Italien

Renitente Zellen

Petra Reski20. August 2009

Eigentlich weiß man nicht, wer ihn mehr fürchtet - Berlusconis "Pol der Freiheit" oder die linksdemokratische Partei? Beppe Grillo ist der Antichrist der italienischen Politik. Starkomiker,
Wüterich, Umweltschützer, Moralist, Nationalheiliger in Personalunion, Anführer der außerparlamentarischen Opposition Italiens - einer Bewegung, die hinter dem erstarrten Rücken der italienischen
Politiker im Internet gewachsen ist, Millionen von Anhängern zählt, bereits in 31 Gemeinden (von Padua über Bologna bis hin nach Reggio Calabria) als Bürgerliste vertreten ist, und der jetzt auch
noch angedroht hat, bei den nächsten Regionalwahlen zu kandidieren.

Persona non grata

Die herrschende politische Klasse glaubt, sich gegen Grillo am besten zu schützen, indem sie bei seinem Anblick die Hände vor die Augen schlägt - Beppe Grillo taucht in keiner Fernsehsendung
auf, weil er schon lange vor Berlusconis Säuberungswelle vom damaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi höchstpersönlich aus dem italienischen Fernsehen verbannt wurde.

Für die italienischen Tageszeitungen ist er Persona non grata: Die Berlusconi-Presse verschweigt ihn - und das nicht nur, weil er den Ministerpräsidenten als Psychozwerg schmäht, der Frauen im
Bus den Hintern tätschelt. Und linksdemokratische Blätter wie die "La Republica" berichten nur dann zähneknirschend über Grillo, wenn die Millionen Italiener nicht mehr zu verschweigen sind, die
bei Grillos Protestveranstaltungen die Gleichschaltung der italienischen Medien beklagen oder mit der Aktion "Sauberes Parlament" den Rücktritt der 70 vorbestraften Parlamentarier fordern.

Blog für den Aufstand

Irgendwann war es Beppe Grillo nicht mehr genug, die Leute mit Sketchen über Italiens Missstände zum Lachen zu bringen: Er entdeckte das Netz, schrieb einen Blog, der heute zu den weltweit
erfolgreichsten gehört und lancierte von seinem Webblog aus die Idee der "Meet-Ups": Kleine, renitente Zellen, die gegen Feinstaub kämpfen oder gegen die Privatisierung des Wassers, gegen die
Mafia in der Müllbeseitigung und gegen den Hochgeschwindigkeitszug: Es geht um Ökonomie und Ökologie, um Politik und Konsum und Fortschritt, der keiner ist.

Eigentlich hat Grillo nichts anderes gemacht, als die resignierten Italiener zur Selbsthilfe aufzufordern - und genau deshalb werden Grillos kleine, renitente Zellen heute von den etablierten
Parteien so gefürchtet: Weil sie beweisen, dass eine Revolution von unten möglich ist.