Interview mit Jörg Asmussen

„Papa, Du brauchst gar nicht mehr anzurufen“

Marisa Strobel18. März 2015
Knapp zwei Jahre lang war Jörg Asmussen Direktor der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main. Ende 2013 dann die überraschende Nachricht: Asmussen gibt seinen Posten auf, wechselt als Staatssekretär ins Bundesarbeitsministerium. Seiner Kinder wegen.

Herr Asmussen, Sie haben zwei Töchter im Grundschulalter. Ihre Partnerin arbeitet wie Sie Vollzeit. Wie gut lassen sich Karriere und Familie wirklich miteinander vereinbaren?

Es erfordert schon einen hohen Organisationsaufwand. Und es gelingt nur, wenn man andere Sachen zurückstellt. Für meine Partnerin und mich gilt: Neben Arbeit und Kindern bleibt kaum Zeit für anderes. Wir bemühen uns, dass abends immer einer von uns beiden zuhause ist. Das kann aber bedeuten, dass wir uns die ganze Woche abends nicht sehen.

Sie hatten in Frankfurt am Main einen der wichtigsten Posten der Finanzwelt inne. Der Wechsel nach Berlin hat viele überrascht. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ich bin damals von Berlin aus nach Frankfurt gependelt. Hinzu kamen die Dienstreisen, da war ich schnell mal vierzehn Tage lang nicht zuhause. Das hat mit meinen Kindern, die damals sehr viel kleiner waren, überhaupt nicht funktioniert. Auch wenn ich regelmäßig mit meinen Töchtern telefoniert habe, war ich aus den täglichen Zusammenhängen einfach raus. Im Sommer 2013 sagte dann die Kleine zu mir: „Papa, du brauchst gar nicht mehr anzurufen. Wenn du was willst, komm her.“ Das war für uns der Auslöser, dass wir uns zusammengesetzt und nach einer Lösung gesucht haben.

Wie hat sich Ihr Familienalltag durch den Umzug verändert?

Ich habe den Job bei der EZB sehr gemocht, aber das Gesamtpaket ist heute besser. Ich arbeite immer noch viel, bin aber in den täglichen Lebensabläufen mehr drin. Wenn ich nicht auf Reisen bin, verbringe ich morgens mit meinen Töchtern anderthalb Stunden und bringe sie in die Schule. Dadurch erfahre ich, was sie bewegt. Das ist ein Riesengewinn.

Im Alltag unterstützt Sie eine Kinderfrau. Wäre es ohne überhaupt möglich, Ihre Karrieren so zu verfolgen, wie Sie es vor Ihren Kindern getan haben?

Nein. Das muss man ganz klar so sagen.

Nun kann sich eine Kinderfrau nicht jeder leisten.

Deshalb müssen wir öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen weiter ausbauen, vor allem die Öffnungszeiten. Das Gleiche gilt für den Schulhort.

Sie waren nicht in Elternzeit. Die meisten Männer in Deutschland nehmen, wenn überhaupt, nur zwei Monate. Woran liegt die Zurückhaltung?

Ich muss gestehen, wir haben damals nicht darüber nachgedacht. Das mag jetzt komisch klingen. Heute sehe ich das anders. Ich glaube schon, dass die Elternzeit ein engeres Verhältnis zwischen Eltern und Kind schafft. Viele Männer fürchten aber nach wie vor einen Karriereknick. Mein Eindruck ist, dass sich das schrittweise ändert.

Sie haben unter den Bundesfinanzministern Eichel, Steinbrück und Schäuble gearbeitet. Jetzt sind Sie im Arbeitsministerium Andrea Nahles unterstellt, selbst Mutter einer kleinen Tochter. Merken Sie einen Unterschied?

Die Kinder der Minister, mit denen ich früher gearbeitet hatte, waren bereits groß. Das war kein Tagesthema mehr. Das ist jetzt anders. Dadurch, dass die Ministerin pendelt, ist sie zwar unter der Woche sehr gut verfügbar, aber es ist ihr wichtig, das Wochenende bei ihrer Tochter zu verbringen. Umgekehrt hat sie auch viel Verständnis, wenn jemand sagt: Ich mache ungern einen Termin vor acht Uhr morgens, weil ich die Kinder in die Schule bringen möchte. Insgesamt ist der Politikbetrieb aber sehr familienunfreundlich. Vieles findet einfach abends statt.

SPD-Chef Sigmar Gabriel trat seinen Posten als Bundeswirtschaftsminister mit dem Vorsatz an, seine Tochter mittwochs von der Kita abholen zu wollen, und holte sich prompt eine Dienstaufsichtsbeschwerde ein. Wie weit ist der Weg in der Politik noch bis zur Familienarbeitszeit?

Diese Aufsichtsbeschwerde ist ein Unding. Aber das ist eben der Punkt: Wir können Kulturwandel nicht per Gesetz verordnen. Wir können Gesetze machen, wir können eine Infrastruktur für Kinderbetreuung schaffen. Aber wie die Menschen dazu gedanklich stehen, das können wir nicht festlegen. Deshalb ist es gut, dass Sigmar Gabriel das vorlebt. Dass das schwierig für jemanden ist, der Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister ist, ist klar. Aber allein der Versuch zeigt bereits, dass das Thema ‚Vereinbarkeit von Familie und Beruf‘ genau zur Hälfte ein Männerthema ist.

Zeitgemäße Familienpolitik

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Kinder als Konsumgut der Eltern

Es gehört wohl zum heutigen Selbstverständnis, die Bedürfnisse der Kinder den eigenen unterzuordnen. Statt familiäre Arbeitsteilung zu betreiben und den Kindern ein stressfreies Umfeld für die optimale Entwicklung zu bieten, muss jeder Elternteil das gleiche machen, um seine Kinder vermeintlich angemessen erleben zu können oder sein geringes Selbstwertgefühl zu pampern. Den Kindern bringt dieser elterliche Egotrip rein gar nichts.

Es geht doch gar nicht um die Familie

Es geht doch nur darum, den Verlust von "Ressourcen" zu minimieren. Familien- wie auch Bildungspolitik werden doch gemacht, um den Bedarf der Wirtschaft an Arbeitern und Angestellten zu befriedigen. Im Mittelpunkt der Familienpolitik steht ausschliesslich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies hat auch gesellschaftliche Auswirkungen. Familie die sich, wie wir, dafür entschieden haben, dass ein Elternteil zu Hause bleibt, werden doch gesellschaftlich gar nicht mehr anerkannt. Wie oft haben wir uns schon anhören müssen, dass wir damit ein Opfer bringen. Der Gedanke an das Kindeswohl ist unserer Gesselschaft und der Politik längst abhanden gekommen. Auch die Bildungspolitik geht in diese Richtung. Sie dient ausschliesslich dazu Kinder frühzeitig auf Leistung zu trimmen. Arme Welt in der wir leben.