Buch „Zerreißprobe“

Rassismus: Warum wir eine Debatte über deutsche Identität brauchen

Paul Starzmann26. September 2016
Deutschland hat ein Rassismusproblem, schreibt Lamya Kaddor in ihrem neuen Buch „Zerreißprobe“ – und legt den Finger in die Wunde: Die Demokratie sei in Gefahr. Eine zentrale Rolle spielt dabei die wichtige Frage: „Was ist deutsch?“

Als sie kamen, waren sie fast nirgends willkommen. Sie hatten Todesängste ausgestanden, waren vor Hunger und Gewalt geflohen und nun endlich in Sicherheit. Doch ihre neuen Nachbarn wollten sie nicht haben: „Flüchtlingsschweine“ schrien sie, „die müssten hinausgeworfen werden“. Es war nach 1945, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, und die „Flüchtlinge“ waren deutsche Vertriebene aus Osteuropa, die in Westdeutschland Zuflucht gefunden hatten.

Den Forderungen der Rechten nicht nachgeben

Die Geschichte der Nachkriegsjahre weist deutliche Parallelen zum Jahr 2016 auf, wie die Autorin Lamya Kaddor in ihrem sehr lesenswerten Buch „Zerreißprobe“ beschreibt: Damals wie heute zeigt sich der Hass auf die „Fremden“ – die Opfer der Ablehnung waren damals deutsche Christen aus Ostpreußen und Schlesien, heute sind es arabische Muslime aus Syrien. Laut Kaddor zeige der Blick in die deutsche Geschichte, „dass auch kulturelle oder religiöse Nähe sowie ein höherer Bildungsgrad von Einwanderern nicht ausreichen, um von der Mehrheitsgesellschaft besser aufgenommen und integriert zu werden.“ Mit anderen Worten: Den Rassisten und Fremdenfeinden kann es niemand recht machen – aus diesem Grund dürfe sich die Gesellschaft auch nicht auf deren Forderungen einlassen.

Die Ablehnung des „Fremden“ habe Tradition in Deutschland, schreibt Kaddor. Bis heute hingen viele in Deutschland dem völkischen Mythos einer kulturell homogenen Gesellschaft an, einem „Produkt des Zivilisationsbruchs durch die Nationalsozialisten“. Allerdings sei der Multikulturalismus in Europa seit jeher „ein gelebtes Faktum“ – wer Gegenteiliges behaupte, handle „höchst verantwortungslos“, findet Kaddor. Denn: Deutschsein über die Abstammung zu definieren sei nicht nur „Selbstbetrug“, sondern die „Vorbereitung von künftigen Verbrechen“.

„Deutschomane“: frustrierte Männer mittleren Alters

Lamya Kaddor identifiziert in ihrem Buch eine gesellschaftliche Gruppe, die zwar relativ klein sei, aber dennoch laut, aktiv und gut organisiert: die „Deutschomanen“. Diese fielen vor allem durch rassistische Hetze im Internet oder durch islamfeindliche Proteste in deutschen Städten auf. Die „Deutschomanen“ – oft frustrierte Männer mittleren Alters – seien vom steten Wandel der Gesellschaft überfordert und deshalb auf der Suche nach Sündenböcken. Die Folge ist blanker Rassismus: Wer keine mitteleuropäischen Wurzeln hat, „muss ständig mit Vorhaltungen und negativen Erlebnissen leben. Dazu muss man kein Muslim sein. Jeder kann davon erzählen“, schreibt Kaddor.

Die menschenfeindlichen Einstellungen beschreibt Kaddor als das „Ergebnis emotionaler Defizite“. Heutzutage gut verpackt als „Islamkritik“ richte sich die rechte Agitation gegen diejenigen Menschen, die als „Fremde im ‚deutschen Volkskörper’ wahrgenommen werden“. Völkisches Denken sei dabei „nicht zwangsläufig eine Frage der Bildung“, so Kaddor: Bei der AfD säßen Lehrer, Ingenieure, Ärzte und Professoren in der ersten Reihe – und „klatschen frenetisch, wenn eine ganze Großgruppe von Menschen pauschal herabgewürdigt wird“.

