Verein „Mach meinen Kumpel nicht an!“

Rassismus am Arbeitsplatz: „Der Kampf ist schwieriger geworden“

Benedikt Dittrich21. März 2020
„Die Gelbe Hand": Unter dem Motto „Mach meinen Kumpel nicht an" kämpft der Verein gegen Rassismus am Arbeitsplatz stark.
„Die Gelbe Hand": Unter dem Motto „Mach meinen Kumpel nicht an" kämpft der Verein gegen Rassismus am Arbeitsplatz stark.
Der Verein „Mach meinen Kumpel nicht an" gehört zu den ältesten Initiativen, die gegen Rassismus kämpfen. Doch die Arbeit schwerer geworden, sagt der Vorsitzende, Giovanni Pollice. Symbol des Vereins, der am Arbeitsplatz gegen Fremdenfeindlichkeit kämpft, ist die gelbe Hand.

Herr Pollice, der Verein „Die Gelbe Hand“ arbeitet vor allem gegen Rassismus am Arbeitsplatz. Wie hat sich Fremdenfeindlichkeit im Job in den vergangenen Jahren verändert?

Es hat sich viel verändert, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Als der Verein 1986 gegründet wurde hat kaum jemand gedacht, dass irgendwann wieder eine rechtsextreme Partei bundesweit erfolgreich sein würde. Daran müssen wir unsere Arbeit jetzt aber stärker ausrichten. Der Betrieb ist eben auch ein Spiegel der Gesellschaft. Rechtspopulistische und rechtsextreme Einstellungen finden sich auch in der Arbeitnehmerschaft wieder, leider auch unter Gewerkschaftsmitgliedern. Das gesellschaftliche Klima ist im Zuge der aufgeheizten Debatten um Flucht und Migration der letzten Jahre polarisierter denn je. Die Hemmschwellen, vor allem in sozialen Medien, scheinen wegzubrechen, Rassismus wird salonfähig.

Giovanni Pollice
Giovanni Pollice, Vorsitzender des Vereins „Die Gelbe Hand - Mach meinen Kumpel nicht an!"

Diese gesamtgesellschaftliche Entwicklung hat auch Einfluss auf Diskussionen am Arbeitsplatz, wo dann auch soziale Abstiegsängste, prekäre Verhältnisse und Unsicherheiten solche Stimmungslagen befördern können. Dem wirken wir durch betriebliche Bildungsarbeit entgegen. Aber es ist inzwischen auch schwieriger geworden, an öffentliche Mittel zu kommen, weil die Anforderungen viel größer sind als bisher. Aber wir können uns freuen: Wir haben vor ein paar Tagen den Bescheid erhalten, dass unser beantragtes Projekt „Demokratieförderung in der beruflichen Bildung“ im Rahmen des Projekts der Bundesregierung „Demokratie Leben!“ gefördert wird.

Wie hat sich denn konkret die Arbeit in den Betrieben verändert?

Die politische Stimmung hat sich geändert. Wir werden immer öfter von Betriebsräten als Berater oder Referenten bei Betriebsversammlungen angefragt. Aber in manchen Branchen haben sich gesteuerte Gruppierungen formiert, die offen gegen gewerkschaftlich organisierte Betriebsräte vorgehen und das Engagement der Gewerkschaften verunglimpfen. Deswegen ist insgesamt der Kampf gegen Rassismus schwieriger geworden.

„Wollen vor allem Betriebsräte animieren“

Wie reagieren sie denn auf solche Anfeindungen?

In Absprache mit den Gewerkschaften versuchen wir in den Betrieben mehr Präventionsarbeit zu leisten. Wir haben zum Beispiel im Rahmen eines Projektes, das auch durch die Bundesregierung gefördert wurde, mit Evonik in Marl und der Rheinbahn in Düsseldorf Module für die Ausbildung entwickelt, die auch auf andere Betriebe übertragen werden können. Wir müssen früh damit anfangen, am besten schon in den Schulen, da arbeiten wir eng mit der GEW zusammen. Aber unser Haupthandlungsfeld sind die Betriebe und die Verwaltungen. Da wollen wir vor allem die Betriebsräte dazu animieren diese Themen verstärkt in Betriebsversammlungen zu behandeln.

Klappt das denn?

