Beratung gegen Rechtsextremismus

Online gegen Rechts

Gero Fischer31. August 2010

Der Kampf gegen den Rechtsextremismus wird auf vielen Ebenen geführt, für Betroffene gibt es eine große Zahl an Beratungsangeboten. Die
"Online Beratung gegen Rechtsextremismus" richtet sich jedoch weniger an Aussteiger oder Opfer von rechtsextremer Gewalt,
sondern vor allem an sekundär-Betroffene. "Wir kümmern uns nicht direkt um den rechtsextremen Sohn, sondern zunächst um die oft handlungsunfähige und erschütterte Familie: Mutter oder Vater, je
nachdem, wer sich an uns wendet", sagt Berater Martin Ziegenhagen.

Denn genau diese Gruppe sei es, die bisher kaum zu erreichen war. "Wir wollten ein individuelles Angebot schaffen, mit dem man an diese Leute rankommt." Ein Patentrezept hat dabei auch die
Online-Beratung nicht. Jeder Fall muss individuell betreut werden. "Wir versuchen, die Betroffenen zu begleiten und sie mit beraterischem Handwerkszeug zu einer Lösung zu führen." Schnelle
Erfolge kann Martin Ziegenhagen nicht versprechen: "Es kann sein, dass sich das Problem nicht von heute auf morgen erledigt, sondern in einem langfristigen Prozess."

Anonym und kostenlos

In der Internet-Beratung sieht der Diplompädagoge viele Vorteile: Sie sei anonym, kostenlos und zu jeder Zeit erreichbar. Daneben könnten die Leute ihre Probleme von zu Hause aus ihrem
geschützten Raum mitteilen. Das Angebot zeichnet sich vor allem durch den einfachen Zugang aus. "Die Online-Beratung erreicht genau die Leute, die im Leben nicht zu einer normalen Beratungsstelle
gehen würden."

Das Konzept ist simpel: Hilfesuchende melden sich anonym auf der Homepage der Beratung an und können in einem virtuellen Postkasten eine Nachricht hinterlassen. Das Beratungsteam antwortet
binnen drei Tagen auf eine Anfrage. Neben der Email-Konversation, die am Anfang jeder Beratung steht, bietet das Projekt noch einen Gruppen- und einen Einzelchat an.

Im Gruppenchat treffen sich einmal im Monat Eltern von rechtsextremen Jugendlichen. "Sie haben ein unheimliches Austauschbedürfnis, finden aber niemanden, mit dem sie darüber sprechen
können," sagt Martin Ziegenhagen. Der Chat ist geschlossen, das heißt einen Zugang erhalten nur vom Beraterteam ausgewählte Personen. Es ist kein Chat im klassischen Sinne, sondern eher eine
Beratungsrunde mit Eingangsrunde und einem spezifischen Thema.

Einzelchat für akute Fälle

Zwei Mitarbeiter der Online-Beratung moderieren den Chat. Auf Wunsch der Eltern schalten sie auch mal einen Familientherapeuten oder Aussteiger aus der Szene zu. Auch hier ist die Hürde zur
Beteiligung bewusst niedrig gehalten. "Ein Chat ist ja grundsätzlich etwas Unverbindliches. Man kommt und geht wann man will und kann auch nur zuschauen, ohne mitzureden", sagt Martin
Ziegenhagen.

Bei akuten Fällen bieten die Berater für eine Stunde einen Einzelchat an. Hier erhalten Hilfesuchende eine direkte Beratung, die im Gegensatz zur Email-Beratung nicht zeitversetzt
stattfindet. "Manchmal merken wir in einer Email, dass jemand besonders unter Druck steht und mal eine direkte Konversation braucht."

Rund 500 Beratungen haben die Online-Berater seit dem Start des Projektes im Mai 2008 durchgeführt. Darunter sind Kurzberatungen, die in der Regel ein bis fünf Emails erfordern, aber auch
etliche Langzeitberatungen, in denen Eltern oder Angehörige in ihrem Prozess begleitet werden.

Hier ein Video der Online-Beratung:

Die
Online-Beratung-gegen-Rechtsextremismus ist ein Projekt des Vereins
Gegen Vergessen - für Demokratie e. V.
Derzeit wird es von der Universität Bielefeld
evaluiert.

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