100. Geburtstag

Sophie Scholl: Ihr Weg in den Widerstand war ein Prozess

Kai Doering07. Mai 2021
Gedenkstätte Weiße Rose an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: Es ist schade, dass so viele Widerstandskämpfer immer noch im Schatten stehen.
Gedenkstätte Weiße Rose an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: Es ist schade, dass so viele Widerstandskämpfer immer noch im Schatten stehen.
Am Sonntag wäre Sophie Scholl 100 Jahre alt geworden. Die Historikerin Maren Gottschalk hat zwei Biografien über das Mitglied der „Weißen Rose“ geschrieben. Im Interview sagt sie, was Scholl zum Widerstand gegen die Nazis bewegt haben könnte.

Wenn von Widerstand gegen den Nationalsozialismus die Rede ist, kommen den meisten Sophie Scholl und Claus Schenk Graf von Stauffenberg in den Sinn. Woran liegt das?

Beide sind durch Verfilmungen einem breiten Publikum bekannt. Aber natürlich gab es noch eine Reihe anderer Menschen, die sich mutig gegen den NS-Staat gestellt haben. Ich finde es wichtig, dass wir möglichst viele der Widerstandskämpfer*innen mit Namen kennen und uns auch mit ihren Geschichten befassen. Es ist schade, dass so viele von ihnen immer noch im Schatten stehen.

Was hat Sophie Scholl angespornt, sich den Nazis entgegenzustellen?

Wir können darüber nur spekulieren, weil sie es nicht aufgeschrieben hat. Ich glaube, dass ihr Weg in den Widerstand ein Prozess war. Gründe gab es viele: Der grausame Krieg und die Nachrichten über die Verbrechen der Wehrmacht, die Einschränkung der geistigen Freiheit, das sogenannte Euthanasieprogramm, die Verhaftung des Vaters, der erste gute Freund, der an der Front gefallen ist. All das könnte die Entscheidung mit ausgelöst haben.

Sophie-Scholl-Biografin Maren Gottschalk

Ende vergangenen Jahres sorgte eine Frau bei einer Querdenken-Demo für Aufruhr, weil sie sich mit Sophie Scholl verglich. Welche Denkweise steht dahinter?

Was genau in dem Kopf der jungen Frau vorgegangen ist, weiß ich nicht. Sie wollte sich aber offenbar als Opfer präsentieren, und gerade das ist sie ja nicht. Sie kann ihre Meinung öffentlich äußern, ohne Angst haben zu müssen, dafür eingesperrt oder hingerichtet zu werden. Von daher ist ihre Idee, sich mit Sophie Scholl zu vergleichen unhistorisch, unangemessen und herzlos.

Kurz vor Sophie Scholls 100. Geburtstag ist die Instagram-Serie „Ich bin Sophie“ gestartet, die Sie historisch beraten haben. Woran kommt es bei dem Projekt aus Ihrer Sicht besonders an?

Es geht darum, eine historische Persönlichkeit mit Hilfe eines modernen Mediums abzubilden. Wir erkennen Sophie dabei als starke, eigenwillige Persönlichkeit, cool und verletzlich zugleich. Wir erfahren, was sie denkt, woran sie zweifelt, was ihr Sorge bereitet. Natürlich sind die Texte fiktiv, aber das sind Dialoge in Filmen ja auch. Ich glaube, der Ton ist hier sehr gut getroffen und ich bin gespannt darauf, wie die Storys und Reels schließlich geworden sind.

„Ich bin Sophie“ ist nicht das erste Projekt, das soziale Medien zur Vermittlung von Geschichte einsetzt. Welche Vorteile hat das Medium und was bleibt möglicherweise auf der Strecke?

Kein Medium kann einen Menschen in seiner ganzen Komplexität abbilden, weder ein Film, noch ein Buch, eine Ausstellung oder ein Theaterstück. Auch das Instagram-Projekt kann das nicht leisten. Es wird die User aber hoffentlich neugierig machen, mehr über Sophie Scholl zu erfahren und auch über die Zeit, in der sie lebte. Es holt uns ganz nah heran an Sophies Alltag, und darin sehe ich eine große Chance. Wir erkennen den Menschen hinter der Heldin, eine junge Frau, die noch viel im Leben vorhatte – und dann doch beschließt, alles zu riskieren, weil sie ihrem Gewissen folgen will.

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