Zwischen Frust und Bangen

Open Flair in Eschwege: Hoffnung auf einen Festival-Sommer bleibt

Benedikt Dittrich10. Mai 2021
Am liebsten würde Alexander Feiertag wieder ein „richtiges“ Festival feiern in Eschwege – wenn die Situation es zulässt.
Am liebsten würde Alexander Feiertag wieder ein „richtiges“ Festival feiern in Eschwege – wenn die Situation es zulässt.
„Hurricane“ und „Rock am Ring“ sind bereits abgesagt, im hessischen Eschwege hofft man noch auf einen Festival-Sommer. Auch, weil das „Open Flair“ mehr als eine Einnahmequelle ist, sagt Veranstalter Alexander Feiertag. Es bringt Menschen zusammen.

Als im Februar große Musik-Festivals wie „Rock am Ring“ oder das „Hurricane“ in Deutschland bereits abgesagt wurden, hielten sich die Veranstalter*innen einiger kleinerer Festivals noch zurück. So auch Alexander ­Feiertag vom „Open Flair“, das jährlich rund 25.000 Musikfans in die kleine Stadt Eschwege zieht, die gerade mal 20.000 Einwohner hat. Feiertag setzt auf das Prinzip Hoffnung. Denn für die hessische Kleinstadt – einen Steinwurf vom Bundesland Thüringen entfernt – ist das Festival viel mehr als eine Einnahmequelle.

„Der soziale Kitt geht verloren“, sagt Feiertag, „es liegt alles brach“. Feiertag ist nicht nur Geschäftsführer des „Arbeitskreises Open Flair“ sondern auch Vorsitzender der Kulturfabrik, die als Verein Veranstaltungen in der Stadthalle organisiert und als Dachverein für andere Kulturvereine im Werra-Meißner-Kreis fungiert. „Wir haben Angst, dass uns die Community auf allen Ebenen zerfällt“, beschreibt Feiertag die Entwicklungen, die er seit mehr als einem Jahr Pandemie beobachtet. „Es war ein harter Winter.“

Solidarität in der gesamten Kulturszene

Feiertag ist außerdem noch Orts­vereins-Vorsitzender der SPD in Eschwege, seine Sorge um den Zusammenhalt in der Region kommt also nicht von ungefähr. Worüber er aber genauso berichten kann: Es gibt innerhalb der Szene, die eigentlich sehr vielfältig ist, eine große Solidarität – von Tontechniker*innen bis zu den Musiker*innen. Das gelte für die gesamte Branche. „Wir sitzen ja alle im selben Boot.“ Was dazu führt, dass viel möglich gemacht wurde: von Sitzkonzerten im Freien im vergangenen Sommer bis hin zu Streaming-Konzerten mit Online-­Publikum. „Aber wir müssen dafür kämpfen, dass wir das finanziert bekommen“, so Feiertag – möglich seien viele Formate nur, weil Beteiligte nur einen Teil der Kosten berechneten.

In Eschwege kommt die finanzielle Unterstützung an, auf die die SPD auf Bundesebene immer wieder gedrungen hatte. „Damit halten wir den Kopf über Wasser“, sagt Feiertag, aber für neue Konzepte und Planungen in der Pandemie gehe man in Vorleistung, „das hat alles keine finanzielle Basis“. Direkt beschäftigt der Arbeitskreis zwar nur eine Handvoll Leute, im erweiterten Kreis sind es aber mehr als 100 Menschen, die alles drumherum ­stemmen, vom Ticketshop bis zur Organisation. Während der Festival-Zeit im August kommen sogar mehr als 1500 zum Einsatz, die aufbauen, helfen, unterstützen: vom Campingplatz am Stadtrand bis zum Backstage-Bereich hinter den Bühnen in der Innenstadt. Es sind Helfer*innen aus dem ganzen Bundesgebiet, viele haben Wurzeln in der Region.

„Wir gehen davon aus, dass irgendetwas gehen wird“, blickt Feiertag optimistisch auf den Sommer. Damit sich diese Hoffnung erfüllen kann, formuliert er eine Bitte an die Politik: Hinhören, mit der Szene sprechen. „Das wichtigste wäre, wieder Veranstaltungen zu ermöglichen.“ Dafür müsse man aber jetzt die Voraussetzungen schaffen, fordert er.

SPD fordert Sonderfonds für Kultur

Es ist der Wunsch nach einer Perspektive, der in der SPD bereits aufgegriffen wird: Nachdem Kanzlerkandidat Olaf Scholz im April eine Perspektive für eine Öffnungsstrategie ab Ende Mai gefordert hatte, griff auch die Bundestagsfraktion die Forderungen auf. Martin Rabanus, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, verlangt eine konkrete Öffnungsstrategie für Kultureinrichtungen im Sommer – und verweist dabei ganz explizit auf einen Sonderfonds für Veranstaltungen.

Für einen solchen Fonds hat das Bundesfinanzministerium von Scholz im Nachtragshaushalt bereits 2,5 Milliarden Euro eingeplant. Wie und wo die eingesetzt werden können, ist noch unklar. Aber die Überlegungen der Fraktion gehen in Richtung der Forderung, die auch Alexander Feiertag hat: Es könnten Veranstaltungen finanziell unterstützt werden, die aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen mit weniger Publikum auskommen müssen und sich deswegen eigentlich nicht rechnen.

Für das „Open Flair“ in Eschwege könnte das bedeuten: Wenn schon kein großes Festival mit 25.000 Besucher*innen stattfinden kann, dann doch wenigstens kleinere Konzerte – auf Abstand, im Sitzen – wie beim „Insel-Flair“ im vergangenen Jahr, das der Arbeitskreis anstelle des „großen“ Festivals trotz Corona mit viel Engagement aller veranstalten konnte.

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