Klimaverlierer Kinder

Profit essen Zukunft auf

Kai Niebert18. Juli 2010

Es sind besonders die heute jungen, oft noch nicht einmal wahlberechtigten Menschen, die unter dem Regieren auf Kosten der Zukunft leiden. Die fossil-atomare Energieversorgung wird Kindern
nicht nur eine schwere Zukunft bereiten. Sie tötet sie. Schon heute.

Wird das bisherige Nicht-Engagement fortgesetzt, werden im Jahr 2100 zwischen 165 000 und 250 000 Kinder mehr sterben als in einer Welt ohne Klimawandel, wie der Wissenschaft-liche Beirat
der Bundesregierung (WGBU) in einer Studie feststellte. Sicher, in erster Linie werden versiegende Trinkwasserquellen und Ernteeinbußen aufgrund von Dürreperioden die Kinder in Bangladesh, der
Subsahara und Zentralafrika treffen.

Der Klimawandel gefährdet Kinder in der Welt - und in Deutschland

Doch auch Kinder in Deutschland werden den Klimawandel direkt zu spüren bekommen. Studien zeigen, dass Migration die Konfliktwahrscheinlichkeit in den Transit- und Zielregionen der
Wanderungsbewegungen zum Teil erheblich erhöhen kann. Dabei stellt Migration bereits heute eine unbewältigte Herausforderung für die nationale wie internationale Politik dar. An der Südgrenze der
USA zu Mexiko werden die Grenzbefestigungen immer massiver, um den illegalen Zufluss von Arbeitsmigranten zu begrenzen. Die Hilflosigkeit der Europäi-schen Union, mit afrikanischen Flüchtlingen
umzugehen und wirkungsvolle Instrumente zur Vermeidung von Migration zu entwickeln, ist offensichtlich. Stattdessen baut sie eine Armee zur Sicherung ihrer Grenze auf.

Flüchtlinge aus armen Ländern sind in den Industriestaaten ein politisch Konflikt beladenes Thema. Die hitzigen Flüchtlingsdebatten der 1990er Jahre, die in Deutschland zu einer
Verschärfung des Asylrechts führten, sowie zunehmende fremdenfeindliche Bewegungen und Parteien in Europa sind hierfür Anzeichen.

Millionen Menschen in Gefahr

Vieles spricht dafür, dass mit dem Klimawandel und den damit verbundenen gesellschaftlichen Folgen auch die Migration stark zunehmen wird. Die Zahl der betroffenen Menschen wird
unweigerlich steigen und die Zahl der Brennpunkte auf der Erde zunehmen. Die Konfliktpotenziale sind groß: Im Völkerrecht sind "Klimaflüchtlinge" bisher nicht vorgesehen, sodass durch Folgen des
Klimawandels vertriebene Menschen de facto rechtlos sind.

Die Industrieländer müssen sich ihrer Verantwortung nach dem Verursacherprinzip stellen. Es ist bereits heute abzusehen, dass der Streit, in welchen Ländern Klimaflüchtlinge zukünftig
aufgenommen werden müssen, zu politischen Spannungen führen wird. Migration könnte mit ungebremst steigenden globalen Temperaturen zu einem der großen Konfliktfelder der künftigen internationalen
Politik werden.

Verbalattacken verschiedener - nicht nur rechtskonservativer - Mandatsträger, wie "Kinder statt Inder" oder "Das Boot ist voll" zeigen, wie die Debatte selbst bei einer moderaten Migration
in Deutschland geführt wird. Wie aber werden Rüttgers, Koch und Kollegen erst reagieren, wenn ihre unterlassene Klimapolitik das Klima so weit anheizt, dass nicht dringend benötigte Facharbeiter,
sondern mittellose Bangladeshis und Suahelis in Deutschland vor der Tür stehen, weil ihr Zuhause unbewohnbar geworden ist?