Wir stellen zumindest fest, dass wir in letzter Zeit des Öfteren angefragt werden. Das ist positiv. Es zeigt aber auch, dass die Notwendigkeit da ist viel mehr zu tun. Manche Betriebsräte trauen sich aber leider immer noch nicht, Rassismus am Arbeitsplatz zu thematisieren. Grundsätzlich kann ich aber aus Erfahrung sagen, dass auch zunehmend viele Arbeitgeber*innen bereit sind auf diesem Feld mit den Gewerkschaften und uns zusammen zu arbeiten. Denn niemand möchte, dass der Betriebsfrieden durch rassistische Handlungen gestört wird.

Nehmen Sie einen Unterschied zwischen Betrieben in Ost- und Westdeutschland wahr?

Insgesamt sehen wir im Westen ein aktiveres Engagement gegen Rassismus in Betrieben, weil Gewerkschaften dort traditionell stärker verankert sind und auch weil Betriebsräte und Arbeitgeber*innen für diese Themen stärker sensibilisiert sind. Aber auch in manche Betrieben im Osten gibt es positive Beispiele. Dieses Engagement für den Zusammenhalt, gegen Diskriminierung und Rassismus müssen wir aber gerade in den ostdeutschen Bundesländern noch stärker fördern, auch in den Betrieben.

Wie sieht es denn mit dem Engagement gegen Rassismus über den Arbeitsplatz hinaus aus?

Unsere Mittel sind zwar beschränkt, aber wir sind natürlich präsent, wo es geht. Wir haben Ehrenamtliche, die zum Beispiel zuletzt in Hannover und Braunschweig bei den Demonstrationen gegen rechts unterwegs waren; die Fahne des Kumpel-Vereins ist auch zur Hauptsendezeit in der Tagesschau zu sehen gewesen. Außerdem sind wir bei vielen Veranstaltungen mit unserem Infostand präsent. Dabei verteilen wir unser Infomaterial und führen Diskussionen mit vielen Menschen durch. Wir nehmen als Experten auch an Podiumsdiskussionen teil. Wir haben eine gesellschaftspolitische Verantwortung, die wir annehmen. Das ist gar keine Frage.

Sie hatten gerade von steigender Nachfrage an Referenten gesprochen. Können Sie das überhaupt leisten mit dem bestehenden Personal?

Wir haben fünf hauptamtliche Personen und den Vorstand. Wir sind schon sehr viel unterwegs. Aber wir können tatsächlich leider nicht alle Anfragen befriedigen. Wir bräuchten viel mehr Personal. Deswegen kooperieren wir stark mit befreundeten Organisationen wie zum Beispiel das DGB-Bildungswerk aber auch mit Organisationen aus dem nicht gewerkschaftlichen Bereich, sodass wir andere Fachleute empfehlen- beziehungsweise vermitteln können, wenn es mit uns nicht klappt. Wir haben natürlich noch Expert*innen beim DGB und in den Gewerkschaften, die wir auch immer wieder heranziehen können.

Fehlt es vielleicht an einem ähnlich populären Fürsprecher wie der verstorbene Götz George?

Udo Lindenberg macht immer wieder auf unseren Verein aufmerksam. Wir haben eigentlich sehr viele Unterstützer*innen, die sich für unseren Verein einsetzen und uns auch als Fördermitglied finanziell unterstützen. Bundestags- Landtags- und Europaabgeordnete, Minister*innen wie Hubertus Heil und Svenja Schulze oder Ministerpräsident*innen wie Manuela Schwesig und Bodo Ramelow. Dazu kommen unsere über 2000 Fördermitglieder, die oft zusätzlich vor Ort aktiv sind. Aber wir müssen weiter daran arbeiten, dass es mehr werden.

Ist das auch das Arbeitsziel des Vereins für das aktuelle Jahr 2020?

Es geht erstmal um die Umsetzung des genehmigten Förderprojekts im Bereich beruflicher Bildung. Wir werden mit zwei andere Organisationen ein Kompetenznetzwerk aufbauen. Das Ziel des Kompetenznetzwerkes ist die Bündelung, Weiterentwicklung und Bereitstellung von Expertise, Strukturen und Instrumenten zur Demokratieförderung im Bereich der beruflichen Bildung. Als Kumpelverein werden wir an der Sammlung, Erprobung, Schulung und Publikation gemeinsam mit Berufsschullehrer*innen, Ausbilder*innen und Multiplikator*innen an den Lernorten zusammenarbeiten.

