Youtube-Serie „Straßenwahl“

Rapper trifft Politikerin: Das absurde Gespräch zwischen Kontra K und Katarina Barley

Fabian Schweyher21. September 2017
Straßenwahl: Kontra K trifft auf Katarina Barley
Kein einfaches Gespräch: Rapper Kontra K und SPD-Politikerin Katarina Barley
In der Youtube-Serie „Straßenwahl“ trifft Katarina Barley auf den Rapper Kontra K. Die Folge ist ein holpriges Gespräch über soziale Missstände, in dem der Musiker die Politik hart angeht und sich gleichzeitig nicht für sie interessiert.

Im Hiphop ist die Sache oft einfach: Wer einem nicht in den Kram passt, wird mit Beleidigungen überzogen. Wer sein Ego aufplustern will, rappt über teure Klamotten, über Frauengeschichten, über die Karriere als Krimineller oder über Gewalt. Das ist alles abgedroschen, aber verständlich formuliert und sehr unterhaltsam. Im Vergleich dazu ist die Politik ein zäher Kaugummi. Viele Themen sind  komplex und verlangen Detailwissen. Wer am Ball bleiben will, muss sich informieren. Debatten erscheinen endlos, es wird gestritten. Und viele Politiker beherrschen die Kunst, viel zu sagen ohne etwas auszusagen.

Ein Rapper, ein Politiker

Die Welt des Raps und die der Politik könnten also unterschiedlicher nicht sein, trotzdem kollidieren sie in der Youtube-Serie „Straßenwahl“ miteinander. Ein Gesprächsformat, in dem jeweils ein Politiker auf einen Rapper trifft.

In der aktuellen Folge begegnen sich nun SPD-Politikerin Katarina Barley und Kontra K, bürgerlich Maximilian Diehn. Ein Straßenrapper aus Berlin, viele Tattoos, durchtrainiert, mehrere erfolgreiche Alben. Seine Texte handeln von Macherattitüde, Leistungsbereitschaft, serviert mit Pathos und Kampfeslust. Privat engagiert sich Kontra K als Boxtrainer für Kinder in Problembezirken.

Straßenperspektive

Ein Anzeichen, dass das Gespräch schwierig werden würde, gibt es gleich zu Beginn. Auf die Frage, ob er sich über die Bundesfamilienministerin informiert habe, räumt der Musiker mitunter ein: „Ich hatte keine Lust irgendwas zu lesen.“ Überhaupt vertritt der Rapper in dem Gespräch die Perspektive, die einem das Leben in einem abgehängten Stadtteil gibt: prekäre Verhältnisse, heruntergekommene Schulen, sich selbst überlassene Jugendliche.

„Viele Politiker sind nicht fähig. (...) Sie verstehen nicht, wie wir uns fühlen“, wirft er Barley an den Kopf. Die Ministerin räumt ein, dass es in den Parlamenten zu wenige Menschen gebe, die beispielsweise Lehrer seien oder aus Problemvierteln stammen. Sie werbe dafür, dass in der Politik Menschen aus allen Lebenslagen vertreten seien, so würden deren Anliegen auch besser vertreten.

Barleys salopp-provokanten Vorschlag, selbst für ein Parlament zu kandidieren, lehnt Kontra K entrüstet ab. „Ich ins Parlament? Wer wählt mich? Da sitzen Leute, die die ganze Zeit in Lateinsprachen reden, die gelernt haben drum rum zu reden“, poltert und holpert er, bis es Barley irgendwann reicht: „Das ist mir zu bequem. Ihr lehnt Euch zurück und sagt: Macht mal.“ Kontra K empört: „Gerade mir das zu sagen ist Quatsch.“ Schließlich kümmere er sich in drei Boxklubs ehrenamtlich um Jugendliche.

Abwehrverhalten

Im Verlauf des Gesprächs erzählt der Rapper über die Missstände, die er tagtäglich sieht, beispielsweise über heruntergekommene Schulen. Gleichzeitig offenbart er Lücken im Verständnis von Demokratie, gepaart mit Selbstgefälligkeit und Abwehr. Als sich Kontra K beispielsweise beschwert, dass im Bundestag ständig gestritten werde, entwickelt sich dieser Dialog:

Barley: „Das ist auch richtig sich zu streiten, weil man verschiedene Meinungen hat.“

Kontra K: „Am Ende hat man einen Salat und nichts kommt bei raus.“

Barley: „Wie soll denn das sonst gehen? Soll man eine Einheitspartei gründen?“

Kontra K: „Das kann ich Ihnen nicht sagen, dafür haben Sie ja studiert und dafür sind Sie ja bisschen schlauer als ich.“

An einer anderen Stelle gibt er zu: „Ich beschäftige mich nicht viel mit Politik.“ Den Grund dafür sieht er offenbar im fehlenden Unterhaltungsfaktor. „Es ist wie über eine Wandfarbe zu reden, da schalte ich nach zwei Minuten ab.“ Er meint, man solle Politik nicht wie Atomphysik verkaufen, sondern wie simples Plusrechnen. Später im Gespräch wird es dann absurd: Er fordert nicht nur einfache, sondern auch exakte Aussagen.

Kontra K (aufgebracht): „Mich interessiert, was wird gemacht. ‚Für den Klimawandel wurde beschlossen, dass die Abgasemissionen so und so viel Dezibel weniger werden’ - dann sitze ich da (und denke mir:) Hä, was willst du von mir?“

Barley: „Was soll man sonst sagen? Dass sie sauberer werden? Dann bist du auch nicht froh. (...)“

Kontra K: „Deswegen will ich genau wissen, welcher Konzern wird wie belangt, was muss er genau tun – und nicht: Wir machen was, dass es sauberer wird.“

Barley: „Dann wird’s kompliziert. Die Welt ist nun mal kompliziert.“

Kontra K: „Man kann es auch leichter machen.“

Die eigenen Anliegen

Obwohl sich die Diskussion lange im Kreis dreht, wirft das 31-minütige Video die Frage auf, wie Menschen aus Problemvierteln für die Politik gewonnen werden können. Immerhin sind Menschen aus sozial schwächeren Schichten politisch unterrepräsentiert. Die Parteien sind gefragt, ihnen den Zugang zu erleichtern, auch mit einer verständlichen Sprache. So lassen sich vielleicht die Berührungsängste und das zornige Wir-gegen-die-Gefühl abbauen, während gleichzeitig ihre Anliegen stärker in den Fokus rücken.

Auch klar: Ohne die Bereitschaft der Menschen, sich zu engagieren und die eigene Umgebung gestalten zu wollen, geht es nicht. Es sollte daher alle Parteien zum Nachdenken anregen, wenn Menschen aus sozialen Brennpunkten nichts mehr von ihnen erwarten - oder sich komplett von der Politik abgekoppelt haben. Auf die Frage gegen Ende des Gesprächs, ob er bei der Bundestagswahl wählen gehe, erwidert Kontra K: „Ich sollte wohl wählen, aber eigentlich bin ich so desinteressiert.“

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