Hass im Netz

Sawsan Chebli zu Hate Speech: „Es gibt eine autoritäre Revolte“

Robert Kiesel28. Dezember 2017
Sawsan Chebli
Sawsan Chebli polarisiert. Im Netz wird sie regelmäßig zum Ziel von Hass und Hetze
Sie ist die wohl polarisierendste Vertreterin des Berliner Senats: Sawsan Chebli. In den sozialen Netzwerken schwappen ihr regelmäßig ganze Wellen von Hass entgegen. Ein Gespräch über Chancen, Risiken und den richtigen Umgang mit Facebook und Co.

Frau Chebli, ob auf Facebook oder Twitter, in den sozialen Netzwerken schlägt Ihnen oft blanker Hass entgegen. Lesen Sie all die Kommentare noch selber?

Nein, das darf man sich nicht antun. Das ist wichtig, um in  der Welt, in der ich mich bewege, zu überleben.

Sie sind seit einem Jahr in den sozialen Netzwerken angemeldet. Hat sie der Hass dort überrascht?

Irgendwie schon. Vorher, in meiner Zeit als Sprecherin im Auswärtigen Amt, konnte man nur die besten Porträts über mich lesen. Das Flüchtlingskind, das es zur Sprecherin des deutschen Außenministers gebracht hat. Kaum war ich Staatssekretärin der Berliner Senatskanzlei und in den sozialen Netzwerken präsent, ging es los. Die ersten zwei Monate waren schrecklich. Hass, Hetze, Drohungen, auch gegen meine Familie. Auch heute läuft bei jedem Post und jedem Tweet für Vielfalt, für Flüchtlinge, für differenzierten Blick auf den Islam die Maschinerie der Hater sofort auf Hochtouren.

Wie erklären Sie sich das?

Für die AfD und ihresgleichen bin ich Feindbild Nummer 1: Muslima, die zu ihrem Glauben steht, das Kopftuch verteidigt und auch noch erfolgreich ist.

Können Sie ein Beispiel nennen, das besonders viele Hassposts zur Folge hatte?

Mein Beitrag zur Sexismus-Debatte nach dem Fall von Harvey Weinstein in den USA. Dieses ganz simple Beispiel von Alltagssexismus gegenüber Frauen hat unzählige Hasskommentare auf sich gezogen, viele vermischt mit rassistischen Stereotypen. Immer wieder werde ich aber auch von der AfD  angegriffen. Interessant ist, dass sie im Netz ziemlich großspurig auftreten, bei direkten Begegnungen jedoch klein mit Hut sind.

Woher kommt der Hass in sozialen Netzwerken?

Die Anonymität führt leider dazu, dass Hemmschwellen wegfallen. Damit Menschen merken, dass Regeln und Gesetze auch im Netz gelten, muss man sie direkt konfrontieren: Ich habe zum Beispiel etliche Strafanzeigen wegen des Straftatbestands der Beleidigung gestellt, die Urheber mussten Geldstrafen zahlen. Auch deshalb finde ich es sehr wichtig, dass Heiko Maas das Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf den Weg gebracht hat. Jetzt sind die Großkonzerne wie Facebook und Twitter in der Pflicht, auch selbst endlich konsequent gegen Hassposts vorzugehen.

Vermeiden Sie Tweets und Posts zu bestimmten Themen, um Hatern nicht zusätzlich Munition zu geben?

Nein. Man darf vor diesen Personen nicht zurückschrecken.

Nehmen Hass und Hetze in der deutschen Gesellschaft insgesamt zu?

Ja und das macht mir Sorgen. Die Anfeindungen und Angriffe gegen Muslime haben zugenommen. Jeden vierten Tag werden zum Beispiel Flüchtlinge angegriffen. In den Medien kommt das alles kaum vor. Meiner Mutter wurde in den letzten Monaten - ich würde sagen seit Pegida - mehrfach das Kopftuch heruntergerissen. So etwas ist ihr früher nie passiert. Meine Schwestern, die ein Kopftuch tragen, werden ständig angepöbelt. Aber das gilt nicht nur für Islamfeindlichkeit. Schauen Sie sich mal die Kommentarpalten unter Artikeln zum Thema Sinti und Roma, Antisemitismus, Ehe für alle oder Sexismus an – da toben sich regelmäßig die Hetzer aus.

Sehen auch Sie die Gefahr, dass sich Menschen in sozialen Netzwerken radikalisieren?

