Filmtipp

„Reseba“: Das Leid der Jesiden in sprachlosen Bildern

Nils Michaelis06. April 2018
„Reseba“
Unter dem IS-Regime werden Frauen zur Ware.
Vertrieben, missbraucht und schief angesehen: Der Neuanfang eines jesidischen Paares im Flüchtlingscamp steht unter keinem guten Stern. Erstmals befasst sich ein Spielfilm mit dem Schicksal der Minderheit unter der Schreckensherrschaft des IS.

Seit ihrer Verlobung haben sich Pero und Reko nicht mehr so zärtlich angeschaut. Doch dann dröhnen die verzerrten „Allahu Akbar“-Rufe des Muezzins durchs Fenster. Pero verfällt in Schockstarre. Plötzlich sind die Schrecken, die die Jesidin in den Fängen des sogenannten Islamischen Staates erlitten hat, wieder präsent. Fluchtartig verlässt die junge Frau mit ihrem Verlobten und der Mutter das Restaurant irgendwo in den irakischen Kurdengebieten.

Macht und Ideologie

Iraks Regierung hat den IS im vergangenen Jahr für besiegt erklärt. Die Jesiden hatten unter dessen Angriffen besonders zu leiden. Bei der Eroberung ihrer Gebiete ging es nicht nur um Macht, sondern auch um Ideologie. Radikalen Islamisten gelten die Jesiden als Teufelsanbeter. Seit dem Sommer 2014 verübte der IS einen Völkermord an der ethno-religiösen Gruppe im Zweistromland. Städte und Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht und Tausende Frauen und Mädchen zu Sexsklavinnen.

Bei den Opfern der Terrormiliz gibt es „sehr große seelische Wunden“, sagte Max Werlein von der Hilfsorganisation Grünhelme kürzlich im Deutschlandfunk. Von diesen Verletzungen, die bekanntlich extrem langsam heilen, erzählt „Reseba“. Die Arbeit des kurdischen Regisseur Hussein Hassan ist der erste Spielfilm überhaupt, der sich dem grausamen Schicksal der Jesiden während des Vormarsches des IS widmet. Basierend auf einer wahren Geschichte erweckt der Film die Hölle zum Leben, die die Menschen durchmachten, als die Gotteskrieger vor bald vier Jahren auf die symbolträchtige Stadt Sindschar vorrückten.

Leichen am Straßenrand

Kann unter solch extremen Bedingungen eine junge Liebe überleben? Keine geringere Frage als diese, die für die, die sie betrifft, alles bedeutet, stellt dieser Film. Die Rahmenhandlung wirkt dem ersten Anschein nach märchenhaft, doch tatsächlich entwickelt sie sich zu einem wahren Albtraum. Reko und Pero wollen heiraten. Alles wird nach alter Tradition vorbereitet. Doch plötzlich rollen die Pick-ups des IS heran. Wenig später säumen Männerleichen den Straßenrand.

Pero und die anderen Frauen werden vergewaltigt, in schwarze Schleier gesteckt und wie Vieh an reiche Araber verhökert. Reko bekommt von all dem zunächst nichts mit. Für eine US-Firma bewacht er ein weit abgelegenes Ölfeld. Als er wieder im Dorf eintrifft, sind Pero und ihre Leidensgenossinnen längst fort. Reko macht sich auf die Suche und kämpft sich durch die Frontlinien zwischen den kurdischen Peschmerga und dem IS. In Syrien findet er Pero und bringt sie zu ihrer Familie ins Flüchtlingslager in Irakisch-Kurdistan. Reko hofft  auf einen Neuanfang und will seine Verlobte so schnell wie möglich heiraten. Doch Peros seelische Wunden sind tiefer als er sich womöglich vorstellen kann. Auch sonst stößt der Traum von einer gemeinsamen Zukunft auf Widerstände. Schließlich gelten vergewaltigte Frauen – nicht nur, aber eben auch – in dieser konservativen Community als „unrein“.

Emotional verkrüppelt

„Reseba“ kreist um ein exzessives Ausmaß von Gewalt, doch zu sehen gibt es davon so gut wie nichts. Hussein Hassan habe die traumatisierten Jesiden nicht bloßstellen wollen, hieß es vor dem Kinostart. Vielmehr konzentriert sich diese oftmals spröde inszenierte Erzählung auf die psychischen Folgen der Hinrichtungen, Vergewaltigungen und Zerstörungswut. Nicht zuletzt gibt es immer wieder Momente der Sprachlosigkeit, wenn die Familien in den Zelten zusammenkommen. Auch die Gefühlswelt der Auftretenden wirkt angesichts der allgegenwärtigen Schweigsamkeit und körperlichen Distanz verkrüppelt. Was wie fehlende Empathie für die Liebsten wirkt, ist allerdings vielmehr ein Ausdruck schwerster innerer Kämpfe. Die zunehmend scheuen Blicke zwischen Reko und Pero sagen alles.

Dass sich „Reseba“ weithin mit Andeutungen begnügt und wahre Dialoge selten zustande kommen, verträgt sich nicht unbedingt mit einer dynamischen Erzählweise. Andererseits wird gerade dadurch Raum für das Unaussprechliche und Unerklärbare an diesem besonders brutalen Konflikt geschaffen. Eine essenzielle Erweiterung einer rein nachrichtlichen Perspektive.

Info: „Reseba – The Dark Wind“ (Irak/Deutschland/Katar, 2016), ein Film von Hussein Hassan, mit Rekesh Shabaz, Diman Zandi, Maryam Boobani u.a., 89 Minuten, OmU (Kurdisch/Arabisch). Jetzt im Kino

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