Bundestagswahlkampf

Olaf Scholz in Mecklenburg-Vorpommern: Ausdauer wie ein Boxer

Jonas Jordan03. August 2021
Olaf Scholz steigt in Schwerin gemeinsam mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (r.) in den Boxring.
Olaf Scholz steigt in Schwerin gemeinsam mit Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (r.) in den Boxring.
Am Montag war Olaf Scholz in Mecklenburg-Vorpommern. Kein SPD-Kanzlerkandidat vor ihm habe so viele Wahlkampftermine im Land wahrgenommen, lobt Ministerpräsidentin Manuela Schwesig. Scholz zeigte sich gut gelaunt und kämpferisch.

Olaf Scholz steigt in den Ring, klettert mühelos über die Bänder und läuft auf den amtierenden Vize-Europameister zu. Der SPD-Kanzlerkandidat steht in der Mitte des Ringes, einen roten Boxhandschuh in der Hand. Zu einem Boxkampf kommt es an diesem Montag zwar nicht, doch mit einem Kampf hat sein Besuch im Boxclub „Traktor Schwerin“ dennoch eine Menge zu tun.

Künftige Olympia-Teilnehmer*innen fit machen

Denn der Wahlkampf für die Bundestagswahl am 26. September läuft auf Hochtouren. Keine acht Wochen sind es mehr. Deswegen hat sich Scholz nach Mecklenburg-Vorpommern aufgemacht. Dort ist er gemeinsam mit Manuela Schwesig unterwegs. Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin will ihren Platz in der Schweriner Staatskanzlei ebenfalls Ende September gegen die politische Konkurrenz verteidigen.

Nur wenige Kilometer entfernt vom Schweriner Schloss hat der Box-Club Traktor seine Halle, unweit des Schweriner Sportinternats. Hier am Olympiastützpunkt hoffen sie, ihre Kämpfer*innen fit für eine Olympia-Teilnahme 2024 in Paris zu machen. Seit gut einem Monat haben sie mit Kevin Boakye-Schumann schon mal einen U22-Vizeeuropameister in ihren Reihen, auf den sie mächtig stolz sind. „Ich habe erst Fußball gespielt und kam dann durch einen Freund zum Boxen“, berichtet der Maschinenbau-Student Scholz und Schwesig.

Was Boxen und Wahlkampf gemeinsam haben

Eine Halle weiter berichtet ein Box-Trainer davon, wie er seit elf Jahren Kinder und Jugendliche in sozialen Brennpunkten weg von der Straße und rein in die Boxhalle holt. Nicht alle blieben dem Sport dauerhaft treu. „Aber ich freue mich auch, wenn ich die Jungs auf der Straße sehe und sie mir erzählen, dass sie ihren Schulabschluss gemacht oder ihre Ausbildung beendet haben“, sagt der Trainer. Schwesig erwidert: „Auf jeden Fall! Das ist doch das Wichtigste. Es kann schließlich nicht jeder Weltmeister werden.“

Bundeskanzler kann nach dem 26. September letztlich auch nur eine*r werden. Blickt man auf die aktuellen Beliebtheitswerte, so hat Scholz die besten Chancen. Wohl auch deshalb ist seine Laune prächtig. Er wirkt entspannt, fröhlich und hat Lust auf Wahlkampf. Der Kanzlerkandidat der SPD wagt gar eine Analogie zum Boxen: „Es ist ein toller Sport, der viel Training verlangt und die ganze Ausdauer fordert. Darum geht es auch, wenn man Deutschland regieren will.“

Meeresforschung an der Schule

Ausdauer beweist Scholz in diesen Tagen auf jeden Fall. Am Samstag war er in Vorpommern unterwegs, zwei Tage später ist nun der westliche Teil des Bundeslandes dran. „Kein anderer Kanzlerkandidat vorher hatte so viele Termine in MV“, lobt Schwesig daher mittags beim Besuch in der Hansestadt Rostock. Dort besichtigen die beiden SPD-Spitzenpolitiker*innen, was im Stadtteil Marienehe aus dem früheren Fischereihafen geworden ist. Der Ocean Technology Campus (OTC) ist hier entstanden und bündelt Ideen aus Wissenschaft, Produktion und Dienstleistung im Bereich der Entwicklung und Nutzung von Unterwassertechnologien.

