Katharina Swinka

Schülervertreterin: Wichtig, dass die Schulen offen bleiben

Kai Doering13. Januar 2022
Schulschließungen haben massive Auswirkungen auf die Schüler*innen, nicht nur, was den Lernstoff angeht, sagt Katharina Swinka, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz.
Schulschließungen haben massive Auswirkungen auf die Schüler*innen, nicht nur, was den Lernstoff angeht, sagt Katharina Swinka, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz.
Die Coronazahlen steigen, die Schulen bleiben offen. Richtig so, sagt Katharina Swinka, Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz. Schulen seien auch wichtig für den sozialen Kontakt. Allerdings müsse der Schutz der Schüler*innen verbessert werden

Mit welchen Gefühlen sind Sie nach den Weihnachtsferien wieder zur Schule gegangen?

Nach den Diskussionen rund um die Omikron-Variante hat es sich zuerst ein bisschen eigenartig angefühlt. Insgesamt sind meine Klassenkameraden und ich aber glücklich, in der Schule sein zu können. In vier Monaten stehen bei mir die Abi-Prüfungen an. Deshalb ist für uns jede einzelne Schulstunde wichtig und wir nehmen jeden Unterricht mit, der angeboten wird.

Katharina Swinka

Wie erleben Sie im Moment die Situation an den Schulen?

Leider fällt zurzeit sehr viel Unterricht aus, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Trotzdem oder gerade deshalb sind die allermeisten Schülerinnen und Schüler aus meiner Sicht sehr froh, in der Schule sein zu können und in Präsenz unterrichtet zu werden. Wichtig wäre, die Möglichkeiten, sich gegen Corona zu schützen, weiter zu verbessern, etwa durch Luftfilter. Da wird aus meiner Sicht noch immer deutlich zu wenig getan. Die Fenster aufzureißen ist gerade im Winter nicht gerade die beste Alternative. Die neue Bundesregierung sollte da dringend handeln.

Die Zahl der Neuinfektionen steigt seit Tagen drastisch an. Bei Schüler*innen ist sie sogar schon deutlich länger auf einem hohen Niveau. Trotzdem will die Bundesschülerkonferenz wie die Politik die Schulen möglichst offenhalten. Warum?

Das Bundesbildungsministerium, die Kultusministerkonferenz und wir sind der Auffassung, dass die Schulen möglichst offenbleiben sollten. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Sehr wichtig sind die sozialen Kontakte von Schülerinnen und Schülern. In den letzten zwei Jahren seit Ausbruch der Pandemie haben wir gemerkt, wie Schulschließungen und drastische Kontaktbeschränkungen die Psyche von Schülerinnen und Schülern beeinflussen können. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat ermittelt, dass vor der Pandemie zehn Prozent der Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren depressive Symptome hatten, am Ende des ersten Lockdowns waren es 25 Prozent. Hinzu kommen natürlich Lernrückstände, die allein im Distanzunterricht nicht aufgeholt werden können.

Auch die Anzahl von Suizidversuchen unter Jugendlichen soll deutlich zugenommen haben. Worauf führen Sie das zurück?

Psychische Krankheiten treten selten wegen eines einzelnen schlimmen Ereignisses auf. In den meisten Fällen baut sich so etwas über eine längere Zeit auf. Die Isolation durch Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen hat die Jugendlichen aus ihrer Routine gerissen und sicher in vielen Fällen dazu geführt, dass viele allein mit ihren Problemen fertig werden mussten und Ablenkung fehlte. So sind Dinge nach außen gekommen, die sie sonst vielleicht mit Freunden hätten bearbeiten können. Die Schulschließungen waren also sicher nicht die Ursache, habe die Entwicklung aber beschleunigt.

Bund und Länder haben in der vergangenen Woche die Quarantäne-Zeiten verkürzt, insbesondere auch für Schüler*innen. Ein richtiger Schritt?

Ja, definitiv. Wenn es nicht unbedingt medizinisch erforderlich geboten ist, ist jeder Tag, den Schülerinnen und Schüler nicht in Quarantäne verbringen müssen, wichtig und gut. Die Erfahrung der letzten zwei Jahre zeigt leider, dass Schülerinnen und Schüler in Quarantäne wenig bis gar keinen Unterricht erhalten. In zwei Wochen baut sich da schnell ein Lernrückstand auf. Und es gibt ja nicht wenige, die schon ein paar Mal in Quarantäne mussten, weil sie Kontaktpersonen waren. Hybriden Unterricht, an dem Schülerinnen und Schüler auch aus der Quarantäne heraus teilnehmen könnten, gibt es immer noch viel zu selten.

Woran liegt das?

Am Anfang der Pandemie dachten ja alle, die Ausnahmesituation wäre nach ein paar Wochen wieder vorbei. Nun zieht sich die Pandemie schon fast zwei Jahre hin und es wurde an vielen Stellen zu spät auf die Situation regiert. Noch jetzt werden Computer und Tablets an Schülerinnen und Schüler ausgeteilt, die sie eigentlich schon lange bräuchten, um an digitalem Unterricht teilzunehmen. Auch bei den Fortbildungen für Lehrkräfte für digitalen Unterricht gibt es einen Stau, weil zurzeit ja der meiste Unterricht in Präsenz stattfindet. Die Politik konzentriert sich aus meiner Sicht zu sehr auf den Ist-Zustand und nicht auf das, was kommen könnte. Das kann sich schnell rächen. Glücklicherweise gibt es aber auch positive Beispiele.

Nämlich?

An meiner Schule hat eine Lehrerin während des ersten Lockdowns einen wunderbaren digitalen Unterricht gestaltet. Das meiste hat sie sich dafür selbst angeeignet und vorbereitet. Ich würde mir wünschen, dass sich viele ihrer Kolleginnen und Kollegen ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu Nutze machen. Das passiert leider noch viel zu wenig.

Inzwischen können auch Kinder unter zwölf Jahren gegen das Corona-Virus geimpft werden. Wird das die Situation an den Schulen verbessern?

Davon gehe ich fest aus. Je mehr unter-12-Jährige sich impfen lassen, desto größer ist der Schutz für sie selbst, aber auch für die Menschen in ihrem Umfeld. Ganz entscheidend ist dafür aber, dass sowohl die Kinder als auch ihre Eltern über die Impfungen aufgeklärt werden, und zwar altersgerecht. Die meisten wissen und verstehen natürlich, was es bedeutet, in einer Pandemie zu leben, aber darüber, wie die Impfung funktioniert und was sie mit dem Körper macht, gibt es noch sehr viel Unklarheit und Unsicherheit. Das muss dringend geändert werden, wenn die Impfquote erhöht werden soll. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sollte da eine Kampagne auflegen.

Am Testen in der Schule wollen Sie aber dennoch festhalten?

Ja, auf jeden Fall. Corona-Tests sind sehr wichtig und geben ein großes Stück Sicherheit in der Schule. Als Bundesschülerkonferenz plädieren wir deshalb dafür, dass Schülerinnen und Schüler täglich getestet werden sollten. Auch Geimpfte sollten sich mindestens dreimal in der Woche testen.

Ziehen Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer in Sachen Pandemie-Bekämpfung eigentlich an einem Strang oder verfolgen sie unterschiedliche Interessen?

Ich habe schon den Eindruck, dass sich das Verhältnis in der Pandemie verändert hat. Beide Seiten haben erkannt, wie wichtig es ist, zusammenzuarbeiten. An vielen Schulen zeigt sich, wie empathisch der Umgang zwischen Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern sein kann. Das ist definitiv ein positiver Aspekt dieser ansonsten sehr schwierigen Situation.

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