Filmtipp

„Seestück“: Ein Meer von Visionen und Ängsten

Nils Michaelis14. September 2018
Merle Jantson an der Westküste Estlands
Russland im Nacken: Merle Jantson, Mitarbeiterin einer Kultur-Organisation, liebt das friedliche Ambiente an Estlands Westküste.
Auf Hoffnung folgte Abschottung: In seinem neuen Dokumentarfilm porträtiert Volker Koepp die Ostsee als Erinnerungs- und Erfahrungslandschaft.

Nach dem Ende des Kalten Krieges erschien die Ostsee in neuem Licht. Weite Teile der südlichen Küste, ehedem ein schwer zugänglicher Hinterhof Europas, waren nun ein Paradies für Entdecker. Im Zeichen einer neuen Offenheit entwickelten Russland und die baltischen Republiken eine ungeahnte Anziehungskraft. Auch der in Greifswald aufgewachsene Dokumentarfilmer Volker Koepp konnte nun reisen, wohin er wollte. Ihn lockten jene Teile der Ostsee, die er als DDR-Bürger kaum oder gar nicht hatte besuchen können. So machte er sich auf nach Schweden oder ins frühere Sperrgebiet rund um Kaliningrad.

In „Seestück“ lebt diese Sehnsucht wieder auf. Koepps neueste Arbeit dreht sich um die Frage, wie die Menschen den Wandel der Zeiten in dem strategisch wichtigen Raum erlebt haben oder derzeit erleben. Zwischen Russland und dem Westen wachsen neue Mauern. Gleichzeitig verdichtet sich die ökonomische Verflechtung in der Region, nicht nur bei Pipelines. Mancherorts ähnelt die Ostsee eher einer Industrielandschaft als einem Meer. Der Film zeigt Begegnungen mit Persönlichkeiten mit verschiedensten Hintergründen und Erfahrungswelten. Sei es auf Usedom, auf der dänischen Insel Bornholm, an der Schärenküste in Schweden, im polnischen Swinemünde, in Lettland, Estland oder in der russische Exklave Kaliningrad.

Wie ein Gemälde

Der Titel des Films bezieht sich auf alte Gemälde, die von Wellen umtoste Schlachtschiffe zeigen, oder auch romantisch verklärte Landschaften, wie etwa bei Caspar David Friedrich. Wie gemalt mutet auch ein Großteil der Szenen an, und zwar nicht nur die Großaufnahmen der Wellenpracht. Auch viele Gesprächssequenzen sind optisch perfekt durchkomponiert. Stets wird Koepps Gegenüber in den Standbildern als Teil der Landschaft inszeniert. Schließlich geht es immer um die Frage: Inwiefern prägt das Meer die Menschen? Immer schwingt dabei auch die persönliche Wahrnehmung der Befragten mit. So entsteht eine Erinnerungslandschaft, die auch die Ostsee in sich aufnimmt: Wir erleben das Mare Balticum nicht nur als geografischen oder Naturraum, sondern auch als subjektives Konstrukt.

Nicht zuletzt von dieser Synthese oder auch dem Nebeneinander der Perspektiven lebt die Spannung des Films. Die Gesprächssituationen an sich kommen häufig recht behäbig und mitunter auch inhaltlich einseitig daher. Ein Landschaftsökologe von der Universität Greifswald lässt sich minutenlang über die Eingriffe des Menschen in die Küstenlandschaft und die Folgen für die Schnepfenpopulation aus. Eine Mitarbeiterin des „Zentrums für Natur“ am Kap Kolka in Lettland beschreibt strahlend lächelnd, warum sie ausgerechnet in diesem abgelegenen Landstrich eine Familie gegründet hat.

Schrumpfende Basis

Die Vertrautheit vieler Dialoge zeugt von der Verbundenheit Koepps mit Land und Leuten. Dennoch wünscht man sich, der 1944 in Stettin geborene Regisseur hätte engagierter und fokussierter nachgefragt, anstatt im Plauderton zu verharren. So bleiben einige Auskünfte gerade über die Einflüsse von „außen“ – damit sind meist die Spannungen zwischen Russland auf der einen und der Ukraine, den baltischen Staaten und Westeuropa auf der anderen Seite gemeint – eher blass.

Mitunter ergeben sich aber auch unerwartete Pointen. Zum Beispiel, wenn eine Lehrerin auf Bornholm das Gespräch mit „Schöne Grüße aus Russland“ eröffnet. Das gilt dem Kampfjet, der in diesem Moment am Himmel vorbei saust. Eindringlich beschreibt ein Fischer auf Usedom, wie die wirtschaftliche Basis seines Gewerbes auch wegen der Meeresverschmutzung stetig schrumpft. Und wenn eine russische Verwaltungsmitarbeiterin erklärt, sie bekomme von der internationalen Krise nichts mit, beweist ihr laufender Fernseher das Gegenteil.

Von dem Film bleiben nicht zuletzt die ebenso elegischen wie kraftvollen Bilder eines Meeres, das in seiner ganzen Vielfalt zu erleben ist. Für Koepp schließt sich damit der Kreis. In „Berlin-Stettin“ (2010) vermischte er erstmals Reiseeindrücke und Autobiografisches. Für „In Sarmatien“ (2013) erkundete er Gegenden zwischen der Weichsel und dem Schwarzen Meer. Immer ging es um die Spuren geschichtlicher Umbrüche in den Lebensläufen und der Gegenwart der Menschen. „Auch für die kleine Ostsee gilt: Landschaftsbild ist Weltbild“, sagt Koepp.

Info: „Seestück“ (Deutschland 2018), ein Film von Volker Koepp, Kamera: Uwe Mann, 135 Minuten. Ab sofort im Kino.

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