145. Geburtstag

Rudolf Hilferding: „Vorwärts“-Chefredakteur und Reichsfinanzminister

Sebastian Henneke10. August 2022
„Vorwärts“-Chefredakteur und Pazifist: Vor 80 Jahren starb Rudolf Hilferding.
„Vorwärts“-Chefredakteur und Pazifist: Vor 80 Jahren starb Rudolf Hilferding.
Er war Ökonom, Politiker und Publizist. Als Chefredakteur des „Vorwärts“ geriet er während des Ersten Weltkriegs mehrfach mit der SPD-Führung aneinander. Am 10. August 1877 wurde er in Wien geboren.

Was für eine Parteikarriere: Nach der Promotion zum Dr. med. und seiner kurzfristigen Arbeit als Kinderarzt lehrte der am 10. August 1877 in Wien geborene Rudolf Hilferding 1906/07 an der Parteischule der SPD in Berlin. Von da an arbeitete er bis zu seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg für den „Vorwärts“. Seine Tätigkeit für die Parteizeitung lässt sich besonders an Hand seines leidenschaftlichen Engagements in der Auseinandersetzung mit dem Parteivorstand belegen. Während der sich mit fortlaufender Kriegsdauer verschärfender Zensur näherte sich Hilferding als führendes Redaktionsmitglied mehr und mehr der links-zentristischen Minderheit in der Reichstagsfraktion an.

Auseinandersetzungen mit dem SPD-Vorstand

Hilferding beteuert stellvertretend für alle Redakteure des „Vorwärts“: „Wir dürfen nicht schreiben, wie wir wollen, aber anders schreiben können wir nicht.“ Der Parteivorstand wurde durch die redaktionelle Haltung mehrfach in arge Bedrängnis gebracht. So musste er beim Reichsinnenministerium um die Freigabe verbotener Ausgaben bitten und für die Zukunft Besserung geloben.

Hilferding setzte sich in den Sitzungen des Parteivorstandes leidenschaftlich für den „Vorwärts“ ein. So forderte er die uneingeschränkte Unterstützung der Parteiführung für die regierungskritischen Artikel im August 1914. Die Zukunft der sozialdemokratischen Bewegung stehe auf dem Spiel, so die Meinung der Redaktion. Die Parteiführung sah keine Chance, Hilferding und seine Kollegen zu disziplinieren, da sie Gegenreaktionen aus der Parteibasis fürchteten.

Hilferdings Erfahrungens als Feldarzt in der österreichisch-ungarischen Armee unterstrichen seine generelle anti-militaristische Grundhaltung und veranlassten ihn, ab 1917 für die USPD zu kämpfen. Von 1918 bis 1923 war Hilferding Chefredakteur des „Vorwärts“-Konkurrenzblattes „Die Freiheit“, der Zeitung der Unabhängigen SPD.

Einmal USPD und zurück

Nach der von ihm unterstützten Wiederangliederung an die MSPD begann für Rudolf Hilferdings die politische Karriere. Im Kabinett Stresemann übernahm er für kurze Zeit das Amt des Reichsfinanzministers. Von 1924 bis 1933 saß er als Abgeordneter im Reichstag. Unter Reichskanzler Hermann Müller (SPD) wurde er abermals zum Reichsfinanzminister berufen, musste aber in Folge des Schwarzen Freitags – des Börsencrashs in New York – zurücktreten.

Nach seiner Ausbürgerung durch die Nazis 1933, floh Hilferding über Zürich nach Frankreich. Als Mitglied des Exilparteivorstandes war er weiterhin am Kampf gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Nach der Besetzung Frankreichs wurde Hilferding in Marseille festgenommen und starb am 11. Februar 1941 im Gestapogefägnis Le Santè in Paris unter ungeklärten Umständen.

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Kommentare

Also bitte, wo bleibt denn die Autokorrektur, oder hat die den

Reichsfinanziminister

durchgelassen. Reichfinanzi..... super. Mehr Respektlosigkeit geht kaum,

Als Chefredakteur wäre Hilferding außer sich, seinerzeit gab es solche Flüchtigkeiten nicht, da bin ich sehr sicher

Vielen Dank...

