"Gesicht zeigen!"

Professor Uhu erklärt Demokratie

16. Oktober 2008

Schauspielerin Elke Appelt zappelt mit den Händen, fläzt sich auf dem Sofa der Bühne des Kulturzentrums in Berlin-Neukölln. Sie spielt Lilly, ein Mädchen das unbedingt Detektivin sein will.
Was nur zusammen mit Freunden geht, hat sie gerade vom Oberdetektiv Professor Uhu erfahren. Pech nur, dass sie sich gerade mit ihnen zerstritten hat. Laut ruf Lilly nach ihren Freunden. Und
dutzende Kinder aus dem Publikum recken die Finger, rufen: Ich. Ich mach mit. Ich bin Dein Freund.


Erstaunen und Lachen bei den erwachsenen Zuschauern. Das war nicht abgesprochen. Sophia Oppermann strahlt. Sie ist eine der beiden Geschäftsführerinnen des Vereins "Gesicht zeigen - Für
ein weltoffenes Deutschland", der sich gegen Gewalt und Rassismus engagiert. Die Szene mit den mitmachfreudigen Kindern ereignet sich bei der Premiere des Stückes "Drei Adleraugen und der Mann
aus Demokratien".


Mehrere Grundschulklassen waren die ersten Zuschauer, bevor die Inszenierung durch Berliner Schulen ziehen soll. Oppermann wusste also nicht, ob die Kinder das Stück annehmen würden. Doch
das gelingt hervorragend. Nach kurzer Zeit rufen sie den Leitspruch von Lilly und ihren Freunden mit: "Ab durch die Mitte". Das heißt, die Freunde haben diskutiert und einen Kompromiss gefunden,
sich in der Mitte getroffen. "Vermittlifizieren" nennt sich das in der Sprache dieses Theaterstückes.

Rassismus schon bei Kindern


"Gesicht zeigen" wurde im Jahr 2000 mit dem Ziel gegründet, sich für ein weltoffenes, tolerantes Deutschland einzusetzen. Initiatoren waren der inzwischen verstorbene frühere Präsident des
Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, sein Stellvertreter Michel Friedman sowie der heutige vorwärts-Chefredakteur und damalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye. Schwerpunkt der
Vereinsarbeit sind öffentliche Kampagnen zur Förderung von Zivilcourage und insbesondere die Arbeit mit Jugendlichen. Dabei machte das Team von "Gesicht zeigen" die Erfahrung, dass bei
Heranwachsenden manche Verhaltensmuster und teils auch rechtes Gedankengut schon so festgesetzt ist, dass man schwer an den Einzelnen herankommt.


An einigen Schulen gibt es sehr ausgeprägten latenten aber auch offenen Rassismus", berichtet Geschäftsführerin Rebecca Weis. Argumentativ sei so fest verankerten Vorurteilen aber kaum zu
begegnen. Deshalb bietet der Verein jetzt vermehrt kontinuierliche Arbeit an. Das Projekt "Fit gegen Rechts" etwa läuft über drei Jahre und richtet sich an Schulen, an denen rassistische
Übergriffe, Diskriminierung und Gewalt an der Tagesordnung sind. Diskriminierende Verhaltensweisen und Einstellungen werden reflektiert und - hoffentlich - abgebaut.


Das neue Theaterstück rund um Lilly und Professor Uhu setzt schon vorher an, "bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist", formuliert Sophia Oppermann. Ein fröhliches und mitreißendes Stück
zu dem eher drögen Thema gesunde Ernährung habe sie auf die Idee gebracht, die Bühne zur Vermittlung demokratischer Werte zu nutzen. Gemeinsam mit den auf lehrreiche Unterhaltung spezialisierten
Theatermachern "Projekte und Spektakel" aus Köln entstand in mehrjähriger Arbeit das nun uraufgeführte Stück.


"Lachen ist gesund" steht im Konzept, und so passsiert viel Lustiges auf der Bühne, Dinge über die ABC-Schützen sich schier ausschütten können - etwa einen kauzigen Professor, der
regelmäßig Bruchlandungen hinlegt. "Drei Adleraugen und der Mann aus Demokratien" packt aber auch jede Menge ernste Themen an. Dass die nicht oberlehrerhaft herüber kommen ist einer der vielen
Pluspunkte der Inszenierung. So schimpft Lilly über den Inder an der Ecke, der sie einfach nicht versteht. Aber versteht sie die Sprache der "Hatschianer", fragt Professor Uhu? Nein, und ist sie
deswegen doof?

Sorgen der Kinder aufgenommen


Bei der Entwicklung des Stückes haben übrigens Berliner Grundschüler mitgemacht. Deren Sorgen tauchen im Stück auf. Wie man sich nach einem Streit mit den Freunden wieder versöhnt. Dass man
sich fremd fühlt, wenn man neu in einer Klasse ist. Immer wieder geht es auch um Familie und wie gerecht oder ungerecht es da zugeht. So klagt Fabian im Stück, dass bei ihm zu Hause abgestimmt
wird, wer zuerst an die Playstation darf: "Und Mama stimmt immer für meinen kleinen Bruder."


Am Ende gab´s langen Applaus. Auch von einer prominenten Unterstützerin: Designerin Jette Joop. Die ist überzeugt: "Es ist wichtig, die grundwerte der Demokratie Kindern so früh wie möglich
zu vermitteln."

Zur Premiere kamen die Kinder ins Theater. Künftig wird es umgekehrt sein: Das Stück kommt in die Schulen. "Nicht der Theaterbesuch steht diesmal im Vordergrund, sondern das, was wir
vermitteln wollen", so Oppermann. Das gelänge eingebettet in den Schulalltag besser. "Gesicht zeigen" hat deshalb ein umfangreiches Begleitmaterial zusammen gestellt. Plakate, kleine Spiele, eine
Landkarte von Demokratien und Fotos von den Proben sollen die Figuren in Erinnerung halten. Ein Lexikon hält unter anderem fest, was "Demokratie" auf türkisch heißt - nämlich demokrasi. Ein
Liederbuch gehört dazu. So kann die ganze Klasse "Mit guten Freunden bist Du niemals allein" schmettern. Und natürlich die fünf Regeln, die Lilly und ihre Freunde von Professor Uhu lernen.


Durch 18 Berliner Schulen tourt das Stück im Oktober und November. Wann und wo es dann weiter geht hängt von der Finanzierung ab. Rund 3000 Euro kostet eine Vorstellung. Allerdings kann die
Truppe nicht wegen einem Auftritt quer durch Deutschland fahren. "Toll wäre, wenn wir in mehreren Regionen Sponsoren finden, die eine kleine Tour bezahlen," so Oppermann. Denn das Stück wird
immer auch auf die spezielle Umgebung der Kinder zugeschnitten. So wurde in Neukölln eine Katze aus den Fängen der "Jungs vom Reuterplatz" befreit, entsprechend würde das Stück für Köln oder Kiel
angepasst. In Berlin zog Premierengast und Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky folgendes Fazit aus dem Stück: "Es macht viel mehr Spaß, miteinander zu spielen, als sich gegenseitig eine
rein zu donnern."



Fünf goldene regeln aus Demokratien:

1. Hier wird "vermittlifiziert"!

2. Reden, statt weglaufen!

3. Langsam denken!

4. Niemand ist blöd, nur weil er deine Sprache nicht spricht!

5. Hier wird Freundschaft gesprochen!

Mehr Informationen zum Verein "Gesicht zeigen!":
http://www.gesichtzeigen.de

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