Kommunalwahlkampf

Parteitag im Autokino: Dortmunder SPD erprobt innovatives Format

Jonas Jordan12. Juni 2020
Abstimmung im Autokino: Die Delegierten halten überdimensionierte Stimmkarten aus ihren Autofenstern.
Abstimmung im Autokino: Die Delegierten halten überdimensionierte Stimmkarten aus ihren Autofenstern.
Weil die Corona-Pandemie alle ursprünglichen Planungen auf den Kopf stellte, hielt die Dortmunder SPD ihren Parteitag in einem Autokino ab. Die Delegierten waren begeistert. Trotzdem ist es kein Modell für die Zukunft, sagt die Vorsitzende Nadja Lüders, die zugleich Generalsekretärin der SPD in Nordrhein-Westfalen ist.

Die SPD Dortmund hat am Wochenende einen Parteitag in einem Autokino abgehalten. Was war eigentlich der Anlass für den Parteitag?

Wir waren längst fertig mit unserer Listenaufstellung und den Formalien für die Kommunalwahl im September. Doch durch ein Urteil des Verfassungsgerichtes in Nordrhein-Westfalen wurden die Wahlbezirke kurzfristig neu eingeteilt. Dadurch mussten wir die die Listenaufstellungen wiederholen. Eigentlich hatten wir dafür einen Parteitag Ende März angedacht. Der war wegen der Corona-Pandemie natürlich nicht möglich. Da wir in unserer Satzung eine relativ lange Einladungsfrist von acht Wochen stehen haben und gleichzeitig bis zum 16. Juli die Kandidaten beim Wahlamt melden mussten, kamen wir zeitlich etwas in die Bredouille. Zumal wir regulär 180 Delegierte haben, von denen viele der Risikogruppe angehören.

Nadja Lüders ist Vorsitzende der Dortmunder SPD und Generalsekretärin der Partei in Nordrhein-Westfalen.
Nadja Lüders ist Vorsitzende der Dortmunder SPD und Generalsekretärin der Partei in Nordrhein-Westfalen.

Wie kam die Idee mit dem Autokino zustande?

Ich hatte die Idee, als ich abends mit unserer Geschäftsführerin telefoniert habe. Wir haben erst überlegt, den Parteitag unter freiem Himmel zu veranstalten, aber da bleibt natürlich immer der Risikofaktor Wetter. Deswegen habe ich gefragt: Was ist denn mit dem Autokino? Der Betreiber war dann sehr, sehr hilfsbereit. Organisatorisch war das Ganze sehr herausfordernd, aber wir haben es sehr gut hinbekommen.

Wie lief der Parteitag ab?

Um Stau zu vermeiden, haben wir unterschiedliche Zufahrtswege geplant. An einem Drive-In-Schalter haben die Delegierten ihre personalisierten Unterlagen ins Auto gereicht bekommen. Anschließend wurden sie von Einweisern auf ihren Platz geleitet. Auf der Bühne war nur das Präsidium. Die Reden wurden über das Autoradio übertragen. Zur Abstimmung haben die Delegierten große rote Stimmkarten aus dem Fenster gehalten. Alle waren sehr, sehr diszipliniert. So sind wir ganz zügig durchgekommen.

Also lief es besser als bei einem normalen Parteitag?

Vom Präsidium aus war es sicher einfacher, weil den Rednern deutlich mehr zugehört wurde als sonst. Allerdings fehlte aus meiner Sicht auch der Austausch am Rande. Das gehört zu einem Parteitag dazu.

Welche Möglichkeiten gab es für Delegierte ohne Auto?

Wir haben die Delegierten im Vorfeld extra angeschrieben, ob es Leute ohne Auto gibt. In der Hinterhand hätten wir ein lokales Unternehmen gehabt, bei dem wir in dem Fall Taxis hätten ordern können, aber es war überhaupt kein Problem. Denn pro Auto waren zwei Personen erlaubt und die Genossen haben sich schon im Vorfeld in den Ortsvereinen solidarisch so organisiert, dass das gepasst hat.