Strategien gegen die völkischen „Hater“

Rassismus dürfe nicht wegdiskutiert werden, fordert Kaddor, die sich selbst eine „deutsche Verfassungspatriotin mit syrischen Wurzeln“ nennt. Sozialarbeiter, Lehrer und Richter sollten interkulturell geschult und für strukturellen Rassismus sensibilisiert werden. Wichtig sei vor allem, dass das Märchen von der „Integrationsunwilligkeit“ der „Fremden“ endlich ein Ende habe, fordert Kaddor: Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Vorurteil seien die „Integrationskurse“ für Geflüchtete regelmäßig überfüllt. Um den Hass auf die „Fremden“ zu bekämpfen, bedürfe es Veränderungen in der gesamten Gesellschaft. Kaddors Appell: „Wir müssen endlich über die Forderungen an die alteingesessene Bevölkerung reden.“

Lamya Kaddor: Die Zerreißprobe – Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht. Rowohlt, 238 Seiten, 16,99 Euro.

 

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Kommentare

Deutliche Parallelen zu 1945? Übelste Geschichtsklitterei!

Man kann das Buch von Frau Kaddor auch als Hetz- und Kampfschrift gegen Deutschland und die Deutschen ansehen.

Was typisch ist, für bestimmte Leute, die man bedingungslos einfach ins Land gelassen hat und die uns heute "danken", indem sie sinnentstellend und wahrheitswidrig uns unsere Geschichte und gar unsere Kultur und Nation "erklären" und eigentlich uns dessen berauben wollen.

So ein Machwerk ist eine Frechheit ohnegleichen.

Deutsche, wie nahezu alle anderen Völker und Nationen, deren Kultur nicht vom Islam zerstört wurde, beschreiben sich nicht, wie die Propagandisten des Islam das dem Koran folgend und reduzierend mit sich selbst tun, zuerst nach ihrer Religion, sondern eben nach ihrer Herkunft, Beruf, Familienstand ... Ethnie und Nation sowie vielleicht auch als Katholik oder Protestant.

Wer in der Schule im Geschichtsunterricht tief und fest über Jahre geschlafen hat, wer nie Bildungssendungen zur deutschen Geschichte und Kultur gesehen hat, wer die zu Bauwerken, Musik, Gedichten, technischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfindungen gewordene Geschichte der Deutschen nicht kennt, dem sei besser H. A. Winklers Der lange Weg nach Westen empfohlen.

Starkes Stück

Möchte mich fast dem Begriff "Frechheit" anschließen und verstehe nicht, dass der VW. diese Schrift nicht kritisch auseinandernimmt. Jedenfalls sind/mussten nach dem Krieg Deutsche von Deutschland nach Deutschland flüchten wegen eines unseligen Krieges, den alle Deutschen zu verantworten hatten, nicht nur die armen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten. Es ist schon eine Dreistigkeit wie Frau Kaddor hier Vergleiche anstellt. Schlimm, dass der VW.dieses boulevardeske, oberflächliche Mainstreamgeschwätz, welches eine bestimmte Sorte Spatzen von den Dächern pfeift, positiv begleitet.

Das Rassismusproblem

Rassimus gründet zunächst in Lehrmeinungen der akademischen Welt des 19/20Jahrhunderts.Sie führten in die Eugenik und Grauen des Faschismus.

Bedeutete "Rassismus": Verherrlichung eigener Herkunft auf Kosten einer fremden, hat die akademische Welt 1980ff Jahre den Begriff wieder belebt und bekehrt definiert (vgl.: http://www.ekr.admin.ch/themen/d376.html ). (s auch antimuslimischer, struktureller Rassismus)

