Großbritannien

Realität ist, was Boris draus macht – zur Wahl von Boris Johnson

Christos Katsioulis24. Juli 2019
Wird eine Politik umsetzen, die ihn im Amt hält: Großbritanniens neuer Premierminister Boris Johnson
Die Hoffnung, dass Boris Johnson an den Fakten scheitern wird, ist naiv. Vielmehr droht Europa ein heißer Herbst. Warum Johnson ein postmoderner Politiker ist, für den der Brexit nur als Verhikel dient, erklärt Christos Katsioulis aus London.

Die Konservativen in Großbritannien haben ihren neuen Vorsitzenden gewählt und vollkommen überraschungsfrei wurde es Boris Johnson. Nur einen Tag später wird ihn die Queen zum Premierminister ernennen. Damit wird die Regierung in London künftig von einem Lügner, Scharlatan, Clown, Narzissten, Faulpelz oder auch „Trump mit Wörterbuch“ geführt. Alle Bezeichnungen entstammen der aktuellen Presse, wenn auch eher dem liberalen Spektrum.

Die letzte Hoffnung der Konservativen?

In sämtlichen Kommentaren überwiegt die Frage, wie „Boris“ es schaffen wird, den Brexit zu liefern. Denn dieses Versprechen erneuerte er gleich noch einmal in seiner Dankesrede. Nicht nur die Presse attackiert ihn auf diese Art, auch die Opposition in Großbritannien hebt seine persönlichen Defizite in den Vordergrund und konfrontiert ihn mit der Aussichtslosigkeit seiner Brexitstrategie.

Die Konzentration auf seine Persönlichkeit und die Hoffnung, dass er über Sachfragen stolpern werde, sind zwei der größten Fallen, in die seine Gegner tappen können. Boris Johnson hat es geschafft, die Tories davon zu überzeugen, dass er ihre letzte Hoffnung ist. Nur er könne es schaffen, den Brexit zu liefern, die Partei und das Land zu einen und die Opposition um Labour-Chef Jeremy Corbyn zu schlagen. Ein Vehikel dafür war und ist gerade seine – vorsichtig formuliert – schillernde Persönlichkeit. Die Unernsthaftigkeit und ironische Distanz, die er zu allem pflegt, haben ihn gegen kleinere und größere Skandale immun gemacht.

Mitglied der britischen Oberklasse

Das zeigt sich schon allein im Umgang mit seinem Namen. Während Politikerinnen und Politiker normalerweise im Gespräch mit Nachnamen oder der Kombination von Vor- und Nachname Erwähnung finden, nennt ihn das ganze Land nur Boris. Er selbst fördert das, indem er seine Leadership Kampagne unter das Motto „Back Boris“ stellte. Dieses Anbiedern auf First-name-basis erzeugt eine scheinbare Nähe. Sie erlaubt es vielen Unterstützern, sein permanentes Waten durch Fettnäpfchen zu entschuldigen oder zu relativieren. Es ist halt nur Boris, er meint das gar nicht so und wenn es ernst wird, reißt er sich dann schon zusammen.

Das verweist auf den zweiten Teil der schillernden Persönlichkeit. Denn Johnson ist ja nicht nur der kumpelhafte Boris, der sich für keinen Scherz zu schade ist. Er ist gleichzeitig auch Boris Alexander de Pfeffel Johnson, ein Mitglied der britischen Oberklasse. Als Alumnus von Eton und Oxford wurde er an den Eliteschmieden des Landes schlechthin ausgebildet. Die Zugehörigkeit zur upper class ist ein wichtiges Argument für viele Tory-Wähler, die eher verzweifelte Wahl von Johnson zum Vorsitzenden vor sich selbst zu rechtfertigen. Sie wissen zwar, dass der umstrittene Politiker das Zeug hat, die Partei zu zerlegen. Doch sie bauen darauf, dass er letztlich einer von ihnen ist und die besorgniserregenden Elemente seines Charakters doch nur klassisch britische Exzentritäten sind. Der doppelte Boris Johnson spielt daher mit zwei unterschiedlichen Zielgruppen und schafft es in seiner Widersprüchlichkeit, allen den Eindruck zu vermitteln, dass er ihr bester Freund, Repräsentant oder Anführer sein kann.

Johnson – ein postmoderner Politker

Der Fokus auf Sachfragen ist ebenfalls ein sinnloser Reflex, der offenbar aus der Zeit vor Trump rührt. Die Hoffnung, dass ein Premierminister Johnson an der Realität scheitern wird, verkennt, dass er im Grunde ein durch und durch postmoderner Politiker ist. Die postmodernen Theoretiker sprachen davon, dass „Realismus das ist, was wir daraus machen“. Boris Johnson lebt nach dem Motto, dass die Realität das ist, was er daraus macht. Schon der Beginn seiner Karriere als Brexiteer verdeutlicht seine Flexibilität oder auch seinen Opportunismus. So bereitete er zwei Artikel vor, einen für und einen gegen den Brexit. Seine Entscheidung, den Austritt aus der EU zu unterstützten, rührte vermutlich nicht daher, dass er zutiefst davon überzeugt war. Ausschlaggebend war wohl eher die Frage, welche der beiden Optionen seine Ambitionen, einmal Premierminister zu werden, am ehesten beflügeln könnte.

