Neues Denken

Redesign Democracy: Dieser Workshop soll die Demokratie retten

Kai Doering27. Oktober 2017
Populisten sind auch deshalb so erfolgreich, weil die Menschen die Demokratie als selbstverständlich wahrnehmen und dabei gemütlich werden. Die Initiatoren von „Redesign Democracy“ wollen sie wachrütteln.
Populisten sind auch deshalb so erfolgreich, weil die Menschen die Demokratie als selbstverständlich wahrnehmen und dabei gemütlich werden. Die Initiatoren von „Redesign Democracy“ wollen sie wachrütteln.
Von den einen als selbstverständlich erachtet, von den anderen unter Beschuss: Die Demokratie hat zurzeit einen schweren Stand. Die Initiatoren des Workshops „Redesign Democracy“ wollen Menschen animieren, sich für die Demokratie einzusetzen. Dabei lernen sie auch von den Populisten.

Der Brexit in Großbritannien, Donald Trump in den USA oder die AfD in Deutschland – all dies ist möglich geworden, weil die Menschen die Demokratie und ihre Errungenschaften als selbstverständlich erachten, ist Katharina von Sohlern. „Das Undenkbare wird in unserer Zeit möglich“, sagt die Kulturanthropologin und Vorstandsmitglied des Vereins D.Collective. Gemeinsam mit Henning Flaskamp von der Kommunikationsagentur W21K organisiert D.Collective deshalb den Workshop „Redesign Democracy“, der am 17. und 18. November in Berlin stattfinden wird. vorwärts.de hat mit den beiden gesprochen.

Ist die Demokratie in Deutschland in Gefahr?

Henning Flaskamp: Die Demokratie ist grundsätzlich immer dann in Gefahr, wenn Menschen sie als selbstverständlich erachten und nicht sehen, dass die Demokratie darauf aufbaut, dass Menschen sich in sie einbringen und sie als hohes Gut schätzen. Die Wahlerfolge der AfD, die ich in großen Teilen als antidemokratische Partei wahrnehme, haben bei vielen dazu geführt, dass sie sich wieder stärker um die Demokratie bemühen. Das ist aber kein Grund zur Entwarnung. Gerade wenn man über Deutschlands Grenzen hinausblickt, merkt man schnell, dass ein demokratisches Europa alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist. Deshalb ist es allerhöchste Zeit, sich wieder stärker für die Demokratie zu engagieren.

Katharina von Sohlern: Der Brexit in Großbritannien, Donald Trump in den USA oder die AfD in Deutschland sind unter anderem deshalb möglich geworden, weil die Menschen die Demokratie als selbstverständlich wahrnehmen und dabei gemütlich werden. Beim Brexit zum Beispiel konnten sich viele gar nicht vorstellen, dass er überhaupt eintreten kann – und dann war er mit einem Mal da. Das Undenkbare wird in unserer Zeit möglich. Danach fangen die Menschen an, aktiv zu werden. Sie treten in Parteien ein oder engagieren sich. Das ist sehr positiv, aber eigentlich zu spät. Besser wäre, rechtzeitig aktiv zu werden, bevor das eigentlich Undenkbare eingetreten ist.

„Deine Demokratie rettet sich nicht von allein“ heißt es in der Ausschreibung des „Redesign-Democracy“-Workshops, den Sie Mitte November in Berlin veranstalten. Wie wollen sie Menschen motivieren, sich zu engagieren?

Katharina von Sohlern: Das müssen wir eigentlich gar nicht mehr. Der Einzug der AfD in den Bundestag war für viele ein Weckruf, sich für die Demokratie einzusetzen. Darauf können wir mit unserem Aufruf, sich mit eigenen Ideen einzubringen, aufbauen. Wir wollen, dass sich die Menschen bewusst machen, was ihre Rolle in der Demokratie ist und wie sie sich selbst einbringen können. Mit unserem Workshop helfen wir ihnen dabei.

