Vor 15 Jahren

An der Seite Israels

Thomas Horsmann13. Februar 2015
Als erstes deutsches Staatsoberhaupt spricht Johannes Rau am 16. Februar 2000 vor der israelischen Knesset – auf deutsch.

Es ist eine eigenartige Stimmung an diesem Mittwochmorgen, dem 16. Februar 2000: Als Bundespräsident Johannes Rau die Knesset in Jerusalem betritt, ist der Plenarsaal halb leer. Die meisten israelischen Abgeordneten sind nicht an ihrem Platz. Dabei ist dies ein historischer Tag, 55 Jahre nach dem Ende des Holocaust, dem Millionen Juden zum Opfer gefallen waren, soll der Sozialdemokrat Rau als erstes deutsches Staatsoberhaupt vor dem israelischen Parlament sprechen – in deutscher Sprache.

Die Entscheidung ist in der Knesset heftig umstritten. Viele Politiker halten die Zeit für diesen Schritt noch nicht reif. Für sie ist es eine schmerzhafte Vorstellung, dass die Sprache der Täter im Plenarsaal erklingt. Wird es nun zum Eklat kommen? Einige Abgeordnete hatten angekündigt, aus Protest der Sitzung fernzubleiben. Doch die Reihen beginnen sich zu füllen. Als Rau mit seiner Rede beginnt, sind zwei Drittel der 120 Parlamentarier anwesend. Der Bundespräsident spricht leise und bedächtig. Er liest seine Rede ab, selten schaut er hoch. Die israelischen Abgeordneten lauschen mit ernster Miene. Nur wenige können auf den Kopfhörer für die Übersetzung verzichten.  

Bitte um Vergebung

„Herr Staatspräsident, Herr Vorsitzender, meine Damen und Herren, ich weiß, was es für manchen von Ihnen bedeutet, in diesem Hohen Hause heute die deutsche Sprache zu hören. Ihre Entscheidung, mich einzuladen, erfüllt mich mit Dankbarkeit“, beginnt der Bundespräsident seine Rede – und schon mit den ersten Worten trifft er den richtigen Ton. „Im Angesicht des Volkes Israel verneige ich mich in Demut vor den Ermordeten, die keine Gräber haben, an denen ich sie um Vergebung bitten könnte“, so Rau weiter. Schließlich bittet er Israel „um Vergebung für das, was Deutsche getan haben, für mich und meine Generation, um unserer Kinder und Kindeskinder willen, deren Zukunft ich an der Seite der Kinder Israels sehen möchte“.

Für seine historische Rede (hier im Wortlaut) lobte Parlamentspräsident Abraham Burg Johannes Rau als „größten Freund Israels“ – eine sehr seltene Ehre. Schon dass überhaupt ein deutscher Politiker vor der Knesset sprechen durfte, muss als Anerkennung von Raus unermüdlicher Versöhnungsarbeit gewertet werden, die ihn bereits 33 Mal ins Heilige Land geführt hatte. Deshalb war wohl auch kein anderer deutscher Politiker in der Lage, die historisch bedingten besonderen deutsch-israelischen Beziehungen auf eine neue versöhnliche Ebene zu heben.

SPD: Pro-Israel aus Tradition

Mit seiner Rede krönte Rau auch die Versöhnungsarbeit der SPD. Bereits 1951 hatte Carlo Schmid darauf gedrungen, den jungen Staat Israel als Rechtsnachfolger für Rückerstattungs- und Wiedergutmachungsansprüche anzuerkennen. Eine damals höchst umstrittene Forderung. Als die Regierung Adenauer 1952 Israel Reparationen in Höhe von 3,5 Milliarden D-Mark zusicherte, stand die christlich-liberale Koalition vor einer Zerreißprobe. Im Bundestag fehlten ihr die Stimmen, konservative Abgeordnete wandten sich gegen Reparationszahlungen. Nur mit Hilfe der SPD konnte das Abkommen 1953 verabschiedet werden.

Willy Brandt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.
1973: Als erster deutscher Bundeskanzler besucht Willy Brandt Israel, hier bei einer Kranzniederlegung in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Diese pro-israelische Einstellung zeichnete die Sozialdemokratie auch in den folgenden Jahrzehnten aus. 1957 war der SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer der erste deutsche Nachkriegspolitiker, der öffentlich in Israel als Redner auftrat. Erneut war es ein Sozialdemokrat, der die deutsch-israelischen Beziehungen entscheidend voranbrachte: 1973 besuchte Willy Brandt als erster deutscher Bundeskanzler Israel. Er beschrieb das Verhältnis beider Staaten als „normale Beziehungen mit besonderem Charakter“.  

Ein Wort, das auch nach der historischen Rede von Bundespräsident Rau seine Gültigkeit behielt. Denn trotz erheblicher Meinungsverschiedenheiten im Nahost-Konflikt blieb Deutschland bis heute ein verlässlicher Verbündeter Israels.

 

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Kommentare

An Israels Seite

Gut, dass mit dem Bericht über Johannes Rau und sein Verhältnis zu Israel ein weiteres Mal auf besonders wichtige politische Positionierungen von Sozialdemokraten und ihre Leistungen unter schwierigen Rahmenbedingungen hingewiesen worden ist. Sie werden leider oft vergessen, weil sie – so meine Beobachtung - in den Leitmedien und auch in historischen Darstellungen nicht erwähnt werden oder zu sehr an den Rand geraten.
Leider hat Herr Horsmann in seinem Bericht über die Treue Raus zu Israel nicht mit einem einzigen Wort erwähnt, dass er (m.W. als einziger) Bundespräsident die Siedlungspolitik der verschiedenen israelischen Regierungen gegenüber den Regierungsvertretern Israels bei ihrem offiziellen Besuch in Deutschland deutlich kritisiert hat. Dazu gehörte Mut. Als Freund des jüdischen Volks konnte er diese Kritik aussprechen, ohne dass daraus eine Belastung für sein Verhältnis zu Israel oder für die Bundesregierung entstanden wäre. Dieser Mut ist bei unseren Spitzenpolitikern leider die Ausnahme.
Schade für die verpasste Chance. Gerade im Hinblick auf die aufgeflammte Diskussion, ob die deutsche Politik gegenüber Israel wegen der Ablehnung eines palästinensischen Staates durch maßgebliche israelische Politiker neu justiert werden muss, wäre es sinnvoll gewesen, nicht ausschließlich die Freundschaft Raus mit Israel zu loben sondern eben auch auf seine Kritik an dessen Politik hinzuweisen, denn Deutschland steht genau vor dem äußerst heiklen, aber immer unausweichlicheren Problem, wie es einem Freund deutlich macht, dass es nicht jede Rechtsverletzung hinnimmt und nicht jede israelische Politiklinie mittragen kann. Da ist die Position Raus (Kritik kann auch ein wichtiger Freundschaftsdienst sein) durchaus eine Hilfe und Richtschnur. Es wäre gut gewesen, wenn die Vorwärts-Leser durch den Artikel davon hätten Kenntnis nehmen können.
Cay Gabbe