Das fängt bisweilen schon früh an. Die Schüler*innen Hannah Pfeiffer und Hannes Bülow aus der 12. Klasse der Jenaplanschule Rostock stellen ihr „Jugend forscht“-Projekt vor, bei dem es darum geht, wie ein 3D-Drucker zur Unterwasserforschung eingesetzt werden kann. „Maritime Themen sind mehr als nur Schiffe bauen“, erklärt Uwe Freiherr von Lukas, Standortleiter des Fraunhofer-Instituts für Graphische Datenverarbeitung (IGD) in Rostock. Er weist beispielsweise auf Munitionsaltlasten hin, die auf dem Grund der Ostsee liegen und geborgen werden müssen. Auch weil der Sprengstoff zunehmend ausströmt und sich beispielsweise in Muscheln festsetzt. „Wir wollen uns da anbieten und Arbeitsplätze entwickeln“, sagt er.

Kritik an Steuerplänen der Union

Der OTC vereint somit im Grunde drei Themengebiete, die sowohl Schwesig als auch Scholz besonders am Herzen liegen: Soziales, Wirtschaft und Umwelt. Die Ministerpräsidentin betont daher auch mit Blick auf Scholz: „Es ist sonnenklar, dass er der beste Kanzlerkandidat ist. Er hat eine klare Agenda und einen Plan für Deutschland mit dem Dreiklang Wirtschaft, Soziales und Umwelt. Das passt hervorragend zur Politik in MV.“ Zudem müsse ein Bundeskanzler robust sein, über genügend Regierungserfahrung verfügen und einen klaren Kompass besitzen. Scholz sei der einzige der drei Kandidat*innen, der alle drei Punkte vereine.

Entsprechend zuversichtlich ist Schwesig, dass beide am 26. September als Sieger*innen über die Ziellinie laufen. „Wir sind zusammen unterwegs und haben zusammen viel vor“, sagt sie. Olaf Scholz wird bis dahin noch viel unterwegs sein. Denn er betont: „Es ist ganz, ganz wichtig, Gespräche vor Ort zu führen.“

Dass das ankommt, zeigt sich am Abend in Wismar. Dort haben Scholz, Schwesig und der lokale Bundestagsabgeordnete Frank Junge zu einem „Zukunftsgespräch“ in die Markhalle eingeladen und rund 150 Menschen sind gekommen. Sie erleben einen kämpferischen SPD-Kanzlerkandidaten, der besonders die Steuerpläne von CDU und CSU angreift. Sie seien nicht nur „unfinanzierbar“, sondern auch „unmoralisch“, weil sie vor allem Unternehmen und Besserverdienende begünstigten. Das sei mit ihm und der SPD nicht zu machen. Für wen Scholz kämpft, wird an diesem Tag nicht nur im Boxring deutlich.

weiterführender Artikel

Kommentare

Wahl ist noch zu gewinnen

Olaf Scholz leistet insgesamt gute Arbeit, und wir sehen in den Umfragen auch ordentliche Werte für ihn persönlich. Leider zeigen diese Umfragen gleichzeitig schlechtere Werte bei der Frage, welche Kompetenz man der Partei zuschreibt.

Es wurde ein Kandidat aufgestellt, der in der Lage ist, die gesellschaftliche Mitte anzusprechen. Gleichzeitig treten aber Genossen in der Öffentlichkeit in Erscheinung (Esken, Lauterbach etc), die mit ihren Ansichten in keiner Weise mehrheitsfähig sind, und die Partei an den gesellschaftlichen Rand treiben (von dem aus man keine Wahl gewinnen kann).

Die SPD steht in Umfragen nicht wegen der "GroKO" schlecht da, sondern weil sie den Anschluss an die gesellschaftliche Entwicklung und die Ansichten der Mitte der Gesellschaft verloren hat. Wahlen kann man nur gewinnen, wenn man auf der Höhe der Zeit ist (zB 1969, 1972, 1998) oder die Konkurrenz schwach ist (zB 1980, 2002). In diesem Jahr könnte Letzteres zumindest der Fall sein, nur darauf kann man (noch) setzen.

Olaf Scholz

Ich denke die relativ guten Umfragewerte, im Vergleich zur SPD, sind der "Qualität" der Gegenkandidaten Laschet und Baerbock geschuldet. - Wo eben der Einäugige König ist. Ein vernünftiges sozialökologisches Reformprogramm der SPD, das heutige und künftige Probleme meistern könnte, fehlt einfach.