Wenn die Leute in den Echokammern der sozialen Medien ständig nur mit Hass konfrontiert werden, dann ist die Gefahr der Radikalisierung groß. Attacken wie die auf den Bürgermeister Andreas Hollstein stehen im Zusammenhang mit dem, was in sozialen Netzwerken passiert. Dass sich Täter im Netz radikalisieren, kennen wir auch von islamistisch motiviertem Terror.

Trotz alledem nutzen auch Sie Facebook und Twitter weiter. Warum?

Ich finde, es gehört dazu. Das Netz bietet mir eine Plattform, meiner Stimme Gehör zu verschaffen. Meine Tweets werden aufgegriffen, zitiert, es wird darüber diskutiert. Ich kann so Botschaften senden. Damit, dass ich dafür auch Hass ernte, muss ich umgehen.

Was muss passieren, damit soziale Medien nicht im Hass versinken?

Es ist wichtig, dass wir uns nicht abstumpfen lassen und dass wir die schleichende Normalisierung nicht mitmachen: Jede und jeder einzelne von uns ist gefordert, Haltung zu zeigen und Hate Speech zu ächten. Kein „like“ für Hater! Das ist das eine.
Wir müssen aber auch gemeinsam für demokratische Werte streiten. Eine meiner wichtigsten Aufgaben als Staatssekretärin ist es, zum Engagement zu ermutigen und die demokratische Zivilgesellschaft zu stärken. Denn machen wir uns nichts vor: Es gibt eine autoritäre und antidemokratische Revolte. Hinter vielen, scheinbar oberflächlichen Hassposts im Netz stehen oft Ideologen, die dies organisieren oder inspirieren. Ich möchte dem etwas Positives entgegensetzen, indem ich für die Vision einer gerechten Gesellschaft eintrete, in der alle ihren Platz haben.

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Kommentare

"Sexismus"

Nun, wenn Frau Chebli ein völlig absurdes Beispiel für angeblichen "Sexismus" bringt, kann man schon mal wütend werden. Die Frage ist, was wertet Frau Chebli alles als "Hate Speech"?

Das größte Rätsel bleibt, warum all die Adressaten von Pöbeleien und Beleidigungen offenbar nie auf die Idee kommen, daß darin ein berechtigter Kern steckt.

PS: Im Internet kann man alternative Darstellungen des "Sexismus"-Vorfalles finden, den Frau Chebli anprangerte.

Wut

Attacken wie die auf den Bürgermeister Andreas Hollstein stehen im Zusammenhang mit dem, was in sozialen Netzwerken passiert. Dass sich Täter im Netz radikalisieren, kennen wir auch von islamistisch motiviertem Terror.

Solche Sätze machen beispielsweise wütend. Die sogenannte "Attacke" auf Herrn Hollstein konnte mit einem Pflaster pariert werden und der Bürgermeister gab fröhlich Interviews.

Jüngst hat sich ein AfD-Mitglied nur mit Mühe und Not eines Mordversuchs durch einen Linksradikalen (vermutlich von der durch die SPD unterstützten Antifa) erwehren können, der in seiner Wohnung eingebrochen war.

Das mediale Echo war Null, während die Sache mit dem Bürgermeister tagelang ausgeschlachtet wurde und allerlei Betroffenheitsrhetorik auslöste.

Ich kann mich beherrschen angesichts dieser Zustände, andere weniger.

Auch hier bleibt das größte Wunder, wie man diese Diskrepanzen fortwährend tapfer leugnen kann. Die SPD sollte sich ihr Wahlergebnis noch mal genauer anschauen und endlich ablassen von ihrem linken Spießertum.

Wieso verteidigt die Frau Chebli das Kopftuch?

Im Koran selbst wird das Tragen von Kopftücher nicht gefordert!

Kopftücher sind nicht "rein islamisch"

Das Tragen von Kopftüchern ist auch im orthodoxen Judentum und in Teilen des Christentums üblich.

Kopftuch

Ich versteh das mit dem Kopftuch nicht so richtig... wenn ich die Fotos meiner Mutter oder meines Kindermädchens durchsehe: wenn es kühl wurde, im Winter, trugen sie Kopftuch, mal mehr oder weniger elegant. Das war in den 1940/50er. Alle/viele Frauen trugen das in Deutschland, Niemand hat sich aufgeregt. Es gibt auch unzählige Fotos von Bäuerin mit Kopftuch (meist im Osten). Wieviel Covers von der VOGUE gibt es mit Schöhnheiten d.h. Frauen mit Kopftuch?