Ausbildung durch Klimaschutz

Dabei könnte alles so einfach sein. Diverse Studien zur Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland belegen: Erneuerbare Energien schaffen Arbeitsplätze - brutto wie netto. Um durchschnittlich
30 Prozent pro Jahr ist die Zahl der Mitarbeiter im Bereich der nachhaltigen Stromerzeugung zwischen 2004 und 2006 gewachsen, wie eine Unternehmensbefragung der Beratungsfirma Roland Berger
ergab.

Für die folgenden Jahre erwarten die Unternehmen eine Steigerung der Belegschaft um jährlich im Schnitt 22 Prozent. Das Bundesumweltministerium ermittelte, dass 2007 schon fast 250 000
Menschen in der Branche der Erneuerbaren Energie beschäftigt waren. Die Arbeitsplatzzuwächse im Bereich der Erneuerbaren Energien waren in den vergangenen Jahren so rasant, dass alle Schätzungen
heute schon überholt sind: Die für 2010 erwarteten Arbeitsplatzeffekte wurden bereits 2007 erreicht. Mit der Zahl der Arbeitsplätze wächst auch die Zahl der Ausbildungsplätze - und damit die
Chance, jungen Menschen eine Zukunftsperspektive zu bieten.

Herausforderung aus Fernost

Eine große Herausforderung entsteht jedoch durch die zunehmende Konkurrenz durch weniger entwickelte aber technologiestarke Länder. China beispielsweise hat bei der
Solarzellenproduktionsprunghaft aufgeholt und ist 2007 zum weltweit größten Hersteller geworden. Deutschland wird auf dem Markt nur bestehen können, wenn es durch eine innovations-freundliche
Umwelt- und Klimaschutzpolitik seine Technologieführerschaft behält oder diese gewinnt. Nur dann werden deutsche Unternehmen - und damit auch Auszubildende in deutschen Betrieben - langfristig
eine Chance auf dem internationalen Markt haben.

Gegenwärtig halten deutsche Unternehmen auf den grünen Zukunftsmärkten Weltmarktanteile zwischen 5 und 30 Prozent. Doch das droht zu kippen. Angetrieben von der klimafreundlich-grün redenden,
aber leider kohlenstoff-schwarz handelnden Klimakanzlerin investieren viele Firmen mittlerweile lieber in ihre PR-Abteilungen statt in Forschungs- und Entwicklung und versuchen mit
Greenwashing-Kampagnen ihr Kerngeschäft rein zu waschen. Die Autokonzerne, allen voran BMW und Daimler, haben 2008 massiv Lobbyarbeit gegen die von der EU geplanten CO2-Richtlinien betrieben,
weil es die Unternehmen selbst nicht schaffen würden, diese Klimaziele einzuhalten.

Ähnliches ist derzeit im Bausektor zu beobachten: Nach wie vor lehnt die Bundesregierung zentrale Maßnahmen ab, die die Sanierung ineffizienter Gebäude voranbringen könnten. Sie will keine
Ziele für den Ausbau von Niedrig- und Nullenergiehäusern im Gebäudebestand, keine finanziellen Anreize und auch keine verbindliche Vorreiterrolle für den öffentlichen Sektor. Dabei könnte die
deutsche Wirtschaft als Marktführer bei grünen Technologien von mehr Energieeffizienz in den Nachbarländern besonders profitieren. Nur wenn Deutschland seine Rolle als Effizienzweltmeister
behauptet, haben junge Menschen in Deutschland langfristig eine Chance auf Wohlstand und Arbeit.

Kinder werden schlechte Klimapolitik teuer bezahlen

Während sich Ältere um den Generationenvertrag sorgen, weil sie ihre Renten gefährdet se-hen, stellen junge Menschen an ganz anderer Stelle die Frage nach der gerechten Verteilung von
Lasten zwischen den Generationen: So sind es nicht nur Konflikte zwischen Verursacher- und Opferstaaten des Klimawandels, die auf den internationalen Klimakonferenzen um eine gerechte
Klimapolitik streiten. Vielmehr sind es gerade hierzulande junge Menschen, die für ein generationengerechtes Deutschland streiten.

