Interview mit der Parteivorsitzenden

Saskia Esken: Wie die SPD Bildungsungerechtigkeit bekämpfen will

Vera Rosigkeit18. Oktober 2022
Schulkinder
Alle Kinder und auch alle Jugendlichen müssen ein Anrecht auf gleiche Chancen haben, fordert SPD-Chefin Saskia Esken
Die Kompetenzen von Grundschüler*innen sinken, Ungleichheiten bei den Bildungschancen nehmen zu. So das Ergebnis einer aktuellen Bildungsstudie. SPD-Chefin Sakia Esken will das ändern. Dabei soll ein Startchancen-Programm helfen.

Laut IQB-Bildungstrends 2021 sind die Kompetenzen von Viertklässler*innen in Deutsch und Mathematik gegenüber den Ergebnissen aus den Jahren 2011 und 2016 bundesweit deutlich zurückgegangen. Ist das auch eine Folge von Corona?

Nach 2011 und 2016 weist der aktuelle IQB-Bericht einen alarmierend hohen Anteil an Schüler*innen aus, die die Grundkompetenzen nicht erreichen. Das waren bisher bereits 20 Prozent in 2016 und jetzt sind nochmal rund sechs bis acht Prozent hinzugekommen. Das bedeutet: Ein Viertel der Kinder erwirbt nach in der Regel vier Jahren Grundschule nicht die Kompetenzen, die sie brauchen, um eine weiterführende Schule erfolgreich zu besuchen. Natürlich haben Corona und die Schulschließungen schlechte Auswirkungen auch auf die Bildungsgerechtigkeit gehabt. Aber in der Hauptsache müssen wir uns fragen, warum Grundschulen Bildungsunterschiede, mit denen Kinder ihren Bildungsweg starten, nicht ausgleichen können. Und warum sich diese Bildungsunterschiede im Verlauf der vier Grundschuljahre noch verschärfen, sodass die Schere weiter auseinandergeht.

Der Bericht zeigt auch, dass der Bildungserfolg immer mehr von der sozialen Herkunft abhängt. Was ist zu tun?

Diese Entwicklung kann uns nicht kalt lassen. Schon aus Gerechtigkeitsgründen, weil alle Kinder und auch alle Jugendlichen ein Anrecht auf gleiche Chancen haben. Kinder brauchen ab dem ersten Tag eine individuelle Förderung und zwar schon im Kita-Bereich. Spracherwerb und Sprachentwicklung spielen dabei eine sehr große Rolle. Wir können uns das auch volkswirtschaftlich nicht leisten, dass beinahe zehn Prozent eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss verlässt. Damit verschenken wir enorme Potenziale, die sich später schwer heben lassen. Und mir tut es um jeden Jugendlichen leid, der mit so wenig Chancen ins Berufsleben geht.

Im Koalitionsvertrag war von einem Startchancen-Programm für mehr Bildungsgerechtigkeit die Rede. Was ist geplant?

Die Verhandlungspartner*innen im Bereich Bildung waren sich einig, dass wir gemeinsam die Aufgabe verfolgen müssen, Nachteile auszugleichen. Der Plan sieht vor, dass zehn Prozent der Schulen, die den höchsten Anteil an Schüler*innen mit sozio-kulturellen Nachteilen haben, besonders ausgestattet werden. Das lässt sich nur in enger Abstimmung mit den Ländern machen, die ihren Beitrag dazu leisten müssen. Klassisches Beispiel dafür ist die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln, die mit ihrem Hilferuf erreicht hat, dass sie eine Menge Geld als auch gutes Personal erhalten hat. Diese Schule hat aus der Situation heraus viel Potenzial geschöpft und den Schülerinnen und Schülern den Eindruck vermittelt, etwas wert zu sein. Das ist die Idee, die hinter dem Startchancen-Programm steckt.

Sind dafür bereits Gelder bereit gestellt worden?

Da wir anders in die Legislatur gestartet sind als angenommen und uns seit dem Ausbruch des Krieges inzwischen ununterbrochen im Krisenmodus befinden, gibt es aktuell natürlich schon so etwas wie eine Mittelkonkurrenz. 300 Milliarden Euro stemmen wir aktuell zur Abfederung der Krise, das ist eine Menge. Wenn aber die Bildungsministerin das Startchancen-Programm erst zum Jahr 2024/2025 umsetzen will, ist das viel zu spät. So lange darf das nicht liegen bleiben.

Wie schätzen Sie die Chancen ein?

Genauso wie die Kindergrundsicherung müssen wir jetzt auch die Bildungsinstitutionen unterstützen, damit sie ihrer Aufgabe gerecht werden können. Diese Dinge gehören für mich zusammen. Es ist gut, dass das Kita-Qualitätsgesetz jetzt kommt. Und es wäre gut, wenn wir wenigstens schon mal mit dem Startchancen-Programm in den Grundschulen anfangen.

