Rentensystem

Warum Rente zum Wahlkampfthema werden muss

Julia Korbik29. April 2016
Rente? Darüber möchte im Wahlkampf niemand diskutieren
Die Rente gilt als schlechtes Wahlkampfthema, niemand möchte so richtig darüber diskutieren. Die Auswirkungen bekommen in einigen Jahrzehnten die heute Jungen zu spüren. Ein Kommentar.

Deutschlands Rentensystem sei bis 2029 „stabil und zukunftsfest“, sagt Angela Merkel. Das ist erfreulich für alle, die bis dahin in Rente gehen. Aber was kommt nach 2029? Das fragen sich junge Menschen wie ich, Menschen, die eben nicht vor 2029 in Rente gehen.

Ich gehöre zu den 57 Prozent der Deutschen, die sich laut ARD-Deutschlandtrend rententechnisch nicht genug abgesichert fühlen. Zu Recht. „Ihr werdet im Alter nichts haben“, predigt mein Vater meiner Schwester und mir und guckt besorgt. Er war Ingenieur, er kriegt eine gute Rente. Meine Schwester lacht ungläubig: „Papa, das wissen wir längst. Glaubst du ernsthaft, du verkündest uns was Neues?“

Die Riester-Rente ist gescheitert

Und wie könnte es auch nicht? Ich gehöre zu einer Generation, die nie auch nur die Aussicht auf eine gute Rente hatte. Das liegt an verschiedenen Faktoren, vor allem aber daran, dass das Umlagesystem – bei dem die Jungen die Alten finanzieren – auf lange Sicht nicht funktioniert. Werden eben zu wenige Kinder geboren, Deutschland veraltet.

Es liegt aber auch am Wandel der Arbeitswelt. In meinem Freundeskreis haben die meisten Jahresverträge, werden für befristete Projekte eingestellt, sind immer mal wieder im Ausland unterwegs. Kurz gesagt: Die Erwerbsbiographie ist stückelig, die meisten Beschäftigungsverhältnisse sind alles andere als stabil – und gut bezahlt oft auch nicht. Schwer, unter solchen Bedingungen noch fürs Alter vorzusorgen.

Aber auch, wenn man es macht, macht man es offensichtlich falsch. Ich kenne einige Leute, die „riestern“. Jetzt stellt sich raus, bringt nichts. Horst Seehofer hat die Riester-Rente für gescheitert erklärt. Wer hätte gedacht, dass ich es mal spannend finde, was Seehofer zu sagen hat.

Rente mit 70

Momentan wird über die Rente mit 70 diskutiert, einfach weil allen klar ist, dass auch die Rente mit 67 nicht reicht, einem Menschen den Lebensabend zu finanzieren. So tragisch finde ich das eigentlich nicht. Die heute 70-Jährigen sind die neuen 60-Jährigen oder sogar 50-Jährigen. Als mein Vater mit 65 in Rente gehen musste, war er traurig. Er war körperlich fit, er mochte seinen Job, er war gut darin, er hätte gerne noch ein paar Jahre weitergearbeitet.

Die Arbeitswelt verändert sich, sie wird flexibler, globalisierter, individualisierter. Warum sollte man nicht auch mit 70 noch arbeiten? Ich bin Journalistin und Autorin und kann mir nicht vorstellen, irgendwann nicht mehr zu schreiben. Das sage ich meinem Vater. Er gibt zu bedenken: „Du bist jetzt jung und gesund, du weißt nicht, ob das mit 70 immer noch so ist. Vielleicht kannst du im Alter einfach nicht mehr arbeiten.“

Ich mag die Argumentation nicht, aber er hat Recht. Ich bin 28 und ich muss jetzt anfangen, mir ernsthaft Gedanken um meine Rente zu machen. Als ich das einer älteren – sprich: über 50-Jährigen – Bekannten erzählte, lachte sie: „Unfassbar, als ich in deinem Alter war, habe ich mich damit gar nicht beschäftigt.“

Kein Wahlkampfthema

Diesen Luxus haben ich und viele andere meiner Generation und der darauffolgenden nicht. Ich schreibe das ganz nüchtern, ohne Vorwurf. Denn im Gegensatz zu anderen haben wir nie damit gerechnet, eine gute Rente zu bekommen. Wir sind die Generation, die nichts erwartet.

Ich gerate nicht in Panik, ich kriege keine Schnappatmung, wenn ich an die Rente denke – zumindest noch nicht. Ich finde es auch okay, dass ich mich um meine Rente ein bisschen selber kümmern muss. Was ich aber nicht okay finde ist, dass das in der Politik niemand so richtig diskutieren möchte.

Denn dass die Rente auf keinen Fall zum Wahlkampfthema werden soll, darin ist sich man sich zumindest bei SPD und CDU einig. Mir, die mich in circa 40 Jahren eine mickrige Rente erwartet, nervt das. Ich erwarte von der Politik keine magische Lösung, keine Versprechungen, die Renten jetzt und sofort zu erhöhen. Aber ich erwarte, dass zumindest über das Thema diskutiert wird. Dass die Sorgen meiner Generation ernst genommen werden. Ich wüsste nämlich schon ganz gerne, was nach 2029 geschieht.

weiterführender Artikel

Kommentare

Nur die umlagefinanzierte Rente ist krisensicher.

Die jeweils auszuzahlenden Beträge müssen immer genau zum Auszahlungspunkt erarbeitet werden. Das wußte man, als sie eingeführt wurde und schuf später mit dem Stabilitätsgesetz die Auflage für jede Regierung, mit einer integrierten Wirtschafts-, Fiskal-, Finanz-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik dafür zu sorgen, dass Wohlstand von allen für alle geschaffen werden konnte und wurde.

Man muss deshalb nicht länger arbeiten, sondern die Umlagen auch aus Maschinensteuer oder ähnlichem erheben.

Die umlagefinanzierte Rente wurde und wird durch die Agenda 2010 von SPD&Grünen ruiniert.

SPD&Grüne waren und sind dafür verantwortlich, dass die Löhne und Gehälter brutal und rabiat gedrückt wurden. O-Ton G. Schröder 2005 in Davos: "Wir haben unseren Arbeitsmarkt liberalisiert. Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt." Der Niedriglohnsektor wurde gewaltsam von ca. 16,8 auf ca. 23% ausgeweitet.

Private Altersversicherungen unterliegen den Schwankungen der Finanzmärkte und müssen auch zum Auszahlungspunkt erwirtschaftet werden, denn Einzahlungen können nicht in die Zukunft transferiert werden. Brechen die Finanzmärkte ein, hat man keine Rente.