Erinnerungskultur: Ein deutsch-italienisches Theaterprojekt

Dem Schrecken gemeinsam begegnen

70 Jahre nach den Massakern der Deutschen Wehrmacht an Zivilisten im toskanischen Civitella besuchte Außenminister Frank-Walter Steinmeier den Ort. Die Erinnerung wach halten, dazu trägt auch ein deutsch-italienisches Theaterprojekt bei.

Toskana, San Gusmé Anfang Juli. Es ist lange hell. Glycinien, Oleander, ein Dorf auf einem Hügel. Auf dem Piazza Castelli steht eine Theater-Bühne mit Besuchertribüne. Geprobt wird hier für „Albicocche rosse“, Blutige Aprikosen. Das St. Pauli-Theater Hamburg ist temporär mit Personal, Bühne und Kostümfundus in die Toskana verzogen, um die Massaker der Deutschen Wehrmacht auf seine Weise zu thematisieren.

Deutsche Massaker an italienischen Zivilisten

Über den 4. Juli vor 70 Jahren in San Gusmé gibt es verschiedene Versionen: Zwei deutsche Soldaten trafen vor dem Dorf eine alte Frau mit einem Korb voll Aprikosen. Eine andere lautet, sie seien in einem Haus gewesen und hätten dort die Aprikosen gesehen. Jedenfalls suchten sie den Baum und während sie die Aprikosen ernteten, schossen Partisanen von einer Anhöhe aus auf sie. Wusste die Frau von den Partisanen? Hat sie die Soldaten deshalb dorthin geschickt?

Keiner kann mehr darauf antworten. Die Soldaten jedenfalls flohen und waren eine Stunde später mit einer Panzer-Einheit zurück: Auf dem Landgut Palazaccio trieb die Panzer- und Fallschirmdivision Herman Göring das Dorf zusammen und schoss wahllos auf Alte, Frauen und Kinder. Am selben Tag erreichten die Alliierten das Dorf. Neun Tote, Frauen, Jugendliche, Kinder, ein Baby wurden begraben. Ein Stein in der Mitte des Friedhofs bewahrt ihre Namen.

Erinnern am Originalschauplatz

Heute genießen auf den Landgütern ringsum Deutsche das süße italienische Leben. Die Massaker an italienischen Zivilisten, und die ungefähr 10 000 Toten, kommen in der kollektiven Erinnerung nicht vor. Ulrich Waller, Intendant des St.-Pauli-Theaters, und der Gegend aufs Engste verbunden, wollte das ändern:  Am 4. Juli 2014 hatte „Albicocche Rosse“ Premiere in der Original-Kulisse des Dorfes.

Waller, seine Frau Dania Hohmann und Matteo Marsan vom „Teatro Alfieri“ im Nachbarort Castelnuovo, hatten gemeinsam Regie geführt. Drei Regisseure und zwei Nationen, das sind eine Menge Köche. Aber das Stück wuchs aus Einzelszenen zusammen. Italienische Laienspieler, italienische und deutsche Schauspieler unterstützten das Projekt ohne Gage. Dania Hohmann hat geduldig die Szenen vor allem mit den Kindern geprobt: “Es war beglückend”, sagt sie “zu sehen, wie in der kurzen Zeit, Laien und Profis, Italiener und Deutsche, Große und Kleine zu einer großen Familie zusammengewachsen sind.”

Die Toten haben ein Gesicht bekommen

Schon während der Probezeit gab es intensive Auseinandersetzungen mit der Vergangeheit. In Castelnuovo trafen sich als wichtiger Teil des Projektes die italienische und die deutsche Historikerkommission und diskutierte über eine neue Phase der Aufarbeitung. Ein Treffen von Überlebenden des Massakers und Nachkommen der deutscher Mörder war bewegend.

Die Premiere des Stückes schließlich war ein großer Erfolg. Eine besondere Art des gemeinsamen Erinnerns erlebte Waller: “Tief berührt hat mich Ottorino Baglioni, einer der Überlebenden des Massakers, der mir die Fotos seiner Mutter und seines Onkels kurz vor der Vorstellung übergab. Beide am 4. Juli 1944 erschossen. Das werde ich in meinem Leben nicht vergessen. Plötzlich hatten die Toten ein Gesicht.”

Adriana Altaras, Schauspielerin und Autorin aus Berlin, sagt: “Egal welchem Schrecken man sich nähert, Hauptsache man tut es gemeinsam!” Seit einer Woche steht in San Gusmé ein Schild, auf dem der Weg nach Palazaccio ausgewiesen ist. Ein Beispiel dafür, dass Theater etwas bewegen kann.

 

 

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