Kommentar

Pflegenotstand in Deutschland: Schlecht bezahlt und seelisch am Ende

Renate Faerber-Husemann13. März 2018
Vor allem beim Thema Pflegenotstand müsste sich dringend etwas ändern.
Am Donnerstag beginnt in Berlin der dreitätige Kongress „Deutscher Pflegetag“. Für unsere Autorin Grund genug, sich des Themas „Pflegenotstand“ anzunehmen. Schätzungsweise 100.000 Pflegekräfte fehlen in Deutschland – das ließe sich ändern.

Im Jahre 1992 erschien ein kleiner „rororo aktuell“-Band mit dem Titel „Pflegenotstand – das Ende der Menschlichkeit“, herausgegeben von dem bekannten Diplom-Psychologen Wolfgang Schmidbauer. Er schrieb vor mehr als 25 Jahren: „Nach ÖTV-Unterlagen fehlen derzeit etwa 100.000 ausgebildete Kräfte.“ Und weiter: „Vor allem bei längerer Tätigkeit ist die Belastung in der Altenpflege noch größer als in anderen hochbelasteten Pflegesituationen (etwa in Krebsstationen).“ In einem Forschungsprojekt der Psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg, so Schmidbauer, wurde damals schon festgestellt, dass von 120 Pflegerinnen und Pflegern in Heimen und Sozialstationen, die ihren Beruf bereits zehn Jahre lang ausübten, 90 Prozent unter psychosomatischen Störungen litten.

Druck auf schlecht bezahltes Pflegepersonal

Und heute? Die Lage ist dramatisch schlimmer geworden:  Das hat viele Gründe: Die veränderte Alterspyramide. Der wachsende Druck auf das schlecht bezahlte Pflegepersonal. Die Tatsache, dass die berufstätigen Frauen von heute nicht mehr wie früher Eltern und Schwiegereltern bis zur eigenen völligen Erschöpfung pflegen können. Oft sind sie heute selbst schon im Rentenalter, wenn Vater oder Mutter Rund-um-die-Uhr-Pflege brauchen. Dann bleibt nur noch das Pflegeheim.

Am Sonntag lief ein „Tatort“ aus Bremen mit dem Titel: „Im toten Winkel“. Als Krimi war das kein besonders guter Film und doch wird er bei allen, die ihn gesehen haben, lange nachwirken. Es ging um ambulante Pflege, um überfordertes und schlecht ausgebildetes Pflegepersonal, um schlimmen Betrug – der anscheinend leicht ist in diesem Gewerbe – um Angehörige, die von der Pflege Demenzkranker so überfordert sind, dass ihnen die Hand ausrutscht. Ein gebrechlicher alter Mann mit einer schwer dementen Ehefrau sah nur noch im gemeinsamen Suizid einen Weg aus der für ihn ausweglosen Situation.

Fachleute schlagen Alarm

Alle Fachleute wissen, dass es so nicht weitergehen kann. Das wusste man übrigens auch schon vor einem Vierteljahrhundert. Die Antwort bei den Koalitionsverhandlungen der letzten Wochen war die Zusage, mit einem Sofortprogramm 8.000 Pflegekräfte mehr einzustellen und die Pflegeberufe attraktiver zu machen. Doch das allein wird nicht reichen. Es fehlen inzwischen nicht wie damals 100.000 Pflegerinnen und Pfleger, wahrscheinlich sind es mehr! Das heißt: Es gibt auch weiterhin keine ausreichende Hilfe für Kranke, Gebrechliche, Angehörige und bezahlte Helfer, die mit ständigem Blick auf die Uhr durch den Tag hetzen.

Nun wird man, selbst wenn guter Wille und Geld vorhanden wären, auf dem ziemlich leergefegten Arbeitsmarkt diese fehlenden Pflegekräfte nicht so rasch finden und ausbilden können. Dazu kommt: Längst hat sich ja herumgesprochen, dass es heute angenehmere Möglichkeiten gibt, sein Geld zu verdienen.

Dennoch gäbe es eine Möglichkeit, die Not zumindest etwas zu lindern. Doch dazu müsste die Regierung einräumen, einen Fehler begangen zu haben und diesen rückgängig machen. Die vor sieben Jahren beschlossene Aussetzung der  Wehrpflicht – die auch das Ende des Zivildienstes bedeutet hat – müsste rückgängig gemacht werden. Wie wäre es mit einem sozialen Pflichtjahr für alle, die nicht „zum Bund“ gehen?  Natürlich müsste das streng überwacht und regelmäßig kontrolliert werden. Schließlich darf es nicht um die Ausbeutung junger Leute gehen. Sie sollen nicht Toiletten und Küchenböden putzen, sondern Einkäufe erledigen, mit einsamen alten und kranken Menschen frühstücken, sie auf Spaziergängen begleiten, überwachen, dass sie ihre Medikamente nehmen. Sie können nicht Profis ersetzen, aber pflegenden Angehörigen ein paar Stunden Freiraum verschaffen, eine schwierige Situation für alle Beteiligten erleichtern.

Zivis als Rettung?