Aber die Grauen der Vergangenheit ist das, was dieser Begriff zu tragen hat.
Darum kann ich die Theorien und Definitionen zurückzuweisen, das historische Desaster ist zu mächtig.
Jede Debatte würde nur überaus tempramentvoll und unbrauchbar
Tatsächlich können wir die Bedeutungen von "Rassismus" herunterbrechen auf "Unrecht" und/oder "Irrtum".
Sobald wir über Recht und Unrecht, Irrtum oder Wahrheit debattieren, wird der Dialog humanistisch,....widerlegte politische Gegner finden Raum, sich zu korrigieren.
(vgl Fehlerfreundlichkeit, Weizäcker: https://de.wikipedia.org/wiki/Fehlerfreundlichkeit )
So geht es zunächst vornehmlich darum, die Qualität einer politischen Debatte herzustellen. Erleichtert kann man dann gemeinsam erdenken, was "deutsch" ist. Viele Grüße WH

Deutschomanie ein globales Problem

Deutschomanie ist längst ein globales Problem.
Im Herbst 2015 wurden wir zum wiederholten Male zum beliebtesten Land der Welt gekürt, als Reiseland sind wir immerhin auf Platz 7 und wenn der Flüchtlingsstrom weiter anhält, werden wir auch bald die Nummer 1der Einwanderungsländer sein. Zu einer grundlegenden Änderung fehlt uns einfach der nötige Leidensdruck.

Probleme, die schon vorher da waren

Durch die Flüchtlingssituation treten Probleme zu Tage, die schon vorher existiert haben.

Wir haben ein Rassismusproblem, was vorher da war (und auch nicht mit den Flüchtlingen verschwinden wird). Teile unserer Gesellschaft haben eine Definition von Volk und Nation, die besser ins 19. als ins 21. Jh. passen. Diese Angst vor dem Fremden nimmt irrationale Züge an, wenn bspw. 90% der AfD-Wähler in M.-V. Angst vor einer Überfremdung haben, in einem Bundesland, in dem der Ausländeranteil 5% beträgt.

Außerdem haben wir ein Verteilungsproblem in unserer reichen Gesellschaft. Die, die wenig haben, fürchten sich davor, neue Konkurrenz zu erhalten. Dies ist zwar verständlich, aber es ist falsch, die noch schwächeren Flüchtlinge als Sündenböcke zu nehmen. Die wirklichen Verursacher der Schieflage sind oben zu suchen, nicht unten.

Die "deutsche" Kultur war immer von Diversität geprägt. Durch Zuwanderung ist diese Diversität erweitert worden. Dies ist überhaupt kein Problem, sondern kann in einer Welt, die zusammen wächst, eine Stärke sein. Deutsch ist, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Komplizierter muss man es nicht machen.

@Sören. Geschichte 6, setzen!

Ein einfacher Blick in Wikipedia zur Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns als auch Deutschlands könnte die massiven und ideologisch bedingten Lücken ausgleichen.

Erwing Sellering (SPD) Ministerpräsident Mecklenburg-Vorpommerns sagte in einem Interview mit dem Tagesspiegel u.a.:

"Viele Menschen im Osten haben schon einmal einen Zusammenbruch erlebt und sich dann mit großer Anstrengung ein neues Leben aufgebaut. Dafür gebührt Ihnen unser Respekt. Dass einige um das [Selbsterarbeitete und] Erreichte fürchten, wenn die Regierung unkontrolliert und unbegrenzt Flüchtlinge ins Land lässt, ist keine Schande."

Zitat Sören:
"Die deutsche Kultur war immer von Diversität geprägt." Was natürlich, wie sich leicht nachweisen lässt, sachlich falsch ist. Ein Allsatz mit "immer" lässt sich übrigens durch ein einziges Gegenbeispiel widerlegen, wie man aus der Logik weiss, oder auch nicht weiss.

Besonders Ihnen empfehle ich H. A. Winklers Der lange Weg nach Westen. Damit sie Deutschland, ihre deutschen Mitbürger und vielleicht dabei auch sich selbst kennen, verstehen, respektieren und schätzen lernen.

Deutsch ist...

Deutsch ist, wer mit Deutsch als Muttersprache aufwuchs und mit dieser Muttersprache sein (ihr) Bewusstsein konstituierte.
Und noch etwas: Als die Deutschen aus den Ostgebieten vertrieben wurden, waren die meisten Männer im Krieg, in Kriegsgefangenschaft oder im Krieg gefallen (getötet worden).