...für den Hinweis. Wir haben das korrigiert.

Hilferding

Hilferding wurde vom SPD Vorstand samt seiner Redakteurskollegen 1916 aus dem vorwärts entfernt. Verschärfend kommt hinzu, daß Leute aus diesem Vorstand sich dafür stark machten ihn aus dem Deutschen Reich auszuweisen und ihn damit der kuk Militärmaschinerie auslieferten.

Dann fehlt die Erwähnung seines trotz aller Unzulänglichkeiten großartigen Werkes "Das Finanzkapital", die Grundlage für die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus; weiterentwickelt von sozialdemokratischen Theoretikern wie Kautzki "Ultra-Imperialismus", Luxemburg "Die Akkumulation des Kapitals" und nicht zuletzt Lenin "Der Imperialismus - das gegenwärtige Stadium des Kapitalismus".

.... und Jude war er auch noch - auch einige seiner Angehörigen fanden unter dem NS-Regime den Tod.

Ein gutes Vorbild für die Sozialdemokratie

Hilferding war ein interessanter Politiker, der hervorragend vernetzt war, wie man in den Tagebüchern von Kessler nachlesen kann. Bei Rosenberg wird deutlich, welche theoretischen und praktischen Probleme ein engagierter Sozialdemokrat an der Nahtstelle zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik zu lösen hatte.

Es wird aber auch deutlich, dass Hilferding - als zentraler sozialistischer Theoretiker neben Kautsky und Bernstein - die Politik der SPD vor dem Hintergrund seiner sozialistischen Überzeugungen beurteilte. "Das Finanzkapital" bildete dabei einen zentralen Bezugspunkt, um in den Wirren zwischen der "Novemberrevolution" und des "Kapp-Putsches" eine eigenständige Position zu formulieren.

Konstrukktive Positionen, die teilweise zu massiven Konflikten geführt haben, auch mit der Führung der SPD. Und dennoch war gerade dieser Diskurs und die innerparteiliche Opposition die Stärke der SPD als "Programm-Partei".

Diese innerparteiliche Diskussionskultur, so destruktiv sie zeitlich auch wirkte, war dennoch die Stärke der SPD und war attraktiv für ihre Anhänger und Wähler. Da sollte man versuchen wieder verstärkt anzuknüpfen.

Zum Wording

Nach mehrfachem Lesen ärgert es mich immer wieder. Bei "Wiki" und in dem Beitrag steht, dass er in einem Gefängnis der Gestapo unter "ungeklärten Umständen" gestorben sei. "Wiki" schreibt zusätzlich, er sei auf dem Weg dorthin gefoltert worden.

Deswegen sollte man doch deutlich sagen, dass Hilferding durch die Gestapo ermordet wurde. Er ist nicht unter "ungeklärten Umständen" gestorben.

Ist diese Anmerkung "kleinliche"? Nein, ist sie nicht! Es ist der Widerspruch, historische Ereignisse zu "entemotionalisieren". Die Gestapo war eine mörderische Organisation und sollte auch so deutlich benannt werden.

Gerade und vor allem aus der Sicht der SPD. Nicht zuletzt, da aus ihren Reihen nicht wenige Funktionäre in KZ gelitten haben oder ermordet wurden.

Und diese Erfahrung der Unterdrückung konnte man als junges Parteimitglied sich von älteren Genossen, die in den KZ`s waren, erzählen lassen und hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, welche antifaschistische Tradition die SPD hat.

Zum Wording

Zwei sehr gute Kommentare von Thomas Pahnke. Ich würde mir häufiger Kommentare von ihm wünschen.

Rudolf Hilferding

Wichtig zu erwähnen ist auch Rudolf Hilferdings Wer "Das Finanzkapital".

Ebenso wird in den bürgerlichen Geschichtsbüchern immer der damalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht als "Währungsretter" infolge der Inflation mit Einführung der Rentenmark im Jahre 1923 hochgejubelt, während in Wirklichkeit Rudolf Hilferding derjenige war, der die Inflation beendet hatte.

Stimmt

Auch die Beendigung der Inflation hat Hilferding geschafft.