Die Zivis, die es leider schon lange nicht mehr gibt, haben in der Erinnerung der Menschen  immer noch einen hervorragenden Ruf, werden bis heute vermisst. Und für die jungen Menschen war diese Erfahrung unschätzbar wertvoll. Mein Sohn, längst erwachsen und im Beruf, sagt bis heute, er sei durch die Erfahrungen in der ambulanten Pflege erwachsen geworden. Als Zivi hatte er Zeit, etwa eine alte Dame im Rollstuhl spazieren zu fahren, Menschen zuzuhören, selbst dabei viel zu lernen. Ein behinderter kleiner Junge freute sich täglich auf den jungen Mann, der Zeit für ihn hatte, nicht erschöpft war wie die eigenen Eltern.

Gerade für junge Menschen aus relativ sorglosem Milieu war es eine unschätzbare Erfahrung, Menschen helfen zu können, mit denen sie sonst kaum in Kontakt geraten wären. Bei vielen schärfte das dauerhaft den Blick für soziale Missstände. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Dienst nicht nur für junge Männer verpflichtend sein sollte. Es brauchte nur ein bisschen Mut, einzuräumen, dass die Aussetzung der Wehrpflicht – die das Ende des Zivildiensts bedeutete – ein Fehler war.

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Kommentare

Zivis - alternativ Sozialdienstler - fehlen

Dieser Artikel ist wirklich gut. Die Defizite, die durch die fehlenden Zivis entstanden sind, gehen an die Substanz der Altenpflege. Alternativ ist 2015 der Beruf der Alltagsbegleiter entstanden. Diese sollten die Betreuungsarbeit der Zivis in den Heimen eigentlich ersetzen. Wenn man den Aussagen dieser "Betreuungskräfte" glauben darf, werden sie vielfach zu Pflegediensttätigkeiten herangezogen, die sie nicht ausüben dürfen, auch versicherungstechnisch nicht, und von denen sie auch keine Ahnung haben. Durch den massiven Pflegenotstand ist aber in einigen Heimen die Arbeit ohne diese Hilfskräfte nicht mehr möglich. Das Fatale: Der seelische Zuspruch und die individuelle Zuwendung für jeden einzelnen Heimbewohner bleibt auf der Strecke. Das hat mit würdigem und selbstbestimmten Leben nichts mehr zu tun. Es werden jetzt vermehrt Pfleger/innen aus osteuropäischen oder fernöstlichen Ländern eingestellt. Leider ist die Verständigung zwischen den alten Menschen und den ausländischen Pflegekräften alles andere als gut und es kommt zu vielen Missverständnissen. Mangels deutscher Sprache bleibt auch die Pflegedokumentation alleine bei den schon überlasteten Stationsleitungen hängen.

Antwort

Ja, die ganzen § XYZ SGB Betreuungskräfte machen oft pflegerische Aufgaben, die sie nicht machen dürfen wie Essen darreichen und Grundpflege.... außerdem muss man doch mal merken, dass man so die Pflege weiter dequalifiziert!!! Immer mehr Helfer, Assistenzkräfte, Minijobber arbeiten dort, für die zumeist Frauen bedeutet das in DE mangels Grundrente automatisch ALTERSARMUT . DE hält sich den Helfersektor auf dem Rücken der Frauen, eine eigene wirtschaftliche Existenz ist so unmöglich auf Dauer, daher auch die Kinderarmut. DE muss die Pflege vielmehr akademisieren und professionalisieren -- DE hängt ca 100 Jahre hinter anderen Ländern hinterher, was die Professionalisierung angeht -- Pflege sollte auch für Abiturienten ein attraktiver Beruf werden - es ist eine schande, dass sich in DE viele Pflegehelfer nicht zum Vollpfleger nebenberuflich weiterbilden können, das es zu wenig Pflegestudienplätze gibt und diese oft nur Privatehochschulen anbieten, dass Fachweiterbildungen weniger zählen als im Ausland im DQR (Qualifkationsrahmen) , dass man den Pflegeberuf nicht weiterentwickelt, über Generalistik hinaus

Pflegenotstand

Und der Koaltionsvertrag verheißt keine große Verbesserung: eine halbe Stelle pro Pflegeheim, und Spahn wird sein Übriges tun, auch dies noch zu verhindern.

Die Pflege ist ein

Die Pflege ist ein hochprofitables Geschäft. Die Personalkosten sind der größte Aufwandsfaktor. Um die Renditen zu halten und zu erhöhen, muss am Personal gespart werden, was zur Überlastung der Pflegekräfte, schlechte Arbeitsbedingungen allgemein und eine dürftige Bezahlung führt.

Die 8000 zusätzlich im Koalitionsvertrag zugesagten Pflegekräfte sind Augenwischerei, mehr nicht. Wer stellt denn die Pflegekräfte ein? Das sind doch die Profitgeier.
Außerdem verhandelt die EU-Komission derzeit in aller Stille und fernab jeglicher Transparenz das TISA-Abkommen aus. Sollte TISA in Kraft treten, werden die Schrauben noch einmal deutlich angezogen. Der ausufernde Kapitalismus kennt keine Würde, da zählt nur Profit und sonst nichts.

Die Pflege ist ein

Vollkommen richtig, Karin.

Deinen Ausführungen ist nichts mehr hinzuzufügen, sie werden leider durch die Praxis immer wieder bestätigt, wenn auch manche dies entweder nicht wahrhaben wollen oder es zwar wissen, aber vorsätzlich so durchziehen, und zu den Letzteren gehört auch Spahn.