Das ist für uns im Kampf gegen rechts wichtig und das wollen wir umsetzen. Ein weiteres Ziel ist auch dieses Jahr viele Fördermitglieder zu werben. Durch größere Einnahmen können wir unabhängig von Projekten, die uns in bestimmten Bereichen binden, mehr Aktivitäten betreiben. Im Kampf gegen Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Rechtsextremismus benötigen wir ideelle aber auch finanzielle Unterstützung. Jeder, der sich mit dem Ziele des Vereins identifizieren kann, ist bei uns willkommen.

Und wie blicken Sie persönlich in die Zukunft?

Ich bin guten Mutes, dass wir zusammen vieles bewirken können, aber ich mache mir trotzdem Sorgen um die Zukunft. Europaweit nehmen die rechten Kräfte zu, der Zuspruch steigt. Besonders weh tun mir die Entwicklungen in Deutschland und, wenn ich mir die täglichen Nachrichten aus dem Land, in dem ich geboren wurde, Italien, anschaue. Aber auch da gibt es Kräfte in der Gesellschaft, die für demokratische Grundwerte auf die Straße gehen. Und auch in Deutschland steht die Mehrheit der Menschen für eine solidarische, vielfältige und demokratische Gesellschaft. Wir müssen jetzt gemeinsam aufstehen und laut sein, wir müssen unsere Demokratie und unsere offene Gesellschaft verteidigen und für unsere Grundwerte – Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität – tagtäglich einstehen. Wenn wir das tun, ist mir um die Zukunft nicht bange.  

weiterführender Artikel

Kommentare

Warum ist Rassismus nicht strafbar?!!

"Eigentlich" ist es juristisch klar: Rassistisch motivierte Straftaten haben ein Spektrum von öffentlicher Aufforderung, Belohnung und Billigung von Straftaten, Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung, Körperverletzung, über Volksverhetzung bis hinzu Mord.

Aber gerade die Unschärfen zwischen den Begriffen wie Xenophobie, Fremdenfeindlichkeit, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, merkmalsbezogene Diskriminierung und gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zeigen "tatsächlich" auf, dass Rassismus selbst kein Straftatbestand ist.

Und somit laufen viele Versuche von Betroffenen, wohlmeinenden gesetzlichen Interessenvertreter[innen] und engagierten Mitgliedern von innerbetrieblichen AGG-Schiedsstellen in der Mehrheit ins Leere.

Das Bundesparlament steht dem genauso unentschlossen gegenüber wie der sozialdemokratischen und vollmundigen Erklärung, dass der Strafparagraph für Mord "entnazifiziert" werden würde. Die Gesellschaft mag zwar ihre gesellschaftliche [und föderale] Vielfalt, sie ist aber völlig überfordert ihren Volksvertretern diesbezüglich Dampf zu machen.

Das gewerkschaftliche Engagement in allen Ehren, aber Arbeitsgerichte müssen von Strafgerichten unterstützt werden.

Justiz kann nicht richten was zuvor versäumt wird

Es braucht deshalb dringend ein Bündnis zwischen Wirtschaft und Politik und Gesellschaft was die verpflichtende innerbetriebliche Sozial- , Integrationsarbeit und Präventionsarbeit anbelangt !!!
Wenn nichts geht so wird nach der Justiz (die ist nebenbei gesagt generell personell unterbesetzt!) gerufen, dann ist das Kind aber doch schon längst in den Brunnen gefallen !
Eine funktionierende Gesellschaft gibt´s nicht zum Nulltarif. Auch hier braucht es staatliche Unterstützung, ausreichend Personal und intelligente Vernetzung mit anderen gesellschaftlichen Akteuren und gemeinsame multikulturelle Projektarbeit . Der schwierigste Punkt dabei wird sein die arbeitenden Menschen wieder an den gemeinsamen Tisch zu bekommen,die sowohl von der rechten politischen Ecke als auch von Teilen der Linksextremen mit platten Parolen und simplen Unwahrheiten gegen Kolleg/innen (mit Migrationshintergrund bzw. M. in der Familie) aufgebracht werden ! Es fehlt auch hier nicht an den in unserem Staat vorhandenen Geldmitteln sondern am politischen Willen und an den richtigen politischen Prioritäten !