Der ehemalige Chefökonom der Weltbank Sir Nicholas Stern und auch das Umweltbundes-amt haben eindrucksvoll vorgerechnet: Wir können entweder heute in Deutschland vier Milli-arden Euro in
eine grüne Zukunft investieren oder noch 50 Jahre abwarten und dann jährlich 100 Milliarden Euro zahlen, um asthmakranke Kinder, Hitzetote, höhere Deiche und massive Ernteausfälle zu finanzieren.

Wir müssen uns entscheiden: Entweder sind wir bereit, heute 50 Euro pro Bundesbürger im Jahr investieren - und dafür eine Rendite von rund 17 Prozent zu erwirtschaften, Marktführer in
Erneuerbaren Energien und Effizienzweltmeister zu werden. Oder aber kommende Genera-tionen zahlen 1250 Euro jährlich, um Schäden zu kompensieren - und nicht um Werte zu erwirtschaften. Die
Entscheidungen von heute werden somit große Auswirkungen nicht nur auf heutige, sondern auch auf zukünftige Generationen haben. Stellen wir die Weichen falsch, rennen wir dem Klimawandel
hinterher. Betreiben wir Politik jedoch mit Mut und Vernunft, werden wir nicht nur den Klimawandel verhindern, sondern auch einen zukunftsfähigen Wohlstand erreichen.

Kohlekraftwerke töten Kinder...

Kohlekraftwerke sind Dreckschleudern. Ihre Rauchwolken sind riesig. Und giftig sind sie o-bendrein: Sechs der zehn klimaschädlichsten Kraftwerke in der EU stehen in Deutschland. Doch neben
der Klimaschädlichkeit haben Kohlekraftwerke eine direkt krankmachende, zum Teil tödliche Wirkung: Die Verbrennung fossilen Kohlenstoffs ist eine der Hauptquellen von Feinstäuben in der
Atmosphäre.

Die Luftverschmutzung gehört mit einer jährlichen Todesrate von 700 000 Menschen zu den zehn weltweit häufigsten Todesursachen - eine Zahl, die nach Schätzungen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum Jahr 2020 auf acht Millionen ansteigen wird. Jedes Jahr sterben schon heute weltweit 460 000 Menschen allein infolge der Feinstaubbelastung.

In Deutschland führt die Feinstaubbelastung insbesondere zu einer Zunahme von Asthmaer-krankungen: Luftschadstoffe sind ein wichtiger Faktor für die Entstehung und das Auslösen eines
Asthmaanfalls, besonders bei Kindern. Zwar hat die Luftreinhaltepolitik der letzten Jahrzehnte Fortschritte gebracht und konnte akute Erkrankungen eindämmen. Ein signifikan-ter Teil der
chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma und Bronchitis ist jedoch auf über lange Zeit wirkende, niedrige Dosen mit verschmutzter Luft zurückzuführen, wie sie Kinder ausgesetzt sind, die in
Industriezentren aufwachsen. UNICEF schätzt, dass die Anzahl der Todesfälle aufgrund von Asthma, und damit der häufigsten chronischen Kinderkrankheit, ohne Gegenmaßnahmen bis ins Jahr 2016 um
nahezu 20 Prozent steigen wird.

...Atomkraftwerke erst recht

Um die Atomkraft in die Verlängerung zu bringen, werden landauf landab von Vertretern der Atomlobby und schwarz-gelben Regierungen Vorzüge und Sicherheit deutscher Atommeiler gepriesen. Wie
es um die Sicherheit deutscher Atomkraftwerke wirklich steht, erfährt man auf den Leukämiestationen deutscher Kinderkrebszentren: Je dichter ein Kind an einem Atomkraftwerk wohnt, desto größer
ist die Wahrscheinlichkeit an Leukämie zu erkranken, wie eine Studie des Kinderkrebsregisters 2007 ergab. Auch wenn im Moment noch Unklarheit über die Ursachen besteht, ist der Zusammenhang
zwischen der Nähe eines Atomkraftwerks zum Wohnort und der Leukämierate bewiesen. Und er hat schon unzählige Kinder das Leben gekostet.

