30. Verhandlungswoche im NSU-Prozess

NSU-Prozess: „Beim besten Willen, das weiß ich nicht“

Thomas Horsmann06. Februar 2014

Wenn Zeugen aus dem Umfeld des NSU-Trios vor Gericht erscheinen, ist große Geduld erforderlich. Denn immer wieder berufen sie sich auf Gedächtnislücken. So auch André K., der den Untergetauchten gefälschte Pässe besorgen sollte.

Dass dieser Prozess ein hartes Stück Arbeit ist und immer wieder große Geduld erfordert, zeigte erneut die Vernehmung von André K.. Er war mit Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben befreundet und galt in den 90er Jahren als einer der führenden Rechtsradikalen in Jena galt. Vor Gericht sollte er nun zum zweiten Mal aussagen. Diesmal ging es um die Zeit nach dem Untertauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe und um gefälschte Pässe, die er den drei  besorgen sollte.

Vor Gericht schilderte K., dass Böhnhardt noch kurz vor seiner Flucht am 26. Januar 1998 mit ihm telefoniert habe, während die Polizei die Wohnung der Familie Böhnhardt durchsuchte. Damals habe er sich mit Böhnhardt getroffen, der ihm erzählt habe, dass er untertauchen wolle. Das war eine Neuigkeit, die bislang noch keiner der Zeugen der Hausdurchsuchung berichtet hatte.

Kontakt über Telefonzellen

Von nun an hielt K. einige Zeit Kontakt mit seinen Freunden. Dabei verabredeten sie sich über „Informationsketten“ zu Telefonaten in Telefonzellen, was sie schon vorher öfter gemacht hätten. Teils habe man auch Dechiffriertabellen benutzt, um die Informationen wo und wann man telefonieren werde, zu verschlüsseln. Vielleicht vier oder fünf Mal habe man so Kontakt aufgenommen. Wie diese Informationsketten funktionierten, was bei den Telefonaten besprochen wurde, daran konnte sich André K. nicht mehr erinnern. „Beim besten Willen, das weiß ich nicht“ – ein Satz den K. immer wieder verwendete, wenn es konkret wurde.

Erinnern konnte er sich jedoch, dass er nie wusste, wo das Trio steckte. Erstaunlich, dass er sich nicht an Geld und Kleidung erinnerte, die ihm Mutter Böhnhardt für die Untergetauchten übergeben haben will. An das Spiel „Pogromy“, das das NSU-Trio gebastelt hatte, kann sich K. erinnern, auch dass er es gespielt und verkauft habe. An den genauen Inhalt des Spiels und was mit dem Geld geschehen ist, jedoch nicht. Genauso unglaubwürdig wirken K.s Angaben zu einer rechtsradikalen Geburtstagszeitung, die bei ihm gefunden wurde. Sie enthielt unter anderem Fotos des NSU-Trios. Für K. alles nur Satire. Was genau in der Geburtstagszeitung stehe, „beim besten Willen …“.

Rohpässe für 1000 Mark

Aus dem Kreis der Helfer des Trios habe er sich bald zurückgezogen, weil zu viele Leute davon gewusst hätten. Anlass war wohl der Versuch, gefälschte Pässe für seine drei Freunde zu besorgen. Er habe jedoch von einem „Typen“ nur „Rohpässe“ bekommen, ohne Fotos oder Namen für 1000 Mark das Stück. Den Kontakt habe Tino Brandt, ein später enttarnter V-Mann des Verfassungsschutzes, hergestellt. Von einem Treffen mit Carsten S. und Wohlleben, wusste K. wieder nichts – „beim besten Willen …“. Damals war S., der zu den Angeklagten zählt, als Helfer des NSU-Trios angeworben worden und hatte im Auftrag Wohllebens die Ceska 83, die spätere Mordwaffe besorgt. Die Vernehmung von André K. wird  in den kommenden Wochen fortgesetzt.

Erneuter Befangenheitsantrag

Ein Aktenordner und seine Aufschrift hatten am Mittwoch für einen weiteren Befangenheitsantrag im NSU-Prozess gesorgt. Diesmal formulierten die Verteidiger von Beate Zschäpe den Antrag, weil Richter Peter Lang, die rechte Hand des Vorsitzenden Manfred Götzl, kurz vor Beginn der Verhandlung einen Aktenordner mit der Aufschrift „HV NSU“ dabei hatte. Das Kürzel „HV“ steht für Hauptverhandlung, „NSU“ für Nationalsozialistischer Untergrund. Das sei eine massive Vorverurteilung seiner Mandantin, sagte Zschäpe-Anwalt Wolfgang Heer. Schließlich müsse erst noch erwiesen werden, dass es den NSU gegeben habe und dass seine Mandantin damit etwas zu tun gehabt habe. Üblicherweise würden die Namen der Angeklagten auf den Aktenordnern verwendet. Richter Lang sei demnach voreingenommen. Die Bundesanwaltschaft widersprach dem Befangenheitsantrag, da NSU ja nur eine zulässige schlagwortartige Verkürzung des Prozessgegenstands sei. Das Gericht will sich bis nächste Woche damit befassen.

Heile Welt in der Polenzstraße

Zu Beginn der 30. Verhandlungswoche hatte das Gericht eine Nachbarin des NSU-Verstecks in der Polenzstraße vernommen. Die Verkäuferin aus Zwickau kannte Beate Zschäpe als „Lisa Dienelt“ und war mit ihr befreundet. Man habe oft zusammengesessen, gegrillt, mit den Kindern gespielt und sich unterhalten, zwei, drei Mal pro Woche. Und auch nach dem Umzug in die Frühlingsstraße habe der Kontakt ein bis zwei Mal pro Woche weiter bestanden. Eine Telefonnummer oder die neue Adresse von „Lisa“ habe sie jedoch nicht gehabt. Wie der Freund von „Lisa“ hieß, mit dem sie zusammenwohnte, habe sie ebenfalls nicht gewusst. Gesehen habe sie ihn auch nur mal kurz. Wie so oft, fällt es auch bei dieser Zeugin schwer zu glauben, dass sie quasi nichts über ihre Freundin „Lisa“ wusste. Ihre politische Überzeugung nannte die Zeugin normal. Gegen Ende der Vernehmung stellte sich jedoch heraus, dass sie und ihr Mann, zumindest von ihren Facebook-Einträgen her, dem rechten Spektrum zuzuordnen sind.

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