Interview mit Urvashi Butalia über Frauenrechte in Indien

Die Sari-Revolte

Susanne Dohrn08. März 2013

Sie wollen ihr Leben leben und gehen dafür auf die Straße. Urvashi Butalia, Autorin und Gründerin des ersten indischen Frauenbuchverlages Kali for Women in Neu-Delhi, über Feminismus in Indien.

 

vorwärts: Am 8. März ist Internationaler Frauentag. Wird er in Indien gefeiert?

Urvashi Butalia: Vor allem in den Städten. Da gibt es gibt Festivals, Aufführungen von Theaterstücken, auch Demonstration für mehr Gleichberechtigung, gegen Wohnungsnot und Gewalt gegen Frauen. Aber in vielen Teilen Indiens kennt man den Frauentag in seiner Geschichte nicht.

1984 haben Sie einen Frauenverlag gegründet. Wer ist Ihre Zielgruppe?

Als wir anfingen waren unsere Leser Frauen, die mit der Frauenbewegung verbunden waren. Heute lesen uns alle – Männer, Frauen, Kinder, in Indien und woanders. Unsere Autoren sind mehrheitlich Frauen.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Im Feminismus geht es um Gleichberechtigung. Aber in einem Land, das so hierarchisch strukturiert ist wie Indien, muss man fragen: Gleichberechtigt mit wem? Geht es um die Gleichberechtigung einer Frau einer niederen Kaste mit einem Mann niederer Kaste? Das würde bedeuten, dass sie in einem größeren Umfeld betrachtet immer noch ungleich wäre. Deshalb bedeutet Feminismus für mich, dass jeder Mensch – unabhängig von seinem Geschlecht, seiner Rasse oder gesellschaftlichen Klasse – das gleiche Recht auf ein Leben in Würde hat.

Kürzlich hat eine indische Professorin, Bijayalaxmi Nanda, öffentlich darüber gesprochen, dass sie als Zehnjährige von einem Onkel vergewaltigt wurde. Wie hat die Öffentlichkeit darauf reagiert?

Mit Zorn, mit Resignation und Bewunderung für ihren Mut. Diese Geschichte ist nicht neu. Sexuelle Gewalt in Familien ist kein indisches Phänomen. Es gibt sie überall auf der Welt und selten wird darüber gesprochen. Wenn eine Frau damit in die Öffentlichkeit geht, ist das sehr mutig.

Nach dem Tod eines jungen Mädchens in Folge einer Gruppenvergewaltigung gab es Massenproteste im ganzen Land, so viele wie nie zuvor. Woran liegt das?

Zum einen sicher an der Brutalität des Verbrechens. Es geschah in einer Stadt und die Medien griffen es auf. Außerdem war die junge Frau einfach ein normales Mädchen, das nach einem Kinobesuch nach Hause fuhr. Es war nicht spät. Sie war nicht „provozierend“ gekleidet. Sie war mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Sie gehörte zu den vielen jungen Menschen in Indien, die ihr Leben leben wollen. Außerdem hat es in Delhi in den vergangenen Monaten einige sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung gegeben, ohne dass die Täter bestraft wurden. Darüber waren die Menschen wütend. Hinzu kommt: Es hatte einige Monate zuvor Demonstrationen gegen Korruption gegeben. Auch das hat die Menschen ermuntert, auf die Straße zu gehen.

Die indische Regierung hat daraufhin die Strafen für Vergewaltigung verschärft. Auch die Todesstrafe für Vergewaltiger ist im Gespräch. Unterstützen Sie das?

Eine Verschärfung der Gesetze wird noch diskutiert. Ob die Todesstrafe eingeführt wird, steht auch noch nicht fest. Ich bin eine absolute Gegnerin der Todesstrafe.

Können Gesetze Einstellungen verändern?

Wenn Gesetze angewendet werden, können sie abschreckend wirken. Was immer die Menschen für Einstellungen haben, wenn das Gesetz funktioniert und angewendet wird, kann es Dinge verändern. Gesetze allein schaffen das nicht, aber sie sind ein wichtiger Faktor.

Oft heißt es nach einem sexuellen Übergriff, die Frau habe selbst Schuld, weil sie aufreizend angezogen war. Wie fest verankert sind solche Einstellungen in Indien?

Die Mehrheit im Land denkt nicht so. Aber natürlich gibt es Leute, die sich so äußern und leider unterstützen die Medien das. Doch Einstellungen sind nicht so fest verankert, wie manche Menschen glauben. Sehen Sie nur, wie schnell die Globalisierung die Welt verändert hat und Menschen glauben lässt, dass sich alles nur noch ums Geld dreht. Auch das ist ein riesiger Einstellungswandel. Also: Selbst wenn Einstellungen manchmal weit hinter den Gesetzen eines Landes herhinken, können sie sich ändern.

 In ihrem neuen Buch „Fleischmarkt“ schreibt die britische Autorin Laurie Penny, der Kapitalismus sei Schuld an der Unterdrückung von Frauen. Wie sehen Sie das?

Im Großen und Ganzen hat sie Recht. Sie müssen sich ja nur die Werbung anschauen.

Wie ist es in Indien?

Die indische Kultur ist komplex. Deshalb hat die Unterdrückung von Frauen vielfältige Gründe – kulturelle, soziale, ökonomische, historische, politische. Ähnliches gilt für Deutschland, für Europa. Deshalb ist es so schwer, das Problem anzupacken. Wir sollten unser Augenmerk auf das richten, was schon erreicht worden ist und nicht nur auf das, was noch zu tun ist. Indien hat einige sehr fortschrittliche Gesetze und einige sehr mächtige Frauen. Deshalb wundert es mich immer wieder, dass westliche Medien sich immer nur auf das Negative stürzen. Ich vermisse die Ausgewogenheit.

Was verbindet Frauen in Indien mit denen in Europa?

Gewalt gegen Frauen ist ein universelles Thema, es äußert sich nur in jeder Kultur anders. Frauen sind in fast jedem Land der Welt Bürger zweiter Klasse. Deshalb sollten Feministinnen in Europa nicht auf ihre indischen Schwestern herabsehen sondern akzeptieren, dass sie anders sind. Das ist die einzige Möglichkeit voranzukommen.