Filmtipp

Private Revolutions: Wie Frauen ihr Ägypten reformieren wollen

Nils Michaelis11. September 2015
Private Revolutions
Aufklärungstour im Armenviertel: die Journalistin Amani Eltunsi (links). Szene aus dem Film „Private Revolutions“
Vier Frauen kämpfen für eine bessere Gesellschaft: Der Dokumentarfilm „Private Revolutions“ erzählt vom langen Atem und von den grundverschiedenen Milieus der Unzufriedenen in Ägypten.

Stagnation, Revolution und wieder Stagnation? Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi und der erneuten Machtübernahme durch das Militär ist die politische Entwicklung in Ägypten undurchsichtiger denn je. Lange, bevor auf den demokratischen Aufbruch im bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt die große Ernüchterung folgte, begann Alexandra Schneider mit den Vorbereitungen für ihren Film. Zwischen November 2011 und März 2013 reiste die Österreicherin mit ihrem Team durchs Land, begeistert von der Offenheit, mit der die Menschen auf den Straßen für einen grundlegenden Wandel der vom patriarchalischen Filz durchsetzten Gesellschaft kämpften. Menschen, die nicht einfach gegen das System Mubarak protestierten, sondern Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit einforderten. Besonders imponiert hatten ihr die jungen Frauen, die sich dabei so weit hervorwagten wie nie zuvor. So entstand die Idee, eben diese in den Mittelpunkt ihrer Dokumentation über den Arabischen Frühling zu stellen.

Private Revolutions: Das Private ist politisch

Vier von ihnen lernen wir in „Private Revolutions“ kennen. Die Frauen aus Kairo könnten unterschiedlicher nicht sein, doch eines haben sie gemeinsam: Sie setzen sich für konkrete Verbesserungen im alltäglichen Leben von Frauen und Männern ein, anstatt sich mit einem Machtwechsel zufrieden zu geben. Das Private ist politisch. Wo sich Willkür und Hoffnungslosigkeit hartnäckig halten, wollen sie Sinn und Hoffnung stiften. In einem Land, wo jeder Zweite unterhalb der Armutsgrenze lebt, Analphabetismus grassiert und die meisten Frauen zuerst an ihren „guten Ruf“ zu denken zu haben, anstatt Forderungen zu erheben, gibt es leichtere Aufgaben.

Unter einer Verbesserung versteht Fatema Abuzeid vor allem, einer ausschließlich vom Islam geleiteten Lebensweise zum Durchbruch zu verhelfen. Als Aktivistin der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei arbeitet die Politikwissenschaftlerin und Mutter von drei kleinen Söhnen in Mursis Wahlkampfteam mit. Und strebt nach Höherem. Die Journalistin und Autorin Amani Eltunsi setzt sich hingegen mit einer eigenen Radiostation und ihrem kleinen Verlag für die Gleichberechtigung und sexuelle Aufklärung von Frauen ein. Mit einem Buch über geschiedene Ägypterinnen rührt sie an ein Tabu. Auch für Sharbat Abdullah geht der Kampf nach Mubaraks Sturz erst richtig los. Sie engagiert sich für bessere soziale Standards und mehr individuellen Freiheiten, wofür für sie auch das Recht auf Scheidung gehört, auch aus ganz privaten Gründen: Vom Ehemann im Stich gelassen und von den Nachbarn im Armenviertel angefeindet, nimmt sie ihre Kinder jeden Tag mit zum Tahrir-Platz, wenn auch um einen hohen Preis. May Gah Allahs Fokus liegt weniger auf der Hauptstadt, sondern auf dem armen Süden des Landes. Ihren lukrativen Bankposten in Dubai hat die Nubierin aufgegeben, um in ihrer Heimatprovinz einen Wandel anzustoßen – unter anderem, in dem sie ein Kulturzentrum aufbaut und Computerkurse organisiert.

Drang nach Reform erfasst die Gesellschaft

Schneiders Film taucht mitten hinein in die schillernde Welt eines Landes im Umbruch. Abwechselnd begleitet sie ihre Protagonistinnen durch den Alltag oder fühlt ihnen in Interviews auf den Zahn. Dabei wird deutlich, wie tief der Drang nach Reformen Ägyptens Gesellschaft erfasst hat. Sharbats Beispiel zeigt, dass der, auch persönlich motivierte, Aufruhr selbst die unteren Schichten mitreißt. Die anderen drei nutzen für ihr Engagement ihren Bildungsvorteil und eine relative materielle Sicherheit. Mag Fatema auch fromm und verschleiert sein: Die eloquente und herzliche Frau entspricht so gar nicht dem Klischee von einer islamisch-konservativen Anhängerin Mursis. Bis nach dessen Wahlsieg plötzlich der Kontakt abreißt.

Dass man sich rasch für die verschiedenen Lebens- und Gedankenwelten der Protagonistinnen öffnet, ist auch ein Verdienst der zugleich dynamischen und gelassenen Erzählweise. Wohl portionierte Gesprächssequenzen wechseln sich ab mit Szenen aus dem aufgeheizten Alltag in Kairo oder der stillen Kargheit Oberägyptens. So ergibt sich ein umfassender sinnlicher Eindruck von einer Reise ins Ungewisse, die zunehmend bedrohliche Ausmaße annimmt. Dass die Stimmung mit dem Fortgang der Ereignisse kippt, ist zu hören und zu sehen, wenngleich die Kamera manch brenzlige Situation aussparen musste. Im ständigen Groove des Unterwegsseins, stets schwankend zwischen Hoffen und Bangen, fühlt man sich fast wie in einem Road Movie. Ende offen.

Frauen als „Motor der Revolution“

Schneiders Arbeit ist unterm Strich von Optimismus getragen. Als sich zeigte, dass der Freiheitskampf am Nil nicht den gewünschten Erfolg haben würde, hätten viele Männer persönlich gekränkt reagiert, sagt sie. Nicht aber die Frauen. Diese seien trotz alledem und immer noch der „Motor der Revolution“.

 

Info:

Private Revolutions – Jung, Weiblich, Ägyptisch (Österreich 2014), ein Film von Alexandra Schneider, 98 Minuten,Sprachen: Englisch, Arabisch (dt. Untertitel)

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