In der SPD hat sich eine Bildungskommission gegründet. Was steckt dahinter?

Der Parteivorstand hat sich für die ersten zwei Jahre der Legislatur als Arbeitsschwerpunkt das große Thema Transformation vorgenommen. Die Dekarbonisierung, die Digitalisierung, der demografische Wandel und die Zeitenwende beinhalten zum Teil auch krisenhafte Entwicklungen. Wir aber wollen die Transformation so gestalten, dass aus technologischem Fortschritt ein sozialer wird. Dazu zählen Fragen nach der Bedeutung von Bildung in der Transformation und Fragen, wie Teilhabe und Bildung ein Leben lang ermöglicht werden kann. In der Kommission werden Fachleute aus der Bundes- und den Landtagsfraktionen und aus Fachverbänden gemeinsam beraten, wie wir unsere Politik ausrichten und positionieren wollen.

IQB-Bildungstrends

Zum dritten Mal hat das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) untersucht, inwieweit Viertklässlerinnen und Viertklässler die bundesweit geltenden Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (KMK) in den Fächern Deutsch und Mathematik erreichen. Gefragt und getestet wurden dafür mehr als 26.000 Schülerinnen und Schüler aus mehr als 1.500 vierten Klassen in allen Bundesländern. Die Daten zum IQB-Bildungstrend 2021 wurden zwischen April und August 2021 erhoben, ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie. Vorausgegegangen sind Bildungstrends in 2011 und 2016, die ebenfalls im Auftrag der Kultusministerkonferenz untersucht wurden.

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Kommentare

gibt es, in diesem Zusammenhang, auch

irgendwelche Pflichten, die den Eltern der so genannt benachteiligten Kinder obliegen=? Ich lese immer nur vom Versagen des Staats, das ich auch nicht bestreiten will. Aber das immer und für alles nur der Staat, und zwar der deutsche Staat , verantwortlich ein soll, das kommt mir doch seltsam vor. Ich könnte, wenn ich dürfte , hier Fälle vortragen, in denen die Eltern nicht zu Potte kommen und die zahlreichen Kinder mehr oder weniger sich selbst bzw. den ehrenamtlichen Helfern überlassen. nach Einschulung muss dann die Schule die "Reparaturarbeiten" übernehmen, und die Mitschüler natürlich- aber keinesfalls die Eltern, denn die genießen ja Selbst den Schutz der so genannt "benachteiligten"- können also ihrerseits auf die alleinige Verantwortung des Staates für ihre Misere verweisen. Es gibt Kinder, die es aus solchen Umständen heraus schaffen- die sind dann gefeit für alle Unbill des Lebens. Leider sind es nur wenige

Politiker schaffen seit 40 Jahren nichts als Probleme

In seiner Regierungserklärung vom Januar 1973 erklärte Willy Brandt u.a., dass es auch ein zuviel an Zuzug gibt. Deshalb wurde die Anwerbung von Arbeitskräften aus Nicht-EWG-Ländern Ende 1973 gestoppt. Doch über die Familienzusammenführung und viele andere Zugangswege wurde ein dauerhafter und massenhafter Armutszuzug aus Nicht-EWG/-EG/-EU Staaten ermöglicht. Nicht wenige Eltern aus der Mittelschicht verliessen und verlassen bestimmte Wohngebiete oder Städte und melden ihre Kinder auf noch bürgerlich intakten Schulen an und Lehrer lassen sich versetzen oder geben den Beruf auf, weil sie nicht ausbaden wollen, was Politiker unablässig verursachen. Wer die IQB Berichte früherer Jahren eingehend studierte, konnte das erkennen.

August Bebel

"Wo der Säbel regiert ist für Bildung kein Platz"
Marode Bebäude, Fachkräftemangel, zu große Klassen ........ seit zig Jahren zieht sich das als Dauerthema durch die Medien, in der Politik spielt es ehr eine untergeordnete Rolle außer im Wahlkampf (besonders zum Bundestag). Aber wenn es darum geht etwas umzusetzen, dann ist das natürlich Sache der Länder. Und denen fehlt das Geld. Beim Bund ist anscheinend genug Geld da für zusätzliche Autobahnen (Verkehrswende) oder für die Finanzierung ausländischer Waffengänge.
2 1/2 Jahre Corona mit Onlie oder wahlweise Mantel bei offenem Fenster, das macht Spaß - auch für die Schüler und innen. Dann in Biologie ein Lehrplan, der was zu sexueller Orientierung und solch woken Themen beitragen will - das ist Soziologie und nicht Biologie. In lehrbüchern werden schöne Experimente vorgeschlagen, aber wie ? wenn schon das Geld für 5 neue Reagengläser zu knapp ist ?