrift zuerst im Handelsblatt veröffentlicht wurde.

In meinem Umfeld wird man Aussagen wie "Die SPD hat das Alleinstellungsmerkmal, wirtschaftliche Prosperität mit sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz zu verbinden." bestenfalls mit Gelächter kommentieren.

Die SPD hat bestenfalls das Merkmal, zu behaupten, das Umweltschutz oder Arbeitnehmer und Familien sie interessieren. Das ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal, die anderen neoliberalen Sozialabbauvereine wie CD/SU, FDP oder AfD unterscheiden sich bestenfalls in der Wortwahl, nicht jedoch im politischen Handeln von der SPD.

" Für uns als SPD steht dabei der Mensch im Mittelpunkt. "
Zynisch betrachtet stimmt das sogar, Konzerne und Banken will man schließlich nicht an gesamtgesellschaftlichen Kosten beteiligen also muß "der Mensch" ausgequetscht werden.

"Ziel muss inklusives Wachstum sein, dessen Erträge allen Menschen zu Gute kommen."
Ob die SPD dieses Ziel hat muß sie noch beweisen.

Die neoliberale Tarnhülle ist abgewetzt, erkennbar an den verdient sinkenden Zustimmungswerten.
Mit solchen Werbetexten ist es nicht getan. Handeln allein zählt.
Jetzt !
VOR der Wahl !

genau ...

... nur Handeln ist leider nicht in Sicht
Die Mutigen in der Partei sollten endlich mal den Mund aufmachen - egal was Frau Nahles meint

Der Planet hat nicht die Zeit, bis jeder einzelne überzeugt ist.

Immer wieder bin ich darüber betrübt, dass in Kommentaren in der Regel nicht Vorschläge für die Lösung von Problemen im Vodergrund stehen, sondern die Suche nach Schuldigen.
Mit der These, dass für meine SPD der Mensch im Mittelpunkt stehen muss gehe ich auch nicht ganz konform. Unser Planet hat nicht die Zeit, bis es alle akzeptiert haben, dass er im Vordergrund stehen muss, ist meine These. Wir haben in unserer Gesellschaft einen Standard erreicht, nicht zuletzt auf Kosten unseres Planeten, der uns in unseren politischen Zielen zum umdenken zwingt, ob wir wollen oder nicht. So sind die Ziele nicht neu, aber wir müssen die Ziele mit zukunftsträchtigen Handlungsfeldern und Maßnahmen versehen, um sie mehrheitsfähig zu machen. Dafür konstruktiv zu debattieren lohnt sich allemal!

an die eigene Nase packen .....

ich habe versucht mich auf dem Debattenportal anzumelden - nur für Mitglieder!!
Sie wollen anscheinend gar nicht, dass auch Ihre (Noch-) Wähler sich an Diskussionen mit Vorschlägen und Meinungen beteiligen.
Ich würde es sehr gerne gerade hier machen.
Nur, Mitglied werden ich deswegen definitiv nicht.

Anmerkung der Redaktion: Für die Anmeldung beim vorwärts müssen Sie nicht Mitglied der SPD sein.

Schlagwörter

Der Artikel strotzt vor Digitalisierung, Big Data, Industrie 4.0 oder Künstliche Intelligenz, Cyber Security, Gobalisierung........ . In der Auseinandersetzung mit dem SPD Mitglied Sarazzin wurde deutlich, daß nicht mal natürliche Intelligenz definiert werden kann - was ist dann künstliche ? Cyber Security....und der Hackerangriff auf Abgeordnete..... . Und dann wird nich die DNA bemüht. Alles Wörte die da aneinandergereit werden um "#modern" zu erscheinen.
Wo sind die Gedanken zu Frieden und Abrüstung, wo zur Abkehr von Wachstumswahn ?
Wie wär's denn mal mit der Forderung und Umsetzung: Gleiche Bezahlung für Leiharbeiter und Kernbelegschaft ? Da ist auch der SPD geführte DGB gefragt.
Die Bedrohung der Demokratie geht weniger von der AfD und ihren ausländischen Consorten aus, als von totalen Versagen der sozialdemokratisch orientierten Parteien die Lebensperspektiven der Menschen (überall) über die Interessen der Kapitalverwerter zu stellen. Nachhaltigkeit und Kapitalismus sind Grundwidersprüche, den der Kapitalismus braucht fortwährendes Wachstum.

„Die „DNA der SPD:

Soziale Gerechtigkeit, technischer Fortschritt und Umweltschutz“ - und auch wenn „Frieden und Sicherheit“ fehlen (,doch hoffentlich immer noch eine „ur-sozialdemokratische Grunderzählung“?), könnte aus den vier Themen eine sinnstiftende Erzählung der SPD werden. Allerdings wird die nicht entstehen, wenn Herr Weil zu Frau Nahles „Sozialstaat - Grundsanierung“ nö sagt, die „Seeheimer“ sie aber wollen. Ein Narrativ wird, fürchte ich, auch nicht gelingen, wenn der Vorstand nur „Vorwärts-“ und „Sozialstaatsdebatten“ irgendwie zusammenfasst. So würde bestenfalls Parteimitgliedern eine Vorstellung vermittelt; ein SPD-Narrativ muss aber auch in der Öffentlichkeit als SPD-Leitidee erkannt werden. Warum nimmt die SPD-Führung diese für SPD und unser Land elementare Weichenstellung nicht zum Anlass, sie (z. B.) auf Regionalkonferenzen zu diskutieren?!
Ich hoffe, die SPD-Führung bedenkt bei ihrer „Sozialstaatsdebatte“, dass viele Bürger noch wissen, wer für die Hartz-Gesetze und die Zerrüttung des Renten-Vertrauens verantwortlich war! Sie sollte auch bedenken, dass sie die Frage, wem die jährliche Wertschöpfung unserer Volkswirtschaft gehört, beantworten muss!

Glaubwürdigkeit der Aussage

Moin,
der 2. Abschnitt Ihres Artikels ( Die SPD hat das Alleinstellungsmerkmal ....) offenbart doch das ganze Dilemma der SPD.
Die Parteifunktionäre beten diese Sätze gebetsmühlenartig herunter und erwarten von mir Wähler (ich bin SPD-Wähler seit über 40 Jahren) auch noch, dass ich das glaube. Würde ich sehr gerne machen.
Die aktuelle und vergangene Regierungspolitik zeigen aber deutlich, dass diese Aussagen eben nicht stimmen und schon gar nicht umgesetzt werden.
Nach Wahlschlappen aber wird stets Besserung versprochen, eben genau die im Artikel angesprochenen Aussagen anzupacken.
Doch dann, weiter in den Abgrund, weil niemand den nötigen Mumm hat aufzustehen und die nötige Stirn zu bieten - gerade innerhalb der Koalition in Berlin.
Einknicken wo Widerstand gefragt ist, das kann nicht der Weg zur Erneuerung der SPD sein - aber das interessiert eh niemanden.
Die Gebetsmühle wird nach der nächsten Wahlniederlage halt wieder herhalten müssen.
Wo soll der Weg noch hinigehen?

AF