Alle heute noch laufenden Atomkraftwerke sind sicherheitstechnisch veraltetet. Sie würden heute keine Betriebsgenehmigung mehr erhalten, denn ihre mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen erfüllen
nicht die gesetzlichen Vorschriften. Fast alle deutschen Atomkraftwerke weisen mit ihrem Stahlmantel einen gefährlichen Konstruktionsfehler auf: Bei einem Atomunfall platzt der Mantel
vergleichsweise leicht auf, sodass die tödlichen Strahlenpartikel in die Umwelt gelangen können. Heute weiß man, dass der Mantel aus Beton oder Stahlbeton sein müsste. Bei einem internationalen
Vergleich der OECD von 1997 schnitten deutsche Atomkraftwerke hinsichtlich der Kernschmelz-Festigkeit daher am schlechtesten ab.

Die Angst von Kindern vor Atomkraftwerken ist somit keine Kinderphantasie, sondern kann ihnen das Leben retten. Und uns vielleicht auch - wenn wir die Forderungen und Bedürfnisse von
Kindern berücksichtigen und den Atomausstieg sofort vollziehen, statt ihn auf den Sankt Nimmerleinstag zu verschieben.

Kinder haben eine heiße Zukunft

In den letzten Tagen hat das Thermometer verlässlich die 30-Grad-Marke überschritten - ein Szenario, an das wir uns wohl mit allen Folgen gewöhnen müssen. Der Hitzesommer 2003 hat in ganz
Europa zu etwa 35 000 Toten geführt. Häufigste Todesursachen waren Herzkreislauf-versagen, Atemwegsprobleme, Hitzschlag und drastischer Flüssigkeitsmangel. Neben alten Menschen starben vor allem
Kleinkinder, da beide Gruppen entweder noch nicht oder nicht mehr in der Lage sind, derartige Extrembelastungen zu kompensieren. Neben dem Extremfall eines tödlichen Ausgangs von großer Hitze
gibt es eine Vielzahl nicht tödlicher Gesundheits-effekte. Schätzungen zufolge ergeben sich für Deutschland jährlich etwa 500 Millionen Euro zusätzliche Kosten allein durch
Krankenhauseinweisungen, wenn der Klimawandel Wirklichkeit wird.

Eine Politik, die in erster Linie den Stromkonzernen statt den Menschen in diesem Land dient, wird den Klimawandel Realität werden lassen. Damit werden Hitzesommer zur Normalität. Und zwar
schneller als uns lieb ist: Eine Studie des WWF geht davon aus, dass die Zahl der hitzebedingten Todesfälle in Deutschland von heute 4500 bis zum Jahr 2100 auf 16600 Fälle ansteigen wird. Dabei
sollte man sich bewusst machen, dass diese Menschen umsonst sterben: Wir können den Klimawandel verhindern. Wenn wir wollen.

Noch ist es nicht zu spät

All diese Beispiele zeigen, dass die Zukunftsperspektiven junger Menschen bei einer nicht nachhaltigen Wirtschafts- und Energiepolitik düster sind. Eine auf die Konservierung überholter
Wirtschaftsstrukturen ausgerichtete Politik raubt jungen Menschen die Aussicht auf ein gesundes Aufwachsen und sichere Zukunfts- und Ausbildungsperspektiven. Dabei sind insbesondere in Armut
lebende Kinder vom Klimawandel betroffen, wie Studien des Umweltbun-desamtes zeigen. Eine nachhaltige Wirtschafts- und Energiepolitik ist somit nicht nur ökono-misch vernünftig und ökologisch
sinnvoll, sondern auch sozial gerecht.

Eine soziale Demokratie muss die Bedürfnisse junger Menschen ernst nehmen, ihre Gesund-heit schützen und ihnen eine Zukunftsperspektive bieten. Das bedeutet: Atomkraft abschaffen. Kohle
abschalten. Erneuerbare Energien ausbauen. Für sie. Für uns. Für unsere Zukunft.


Kai Niebert
ist Vorsitzender der Naturfreundejugend Deutschlands und Mitglied
des Präsidiums des Deutschen Naturschutzrings. Er arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Leibniz Universität Hannover und ist gerade Vater geworden.

Foto: Carlos Wulff

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