Rezension, Markus Heckmann

"NS-Täter und Bürger der Bundesrepublik"

Anton Maegerle28. September 2010

Klopfer, früherer Staatssekretär Martin Bormanns, SS-Gruppenführer und Gestapo-Jurist, war der letzte noch lebende Teilnehmer der berüchtigten Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. 15 der
höchsten Beamten des NS-Regimes berieten damals
die "Endlösung der Judenfrage".
Diesem Todesurteil fielen zwei Drittel aller europäischen Juden zum Opfer.

Der Umgang mit NS-Tätern

Der Historiker Markus Heckmann, selbst in Ulm geboren, hat den Lebensweg der Person Gerhard Klopfer in seinem aus einer Magisterarbeit an der Berliner Humboldt Universität
hervorgegangenen Buch "NS-Täter und Bürger der Bundesrepublik. Das Beispiel des Dr. Gerhard Klopfer" akribisch nachgezeichnet. Er hat dazu Akten der Parteikanzlei der NSDAP ausgewertet, die
Ermittlungsakten der Nürnberger Spruchkammer und der Ulmer

Staatsanwaltschaft eingesehen. Außerdem führte Heckmann Zeitzeugeninterviews.

Dabei ordnet er sein Thema immer wieder in größere Zusammenhänge ein. So verknüpft Heckmann am Beispiel Klopfers die NS-Täterforschung mit der Frage, wie die
bundesrepublikanische Gesellschaft mit ihren NS-Tätern umgegangen ist und vergleicht Klopfers Lebensweg mit den Biographien anderer Spitzenfunktionäre der NS-Zeit, darunter den überlebenden
Teilnehmern der Wannsee-Konferenz. Keiner von ihnen musste sich vor einem bundesdeutschen Gericht verantworten. Daneben erörtert Heckmann die gesetzlichen Grundlagen der Integration ehemaliger
Nationalsozialisten in die bundesdeutsche Gesellschaft.

Braune Karriere

Klopfer machte im Verwaltungsapparat des "Dritten Reiches" schnell Karriere. Als den Nazis 1933 die Macht übertragen wurde und der promovierte Jurist in ihren Dienst trat,
war er 28 Jahre alt. Von April 1935 bis Mai 1945 war Klopfer als Beamter tätig. Seine Karriereleiter führte vom Oberregierungsrat (1936) bis zum Staatssekretär (1942) in der Parteikanzlei der
NSDAP
und parallel dazu innerhalb der SS vom Unterscharführer (1935) bis zum Gruppenführer (1944).

An der Wannsee-Konferenz nahm Klopfer als Staatssekretär der Parteikanzlei der NSDAP teil. Sie war die wichtigste Schaltstelle für alle Bereiche von NS-Politik und NS-Staat,
und damit auch für NS-Verbrechen wie die Judenverfolgung. Klopfers Dienststelle war seit der Verkündigung der "Nürnberger Rassengesetze" in die antijüdische Gesetzgebung eingebunden und trieb, so
Heckmann, mit "Vehemenz und Detailversessenheit die Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben" voran.
Klopfer selbst war an der Ausarbeitung einzelner Gesetzesentwürfe beteiligt. Die Parteikanzlei war unmittelbares Instrument Adolf Hitlers und Ausführungsorgan des "Führerwillens" -
oft in vorauseilendem Gehorsam.

Amnestie für NS-Täter

Als das NS-Reich in Schutt und Asche versank, war Klopfer 40 Jahre alt. Trotz seiner hohen Funktion und seines großen Verantwortungsbereiches wurde er nie zur Rechenschaft
gezogen. Ein Zufall führte ihn und seine Familie nach Ulm. Fünf Jahre später war er entnazifiziert ("Minderbelasteter"). Dieses Urteil ermöglichte Klopfer eine Rückkehr ins bürgerliche Leben.
Eine "offene gesellschaftliche Auseinandersetzung" über die NS-Zeit gab es, stellt Heckmann dar, in den 1950er Jahren nicht. So gelang es ehemaligen NS-Funktionären wie Klopfer, unauffällig ein
neues Leben zu beginnen.

Heckmann weist darauf hin, dass das erste Gesetz, das der Deutsche Bundestag 1949 überhaupt und mit den Stimmen aller Fraktionen verabschiedete, eine Amnestie war. Wer an
Terror-Aktionen der NSDAP, SA oder SS teilgenommen und selbst Delikte wie Totschlag begangen hatte, konnte nach der Verabschiedung des "Gesetzes über die Gewährung von Straffreiheit" damit
rechnen, für seine Taten nicht verfolgt zu werden.

Zweite Karriere

1956, im Alter von 51 Jahren, begann Klopfers zweite Karriere als Anwalt. Ermittlungen auf Verdacht der "Beihilfe zum Mord" wegen seiner Teilnahme an der Wannsee-Konferenz
wurden 1962 von der Ulmer Staatsanwaltschaft eingestellt. Diese Entscheidung, konstatiert Heckmann, sei "im Kontext der bundesrepublikanischen 'Vergangenheitspolitik' als exemplarisch
einzuschätzen." Klopfer genoss bei den Ulmer Juristen einen guten Ruf als "integrer und nobler Rechtsanwalt der alten Schule". Kein Wort des Bedauerns ist von Klopfer über das Leid seiner Opfer
bekannt.

Trotz der Tatsache, dass er "Zeit seines Lebens ein mehr oder weniger nationalsozialistisches Weltbild bewahrt und die geistigen und politischen Grundlagen" der
Bundesrepublik "nur sehr bedingt akzeptiert" hat, wurde er zu seinem 75. Geburtstag 1980 durch eine persönliche Gratulation des baden-württembergischen Justizminister Heinz Eyrich (CDU)
geehrt.

Nach seinem Tod wurde eine breite Öffentlichkeit auf Klopfers NS-Vergangenheit aufmerksam. Grund war die von seinen Angehörigen formulierte Todesanzeige in der Ulmer
Südwest-Presse. Die Zeile darin,
"nach einem erfüllten Leben zum Wohle aller, die in seinem Einfluss waren",
erregte Aufsehen. Der "Schreibtischtäter" Klopfer scheint heute jedoch wieder in Vergessenheit geraten zu sein. So sucht man vergebens seinen Namen im
zweibändigen "Handbuch des Antisemitismus", herausgegeben von Wolfgang Benz im Auftrag des Zentrums für Antisemitismusforschung (Berlin).

Markus Heckmann: "NS-Täter und Bürger der Bundesrepublik. Das Beispiel des Dr. Gerhard Klopfer." Hrsg. von Silvester Lechner und Nicola Wenige, Dokumentationszentrum
oberer Kuhberg Ulm e.V., Verlag Klemm & Oelschläger, Ulm, 2010, 116 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-932577-72-7

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