Man bzw Frau trägt ein Kopftuch doch weil es praktisch ist:
- es ist kalt und der Wind pfeift
- die Sonne brennt
- unangenehme Typen werden (sonst) zudringlich

Kopftuch eine praktische Mode - denken alle Frauen im Iran

Sehr geehrter Herr Werner,

glauben Sie das wirklich, was Sie da schreiben? Stehen Sie der SPD oder anderen linken Parteien nahe? Dann wäre Ihr Beitrag eine wunderbare Illustration dafür, wie sehr sich diese Parteien vom Volk und der Realität entfernt haben.

Oder ist Ihr Beitrag eine Satire?

Wenn das Kopftuch angeblich nur eine Mode ist, warum zwingen viele Muslime ihren Töchtern dies mit der Geschlechtsreife auf? Warum sehen nicht wenige Muslime kopftuchfreie Frauen als Schlampen oder Ungläubige an? Leben hiesige Muslima alle auf einem Bauernhof?

Man könnte noch sehr viel mehr kritische Fragen stellen, und es schmerzt wirklich sehr, daß Sie Ihren Beitrag offenbar völlig ernst meinen. Aber das ist leider der geistige Zustand vieler Menschen in diesem Land, die glauben, sie seien progressiv, weltoffen und tolerant und AfD-Mitglieder seien "Nazis".

Ich will der SPD und den linken Parteien nur helfen. Lest Ihr keine Kommentare im Internet? Habt Ihr Spaß daran, den Kontakt zum Volk völlig aufzugeben? Man hat als Ossi den Eindruck, daß im Westen Opportunismus, Feigheit und Anpassungszwang an das System der politischen Korrektheit größer sind als in der DDR.

Kopftuch

Miki Werner, haben Sie den Unterschied bemerkt im Tragen des Kopftuches in Deutschland in den 40/50ern und dem Tragen als religiöses Kampfsymbol bei den Muselinnen (nicht bei allen) heute ? Wenn nicht , dann bitte nochmal genau überlegen...

Cheblis

Diese Frau sollte mal ein wenig in sich gehen und überprüfen wie es zu solchen Dingen „gegen“ sie kommt. Ich verurteile alle persönlichen Beleidigungen, Angriffe und gewalttätigen Angriffe gegen jeden Menschen und so auch gegen sie... aber - ihre Einstellung und Äußerungen zu anderen Dingen ... das ruft starke Zweifel hinsichtlich ihrer Integrität auf den Plan... nun muss man wissen dass es nicht nur elegante und intelligente Menschen auf der Welt gibt, diese äussern sich eben suf eine Art und Weise...und die ich auch verurteile.

Es gibt eine autoritäre Revolte?

Nee, das ist wesentlich mehr.
Die 68ziger haben überzogen und jetzt erfolgt der Rücksprung.
Oder wie die Amis sagen: "The roll back"!

Wer Twitter und Facebook nutzt, setzt sich an den Stammtisch

Und wer sich an den Stammtisch setzt sollte sich nicht wundern, dass hier nicht zivilisiert miteinander diskutiert wird. Es ist mir schleierhaft wie man Twitter und Facebook als Diskussionsforen nutzt und sich dann über den dort praktizierten Kommunikationstil mukiert.

Ansonsten finde ich die Ansichten von Frau Chebli zum tragen von Kopftüchern nicht sehr überzeugend. Leben wir in einer säkularen Gesellschaft oder nicht? In einer solchen haben religiöses Brauchtum Privatsache zu bleiben und nicht das öffentliche Bild zu prägen – Mag jeder in seinem privaten Umfeld nach seiner Facon selig werden, aber an Schulen, Gerichten und in der Öffentlichkeit will ich keine verschleierten, vermummten Mitbürger – ich will wissen wer mit da gegenüber tritt.

Ich will doch mal sehen wie der Staat darauf reagiert, wenn sich Menschen aus Gewissensgründen vermummen und somit jeder Gesichterkennung entziehen.

Eine klare sozialdemokratische Antwort ist, Religion ist Privatsache und wir leben in einer säkularen Gesellschaft. Priester, Bischöfe, Kardinäle und Mullahs bestimmen nicht das Straßenbild. Kemal Atatürk lag nicht so falsch als er das Kopftuch verbot.