Filmtipp

„Playing God“: Dollars für ein Menschenleben

Nils Michaelis09. Februar 2018
Keine Berührungsängste: Kenneth Feinberg bei einer von vielen Bürgerversammlungen
Wie viel ist ein Menschenleben wert? Der Dokumentarfilm „Playing God“ stellt den Mann vor, der diese Frage im Auftrag von US-Regierungen und Konzernen immer wieder beantworten musste.

Ist das Leben eines Feuerwehrmannes, der einen Manager aus dem World-Trade-Center gerettet hat, geringer zu bewerten als das Leben ebendieses Managers? Ja, wenn es nach der amerikanischen Rechtsauffassung in Bezug auf Entschädigungszahlungen geht. Kenneth Feinberg ist auf diesem Gebiet der prominenteste Experte. Seit Jahrzehnten beauftragen ihn US-Regierungen und Großunternehmen, wenn es darum geht, im Falle von Katastrophen Geld an die Hinterbliebenen zu zahlen. Nicht aus reiner Wohltätigkeit, sondern vor allem, um eine Flut von Klagen abzuwehren. Feinberg folgt dabei einem klaren System: Er legt der Kompensation das bis zur Rente zu erwartende Resteinkommen der Verstorbenen zugrunde. So setzt sich die gesellschaftliche Schere bis in den Tod fort.

Experte für Rentenzahlungen

Ob während der Auseinandersetzungen um das in Vietnam eingesetzte Gas Agent Orange, das viele Ex-Soldaten krank machte, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder auch nach der Ölpest im Zuge des Brandes auf der Bohrinsel Deepwater Horizon vor gut acht Jahren: Stets war und ist Feinberg gefragt, wenn es darum geht, aus Sicht der Auftraggeber Schlimmeres zu verhindern und mit Geld erlittenes Unrecht zu mildern.

Die deutsche Dokumentarfilmerin Karin Jurschick versucht, den Menschen Kenneth Feinberg hinter der durchaus umstrittenen öffentlichen Figur einzufangen. Nach den Anschlägen von New York und Washington ernannte ihn der Justizminister zum ehrenamtlichen Sonderbeauftragten für die Entschädigungszahlungen. Feinberg traf zahllose Hinterbliebene. Was hat es mit ihm gemacht, diesen Leuten ins Auge zu sehen und anschließend ihre Liebsten mit einem Dollarbetrag zu taxieren? Ist es möglich, dabei allein einer kühlen mathematischen Kalkulation zu folgen, wie Feinberg unter Berufung auf rechtliche Gepflogenheiten vor der Kamera behauptet?

Existenz von Millionen Menschen bedroht

Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war der heute 72-Jährige erneut in heikler Mission unterwegs. Weil ein Rentenfonds vor dem Kollaps stand, erwog die Obama-Administration, Rentenkürzungen von bis zu 50 Prozent anzuordnen. Feinberg sollte als Mediator ausloten, ob das zulässig ist. Immerhin stand die Existenz von Millionen Menschen, insbesondere aus der unteren Mittelschicht, auf dem Spiel. Erneut verließ er seine Washingtoner Kanzlei und begab sich in die Höhle des Löwen. Bei zahllosen Bürgerversammlungen im ganzen Land traf er sich mit verängstigten Rentnern, die ihren Absturz in die Armut vor Auge hatten. All den Geschichten ist gemein, dass Feinberg immer wieder mit Menschen zu tun hatte, deren bisheriges Leben von einem auf den anderen Tag in Trümmern lag oder davon bedroht ist. Die berührenden Einzelschicksale formen sich zum Bild eines in weiten Teilen zerrissenen Landes.

Jurschick ging es darum, einen Mann zu dechiffrieren, der vorgibt, sich im Rahmen des Gesetzes für Gerechtigkeit und Menschlichkeit einzusetzen, zugleich aber auch von der Begrenztheit seiner Möglichkeiten spricht, also davon, eben nicht, wie Kritiker behaupteten, wie ein richtender Gott agieren zu können. Nicht nur, aber auch, weil eine Entschädigung eben nur bedingt den Verlust eines Menschen kompensieren könne, wie er selbst sagt. Wie die Filmemacherin ihren Protagonisten bewertet, bleibt dabei weitgehend im Dunkeln. Was wohl auch daran liegt, dass Feinberg, der ursprünglich Schauspieler werden wollte, es versteht, sich auf sein jeweiliges Publikum einzustellen, wenn nicht gar für sich einzunehmen. Wohl aber ist zu erfahren, dass er von schlaflosen Nächten geplagt ist und bei Wagneropern Ablenkung findet.

Aufwühlende Reise ins Innere des Kapitalismus

In den Erzählungen der Betroffenen wird deutlich, dass der prominente Anwalt  nach 9/11 und während der Rentensache durchaus menschliche Größe und Empathie bewiesen hat. Zum Beispiel setzte er durch, dass auch Immigranten ohne Aufenthaltspapiere entschädigt wurden. Zweifelhaft bleibt hingegen seine Rolle bei der Ölpest im Golf von Mexiko. In bezahlten Diensten des Ölriesen BP, dem Betreiber von Deepwater Horizon, hatte Feinberg kleine Fischer, die kaum eine Alternative hatten, mit lächerlichen Entschädigungssummen ruhiggestellt. Als einer von ihnen Jahre später mit ihm das Gespräch sucht, zeigt der angeblich so menschliche Jurist ein ganz anderes Gesicht.

Wie viel ist ein Menschenleben wert? Das können weder Feinberg noch dieser Film beantworten. Wohl aber ist „Playing God“ eine aufwühlende Reise ins Innere der kapitalistischen Maschinerie in den USA.

„Playing God“ (Deutschland 2017), ein Film von Karin Jurschick, mit Kenneth Feinberg u.a., 90 Minuten, OmU. Ab sofort im Kino

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