Musik und Gewalt

Rechts-Rock in Thüringen: Die Tradition des NSU lebt fort

Robert Kiesel30. Juni 2017

Eine Kooperation mit bnr.de

Teilnehmer am „Thüringentag der nationalen Jugend“ in Kahla (2013) tragen ihre Solidarität mit dem mutmaßlichen NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben ganz offen zur Schau.
In keinem anderen Bundesland finden so viele Konzerte rechtsextremer Bands statt wie in Thüringen. Beobachter warnen vor der Finanzierung rechtsterroristischer Strukturen.

Die letzte öffentlich bekannt gewordene Aktion stammt aus dem März 2016: In einem Konzertraum in Kirchheim (Thüringen) hatten Neonazis ein Banner mit der Aufschrift „Freiheit für Wolle“ angebracht. „Wolle“, besser bekannt als Ralf Wohlleben, sitzt seit dem Beginn des NSU-Prozesses in München auf der Anklagebank. Er soll einer der zentralen Unterstützer des Trios gewesen sein, ist wegen Beihilfe zum Mord angeklagt. Das Banner in Kirchheim, daran gibt es keinen Zweifel, ist Ausdruck der Solidarität zwischen rechter Szene und dem NSU, die an diesem Abend auch mit Geld unterlegt worden sein dürfte. Das in den späten neunziger Jahren geknüpfte und durch die im Jahr 2000 verbotene Organisation „Blood and Honour“ verkörperte Band zwischen Musik und Gewalt bis hin zum Terror ist weiter aktiv.

„Strukturen funktionieren wie zur Zeit des NSU“

Zentrum der Szene ist mit Thüringen jenes Bundesland, in dem die Mitglieder des NSU-Kerntrios geboren wurden. Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wuchsen in Jena auf, radikalisierten sich in der bekanntesten Neonazi-Gruppe des Bundeslandes, dem Thüringer Heimatschutz. Weil Kirchheim nur eines von mehr als 50 Neonazi-Konzerten in Thüringen im Jahr 2016 war, kommt die SPD-Landtagsabgeordnete Dorothea Marx zu dem Schluss: „Die Strukturen funktionieren heute noch genau wie zur Zeit des NSU.“

Marx, die sich zuletzt als akribische Aufklärerin der NSU-Strukturen Thüringen einen Namen gemacht hat, wird nicht müde, auf die Parallelen zwischen aktueller Situation und jenen Jahren, in denen sich der NSU radikalisierte, hinzuweisen: „Wir haben in Thüringen eine sehr vernetzte alte Szene und gefestigte Strukturen. Mit als Musik getarnter Propaganda Geld zu erwirtschaften, das machen die heute noch genau wie zu Zeiten des NSU.“ Die Anmeldung von drei Rechtsrock-Events, die allein in den kommenden vier Wochen bis zu 7000 Neonazis nach Thüringen locken könnten, scheint ihre Einschätzung zu bestätigen.

Bis zu 7000 Neonazis in vier Wochen

Angemeldet wurden die drei Konzerte in Themar, einem 3000 Einwohner zählenden Ort knapp 20 Kilometer südlich von Suhl. Unter den Titeln „Rock für Deutschland“, „Rock gegen Überfremdung“ und „Rock für Identität“ sollen prominente rechtsextreme Bands ihrem aus Deutschland und Europa anreisendem Publikum einheizen. Dass die Wiese, auf der das braune Spektakel stattfinden soll, einem von der CDU zur AfD gewechselten Kommunalpolitiker gehört, wird angesichts der erwarteten mehreren tausend Neonazis zur Fußnote. Immerhin, zwei gute Nachrichten gibt es für die Einwohner Themars: Das für den kommenden Samstag (1. Juli) geplante „Rock für Deutschland“ ist mittlerweile nach Gera verlegt worden. Den beiden anderen Events verweigerte das zuständige Landratsamt die Anerkennung als politische Kundgebung. Weil sie so nicht in den Bereich des Versammlungsrechts fallen, kann die Behörde Auflagen erlassen oder die Events sogar verbieten. Ob die Entscheidung vor Gericht Bestand haben wird, ist derzeit noch offen.

Stefan Heerdegen zählt zu denen, die die Maßnahme des Landratsamtes ausdrücken begrüßen. Stellt sie doch einen der „Nadelstiche“ gegen die professionellen Strukturen der Neonazis dar, die der Mitarbeiter der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Thüringen (MOBIT) lange gefordert hat. Heerdegen beobachtet die Entwicklung Thüringens zur „Wohlfühloase der extremen Rechten“ seit Jahren und warnt genau wie Dorothea Marx vor der Wechselwirkung zwischen Musik und Gewalt. „Diese Großevents, wie auch die anderen Konzerte, werfen teilweise große Summen ab. Damit sind sie auch wichtige Einnahmequellen.“, erklärt Heerdegen.

Krude Mischung aus Musik und Gewalt

Dass mit den Einnahmen auch Waffen besorgt werden, hält Heerdegen für nicht unwahrscheinlich. „Ausschließen darf man das nicht, auch weil alle Faktoren nach wie vor da sind“, so der Experte. Bei Hausdurchsuchungen in rechtsextremen Immobilien oder beim Vorsitzenden der NPD-Thüringen, Thorsten Heise, waren in der Vergangenheit Waffen gefunden worden. Dass unter den Verurteilten im sogenannten „Ballstädt-Verfahren“ auch Mitglieder der rechtsextremen Musikszene sind, wertet Heerdegen als Indiz für das Zusammenspiel von Musik und Gewalt in der extrem-rechten Szene. 

Parallelen zwischen heutiger Situation und dem NSU sieht auch Heerdegen: „Zu Hochzeiten des Thüringer Heimatschutzes sind kleine Konzerte, Liederabende und so gelaufen, genau wie heute. Man hat damals schon gesehen, das passt ganz gut zusammen.“ Die rechtsextreme Musikszene in Thüringen sei über „mehr als 10, vielleicht sogar 15 Jahre gewachsen“, erklärt Heerdegen. Spätestens seit Beginn der 2000er Jahre habe die Szene versucht, über Musik Freiräume zu schaffen. Am Anfang dieser Bemühungen stand laut Heerdegen der „Thüringentag der nationalen Jugend“,  eine Art Blaupause für die Verbindung von Musik und Politik. Erstmals stattgefunden hatte der im Jahr 2002 in Jena. Der Versammlungsleiter damals: Ralf Wohlleben.

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