Henning Flaskamp: Bei vielen Menschen gibt es den Impuls: ‚Ich müsste doch jetzt etwas tun, um für die Werte unserer Gesellschaft einzutreten’. Bei der konkreten Antwort auf die Frage, wie sie den ersten Schritt machen können, bleiben dann allerdings viele stehen. Deshalb braucht es niedrigschwellige Angebote, um ihnen den Start zu erleichtern. Redesign-Democracy soll so ein Angebot sein.

Sie gehen sogar noch weiter und wollen „die Demokratie neu denken“. Wie sieht das konkret aus?

Katharina von Sohlern: Erstmal geht es darum, sich überhaupt zu trauen, Dinge neu zu denken. Der häufigste Satz, den man hört, wenn man etwas Neues anstoßen will, lautet: ‚Das ist schon immer so gewesen.’ Dieses Denken wollen wir ändern und die Menschen ermutigen, über das Gewohnte hinauszugehen. Mit Redesign-Democracy machen wir den Raum auf und laden die Menschen ein, Dinge grundsätzlich neu zu denken. Erst im nächsten Schritt überlegen wir dann, wie sie möglicherweise angepasst werden müssen, damit sie auch umgesetzt werden können. Die Ideen, die im Workshop entstehen, denken nicht das System komplett neu. Es sind vielmehr viele kleine Ideen, die zusammengenommen einen Wandel anstoßen können.

Wie muss man sich das vom Workshop-Ablauf her vorstellen?

Katharina von Sohlern: Wir fangen mit ganz konkreten Fragestellungen an. Wer zu unserem Workshop kommt, bringt die Themen mit, die ihn oder sie persönlich im Alltag betreffen. Denn auch wenn es vielen nicht so scheint, sind diese oft sehr politisch. Durch diesen Ansatz im Konkreten wird Demokratie greifbar und überfordert niemanden. Darauf aufbauend entwickeln die Workshop-Teilnehmer kleine Lösungen, die zusammen genommen eine Veränderung bewirken. Wir wollen weg vom Sich-über-etwas-beschweren hin zur Entwicklung einer positiven Vision des Zusammenlebens.

Henning Flaskamp: Ein Erfolgsgeheimnis der Populisten ist ja, dass sie gezielt mit Konventionen brechen. Sie haben das im negativen Sinne getan, ich bin aber davon überzeugt, dass man es auch positiv wenden kann. Wer die ausgetretenen Pfade des Politischen verlässt, findet schnell zu neuen Ideen und kann andere mitreißen.

An wen richtet sich Redesign-Democracy?

Henning Flaskamp: Unser Auftritt spricht wahrscheinlich eher jüngere Menschen an, aber wir richten uns ausdrücklich an alle, die die Demokratie zum Positiven verändern möchten. Auf der anderen Seite laden wir Organisationen ein, die offen für neue Gedanken und engagierte Menschen sind und deren Ideen umsetzen wollen.

Wie sorgen Sie dafür, dass es am Ende der zwei Workshop-Tage nicht bei der Theorie bleibt, sondern die entstandenen Ideen auch umgesetzt werden?

Henning Flaskamp: Zunächst einmal werden wir die Ergebnisse des Workshops auf einer dafür eingerichteten Internetseite dokumentieren. Hier können Interessierte auch verfolgen, wie es mit den Projekten weitergeht und ggf. Ideen aufgreifen.

Katharina von Sohlern: Vor allem haben wir aber auch schon während des Workshops Organisationen dabei, die Interesse haben könnten, die entstandenen Projekte umzusetzen. Im Idealfall wird es also so sein, dass während des Workshops eine Gruppe eine Idee entwickelt und dann eine Organisation diese Idee aufnimmt und in die Praxis umsetzt.

Henning Flaskamp: Als Partner haben bisher die Volkssolidarität, die Initiative #Ichbinhier, die ver.di Jugend, „Die offene Gesellschaft“ und die Grüne Jugend Berlin zugesagt.

weiterführender Artikel