Wie waren denn die Reaktionen der Delegierten nach dem ersten Autokino-Parteitag?

Begeistert! Am Anfang gab es zwei Lager. Die einen haben gesagt: Coole Idee! Lasst uns das ausprobieren! Die anderen haben gezweifelt, ob das alles so klappt. Am Ende waren alle geeint und haben gesagt: Danke, dass ihr das ermöglicht habt! Denn es gab einige, die sich bei einem regulären Parteitag etwas unwohl gefühlt hätten.

Parteitag im Autokino – ist das jetzt ein Modell für die Zukunft?

Nein, wir hoffen, dass wir die kommenden Parteitage wieder wie gewohnt abhalten können. Das ist insgesamt angenehmer und auch weniger Aufwand, aber ich hatte innerhalb von NRW schoneinige Anfragen von Genossen, die sich nach unserem Konzept erkundigt haben.

Mit welchen weiteren Innovationen ist denn im Kommunalwahlkampf zu rechnen?

Lasst euch mal überraschen! Wir überlegen gerade vor allem, wie wir in Zeiten von Corona hergebrachte Ideen mit mehr Abstand verwirklichen können. Dafür versuchen wir Formate zu entwickeln, beispielsweise für den Straßenwahlkampf. Da ist eine Idee, den Leuten die Flyer nicht in die Hand zu drücken, sondern sie auf eine Wäscheleine zu hängen, von der sie sich dann einen nehmen können. Zum Muttertag haben wir kleine Blumentöpfe mit SPD-Fähnchen zum Verschenken auf einen Tisch gestellt statt Rosen zu verteilen. Der klassische Haustürwahlkampf ist ohnehin immer auch mit ausreichend Abstand möglich.

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Kommentare

Symptomatisches Bild

Das Foto für diesen Beitrag erscheint mir symtomatisch zu sein für unsere SPD, die an Beharrungskräften des Antiquierten nicht nur aus NRW scheitert.
Wir sehen hier das goldene Kalb "Individualauto", das mit all seiner lebensfeindlichen Infrastruktur einer nachhaltigen Mobilitäts- und Lebenswende im Wege steht.
Wir sehen wie mal wieder wie verzweifelte SPD-Marketing-Leute auf längst todgerittene Pferde setzen (Konzerte mit "Autopublikum" zeigten Musikern und Zuhörern allenfalls das darin nicht die Zukunft liegen kann und die Notlösung mehr als dürftig ist !).
Mir legt es nur den Schluss Nahe dass in Dortmund ein digitaler Parteitag im Netz gescheut wurde, warum auch immer. Da hätte unsere SPD mal ihre Digitalkompetenz beweisen können. Mit abgestandenen Gags und "falschen" Bildern kommen wir nicht aus dem Tal der Tränen.

Autismus statt Sozialismus?

Vor wenigen Wochen hätte ich diesen Parteitag für die Aktion irgendeines Zentrums für angewandte Schönheit in der Sozialdemokratie gehalten, mit dem die Aktivisten den Wahnsinn des autistischen Spätkapitalismus geißeln und den Übergang desselben in den seine autokratisch-digitale Form vorwegnehmen wollten, indem sie vor dem Auge des Betrachters eine Flotte selbst fahrender, aber menschenleerer Kraftfahrzeuge aufziehen ließen.
Außerdem scheint das Detail der Wäscheleine als vorindustrielles Relikt einer effektiven Nutzung von Sonnenenergie die perfekte Illustration der Wasserstoffstrategie in Zeiten anachronistischer Wachstumsfixierung zu sein.
Haben wir es doch mit einer Satire zu tun?

warum, in Gottes Namen,

werden nicht die Zulassungskennzeichen der PKW verpixelt? So ist es ein leichtes, die Personen zu identifizieren, auch noch in Verbindung mit Ihrem Abstimmungsverhalten.

Da regiert die Einfalt, so scheint es mir ....