Es ist doch naiv, zu glauben,

Es ist doch naiv, zu glauben, dass mit Zuwanderung von Millionen von Migranten, zum größten Teil ohne Sprachkenntnisse, Schul- und Berufsausbildung, die in die Billiglohnjobs gedrängt werden, es nicht zu Verwerfungen kommt. Das gilt am Arbeitsplatz und das gilt auch auf dem Wohnungsmarkt. Es ist nicht verantwortbar weder gegenüber den Einheimischen noch gegenüber den Migranten, eine derartige Situation zuzulassen, wohl wissend, dass es in DE weder Jobs, Wohnungen noch die entsprechende Infrastruktur gibt. Aber wenn die z.B. Mieten steigen ist das sicher gut für BlackRock und alle die anderen, die ihren Reibach machen können. Um wer das Thema anspricht, ist natürlich ein Rassist oder ein Nazi. So wird halt jede Debatte darüber unterdrückt, was natürlich nicht mehr Akzeptanz in der Bevölkerung bringt.

Nicht Benachteiligte gegeneinander ausspielen nach Methode AFD !

Es ist auch naiv zu glauben, wir könnten uns abschotten oder unserer Verantwortung als Mitverantwortliche globaler Ungleichheiten, globaler Fehlentwicklungen und globaler Katastrophen entziehen.
Selbst wenn wir diese absurden Versuche unternehmen würden, kämen wir buchstäblich schnell an unsere Grenzen.
Wenn Sie behaupten es gäbe, in einem beinahe schon unanständig reichen Land wie Deutschland, einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Wohnungsnot bzw. zwischen Zuwanderung und Rückständen bei der Infrastruktur, so stützen sie die Ausflüchte wie sie sowohl von rechten Teilen der CDU u. der CSU kommen um jeweils vom eigenen Politikversagen abzulenken ! Was noch schlimmer ist: Mit solchen platten Parolen rollen Sie der AFD den roten Teppich aus!
Die politische Linke sollte sich von dem Teil stark distanzieren, der soweit rechts und menschenfeindlich ist, dass er hinter dem Rücken den Rechtsextremen die Hand reichen kann !

Es war nicht anders zu

Es war nicht anders zu erwarten. Wer das Thema anspricht, wird prompt in die rechte Ecke gestellt.

Haben wir denn geeigneten Wohnraum für die Einwanderer? Haben wir entsprechende Arbeitsplätze anzubieten? Haben wir die nötige Infrastruktur, den Einwanderern unsere Sprache zu unterrichten bzw. in Schulen Kinder ohne entsprechendee Sprachkenntnisse zu unterrichten? Hinzu kommt, dass die Familien in den Herkunftsländer gewisse (finanzielle) Erwartungen hegen, die unter den Bedingungen schlecht erfüllt werden können. Zudem hat der Wertewesten die Probleme in den Herkunftsländern durch Kriege und Ausplünderung doch selbst geschaffen. Unanständig reich ist garantiert nicht die dt. Bevölkerung sondern einige wenige die profitieren. Leidtragende sind stets die einfachen Bürger, hier wie dort.

Sacha Mounkt sagte in 2018 in einem ARD-Interview: "Wir wagen hier ein historisch einzigartiges Experimenr, eine monokulturelle Demokratie in eine multithenische zu verwandeln. Dabei kommt es natürlich zu vielen Verwerfungen". Wer "wir" sind ließ er offen.
Ich mache jeden, egal ob links oder rechts, für die menschenunwüridgen Zustände, hier wie dort, verantwortlich.
Aufwachen bitte !!!!

Monokulturelle Demokratie ?

Eine monokulturelle Demokratie kann es gar nicht geben, weil eine Monokultur den Prinzipien einer Demokratie eklatant widerspricht !
Wir hatten den, auch für Deutschland in der Katastrophe eines Massenmordes gipfelten, kläglich gescheiterten Versuch einer monokulturellen Diktatur !
Heute sind wir, denke ich alle, selbst die die heute wieder rechte Parolen benutzen, froh dass dieser größenwahnsinnige, menschenfeindliche, idiotische Versuch nach 12 bitteren Jahren vorbei wahr !
Dass auch die SED auch unter dem Druck der Sowjets versuchte nahezu diktatorisch eine Monokultur zu kreieren ist eine nur schwer auszuhaltende Fehlentwicklung, die der politischen Linke noch heute auf die Füße fällt, gerade dann, wenn sie sich nicht laut und deutlich von solcherlei Bestrebungen distanziert !