Vor 100 Jahren

Oktoberrevolution: Wie der „Vorwärts“ seine Meinung zu den Bolschewiki änderte

Kai Doering07. November 2017
Oktoberrevolution im November 1917: Die Einstellung der Vorwärts-Redaktion zu den russischen Bolschewiki änderte sich von Ausgabe zu Ausgabe.
Oktoberrevolution im November 1917: Die Einstellung der Vorwärts-Redaktion zu den russischen Bolschewiki änderte sich von Ausgabe zu Ausgabe.
In der Nacht zum 7. November 1917 begann in Sankt Petersburg die russische Oktoberrevolution. Der „Vorwärts“ stand den revolutionären Bolschewiki zunächst eher ablehnend gegenüber. Doch diese Meinung änderte sich schnell.

Euphorie sieht anders aus. „Gewaltsame Umwältzung in Rußland, friedliche in Deutschland, das ist die Signatur des Tages.“ So fasst der „Vorwärts“ am 9. November die Geschehnisse im In- und Ausland unter der Überschrift „Die Revolution der Bolschewiks“ zusammen. „Während in Rußland die Macht der Bolschewiks durchbrach, hat in Deutschland in stillen Verhandlungen das System des Parlamentarismus einen grundsätzlichen Erfolg errungen.“

Revolution in Russland, Regierungsumbildung in Deutschland

Was war passiert? In Russland hatte bereits am 4. November das „Militärrevolutionäre Kommittee“ des Petersburger Sowjets unter der Führung Leo Trotzkis den Befehl über die Garnisonen der Hauptstadt übernommen. Mit dem Sturm auf das Winterpalais durch die Bolschewiki um Trotzki und Lenin hatte in der Nacht zum 7. November ( nach julianischem Kalender zum 25. Oktober) die Oktoberrevolution begonnen.

Im Vergleich dazu kamen die Veränderungen in Deutschland zaghaft daher, hatten jedoch weitreichende Folgen: Am 9. November trat der rechtsgerichtete Vizekanzler des Reichs Karl Helfferich auf Druck der SPD zurück. Die Ernennung seines Nachfolgers „ist von der Sozialdemokratie gewünscht worden, die darin den Anfang zu einer wirklichen Parlamentarisierung des deutschen Regierungssystems erblickt“, wie der „Vorwärts“ betont.

„Vorwärts“: Bolschewiki sind isoliert

Dass die Redaktion (wie wohl auch die SPD) das Vorgehen der Bolschewiki ablehnte, daraus machte sie kaum einen Hehl. „Nach acht Monaten der Herrschaft der Revolution (nach der Februarrevolution und der Absetzung des Zaren im Februar 1917 hatte Alexander Kerenski aus der „Partei der Sozialrevolutionäre“ die Regierung übernommen, Anm. d. Red.) reißt ein Teil der demokratischen Demokratie die Macht an sich, da nach Ansicht dieses Teils alle anderen revolutionären Faktoren der Sache der Revolution untreu geworden seien“, heißt es in einer Analyse unter der Überschrift „Diktatur des Proletariats“. Mit ihren Auffassungen stünden die Bolschewiki nahezu allein. „Der größte Teil des russischen Sozialismus (...) stehen entschieden auf dem Boden der Koalition mit den Bürgerlichen (um Kerenski, Anm. d. Red.).

Einen Tag später hat sich die Einstellung zu den neuen Machthabern in Russland bereits geändert. „Die neue deutsche Regierung ist nicht denkbar ohne die deutsche sozialdemokratische Taktik, so wie die neue russische den bolschewistischen Methoden ihre Entstehung verdankt“, schreibt die „Vorwärts“-Redaktion am 10. November. Unter der Überschrift „Das neue Russland und der Frieden“ stellt sie fest, dass Deutschland und Russland eben grundlegend verschieden seien und deshalb auch andere Wege gewählt werden müssten, um „soziale Umwälzungen“ vorzunehmen. „Es wäre Wahnsinn, die Methoden, die sich uns (in Deutschland, Anm. d. Red.) mehr aufrängen als dass wir sie überlegend gewählt haben, aller Welt als die einzig richtigen empfehlen zu wollen.“

Die Bolschewiki nicht im Stich lassen!

Dennoch lässt die Redaktion keinen Zweifel daran, dass sie Verhältnisse wie in Russland für Deutschland nicht für erstrebenswert hält. „Möge die Regierung Hertling-Kühlmann-Payer-Friedberg Inland und Ausland den Beweis dafür liefern, daß auch eine bürgerliche Regierung für Völkerfrieden und Volksfreiheit etwas Positives zu leisten imstand ist“, formuliert sie ihre Hoffnung. Die Sorge vor einer möglichen von USPD und KPD initiierten Revolution in Deutschland wird hierbei eine Rolle gespielt haben.

In der Sonntagsausgabe des 11. November schwenkt die Redaktion des „Vorwärts“ trotzdem noch weiter auf die Linie der Bolschewiki ein. „Der Petersburger Umsturz kann nur dann auf Erfolg rechnen, wenn er ohne jeden Verzug die von ihm propagierten Forderungen so oder so zur Verwirklichung bringt“, analysiert die Redaktion durchaus wohlwollend. Und sie rudert weiter zurück: „Wenn von uns behauptet wurde, die Bolschewiki und ihr Anhang aus der Partei der Sozialisten-Revolutionäre ständen mit ihren Auffassungen isoliert da, so darf diese Behauptung nicht etwa bedeuten, daß die anderen sozialistischen Parteien und Richtungen die siegreichen Träger der proletarischen Revolution nun im Stiche lassen werden.“

Da die Bolschewiki gesiegt hätten, gehe es nun nur um eines: „Die Revolution muß gerettet werden!“ Dieses Ziel, zeigt sich die „Vorwärts“-Redaktion überzeugt, werde „die streitenden Brüder“ zusammenführen. „Es ist nicht denkbar, daß, während ein zur Macht gelangter Teil des Sozialismus gegen die Mächte der Reaktion und des Zerfalls anzukämpfen hat, die anderen sozialistischen Richtungen ihm in den Rücken fallen.“

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