So wie er 2008 die Bürgermeisterwahlen in London als offener, liberaler Bürger einer Weltstadt gewann, rührte er acht Jahre später die Trommel für eine immigrationsfeindliche Kampagne für den Brexit. Das Leitmotiv seiner Regierung wird daher nicht die Umsetzung eines porentief reinen Brexits sein, sondern die Umsetzung einer Politik, die ihn im Amt hält. Der Brexit wird dafür ein Vehikel sein, denn er braucht die damit verbundene Wut und Enttäuschung. Nur so kann er die Tories einerseits in Abgrenzung zu Nigel Farage und seiner Brexit-Partei als regierungsfähige Kraft positionieren und gleichzeitig die Polarisierung infolge des Brexits gegen Labour und Jeremy Corbyn einsetzen. Er wird darauf zielen, Corbyns fragile Gratwanderung zwischen Leave und Remain zu zerbrechen und einen Teil der Establishment-müden Wählerinnen und Wähler von Labour anzulocken.

Brexit als Vehikel

Für Europa bedeutet das einen heißen Herbst. Johnson wird den September und den Parteitag Anfang Oktober dazu nutzen, die Gemüter anzuheizen und einen Showdown zum Brexit Day am 31. Oktober zu inszenieren. Aber noch nicht einmal er bringt die Suggestionskraft mit, um das uneinige Parlament zu einigen. Er wird also an Grenzen stoßen. Neuwahlen könnten ein Ausweg aus diesem Dilemma sein. Das gilt aber nur dann, wenn er es vorher geschafft hat, sich als tapferer Ritter für den Brexit zu inszenieren, der wegen des engstirnigen Parlaments und der hartleibigen EU leider nicht umgesetzt werden kann. Mit einer Kombination aus Opferrolle (die böse EU!) und Anti-Establishment-Rhetorik (das Parlament hört nicht auf den Volkswillen!) kann er dann in eine schnelle und schmutzige Wahlkampagne gehen.

Was er am Ende dieses Prozesses den Bürgerinnen und Bürgern als Brexit verkauft, ist weitgehend beliebig und dürfte wohl ähnlich aussehen, wie der dreimal abgelehnte Deal von Theresa May. Aber weil es dann eben ein Borisdeal ist und nicht der polierte Exkrementehaufen, als den er ihn noch letztes Jahr bezeichnet hat, wird er eben golden glänzen und nicht braun. Denn nicht vergessen: Boris Johnson hat nur eine politische Leitlinie, er will Premierminister sein, weil er glaubt, dass ihm das zusteht. Welche politischen Opfer er dabei bringen muss, ist ihm gleichgültig. Sein Charakter als moralische Windfahne ist daher kein Nachteil oder gar eine Stolperfalle, sondern eher ein Vorteil.

Dieser Beitrag erschien zuerst im ipg-journal

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Kommentare

Johnson nur Symptom einer reformunfähigen EU !

Der britischen EU-Entfremdung kann kaum mit politischen Kampagnen wirksam etwas entregengesetzt werden. Umgekehrt geht das wesentlich einfacher: Brexit-Befürworter und Sympathisanten lassen sich, bei einer in wesentlichen Bereichen reformunfähigen EU, ganz leicht durch Kampagnen in ihrem Ansinnen bestärken. Für Zulauf wird gesorgt. Die Gründe liegen in den auch mit EU-Hilfe zunehmend verkorksten Lebenswelten der EU-Bürger die zunehmend von den Big-Playern der Wirtschaft ähnlich wie die Tiere versklavt und geschunden werden. Gleichzeitig sind sie Dank Niedriglöhnen auf deren Preisdumping angewiesen und werden durch eine überfinanzierte Werbeindustrie zu überwiegend sinnlosen Konsum angetrieben um so ihr Selbstwertgefühl noch halbwegs aufrechtzuerhalten. Regionale Identität bleibt auf der Strecke. Abschottung ist die Folge ! Die EU driftet immer weiter von ihrer Gründungsidee ab. Auch innerhalb der EU bestimmen die Profiteure das Spiel um so noch schneller noch extremer zu profitieren. Da bleibt das Ganze auf der Strecke. So ist das mit dem Neoliberalismus ! Rechtsruck, Entsolidarisierung und Abschottungstendenzen wie Brexit sind lediglich die Symptome d. Fehlentwicklung ni.Ursache!

May hat seit Jahren

May hat seit Jahren herumgeeiert, um mit Der EU einen Deal zu vereinen, weiter gut in und an der EU zu verdienen, ohne das GB sich die EU-Ketten anlegt. Hat leider nichts genützt, die EU ist stur geblieben und hat einen miserablen Vertrag angeboten.
Nun wird der gute Boris sich die Hände schmutzig machen müssen und den Brexit über die Bühne zu bringen, nachdem wohl durchgerechnet wurde, das es lukrativer ist, sich ganz von der EU zu lösen und sich in Richtung USA zu begeben, zumal ja Trump bei seinem Staatsbesucht in einiger Zeit schon entsprechende Handelsabkommen in Aussicht gestellt hat.

Bezeichnend

Die gleichen die da groß Brexit wollen, wollen aber eine EU Intervention gegen Iran. Die Brexiter haben zuerst einen iranischen Tanker in der Straße von Gibraltar gekapert - Piraterie ? Erinnern wir uns: die USA haben das Atomabkommen mit Iran einseitig gekündigt - es ist mitnichten ein USA(Westen)-Iran Konflikt, sondern eindeutig eine USAgression.