Gedenktag

NS-Geschichte und Migration: Warum die „Reichspogromnacht“ alle angeht

Hakan Demir09. November 2017
Reichspogromnacht
Erinnerung an die Reichspogromnacht: Unabhängig von der eigenen Familiengeschichte muss die NS-Geschichte Mahnung sein, sagt der Sozialdemokrat Hakan Demir.
Seine Eltern und Großeltern stehen nicht im Verdacht, an Verbrechen der Nazis beteiligt gewesen zu sein. Denn: Hakan Demirs Familie stammt aus der Türkei. Trotzdem versteht er die Pogrome am 9. November 1938 als Teil seiner eigenen Geschichte und Verpflichtung.

„Pass auf, dort verbrennen sie Menschen!“, sagten sie meinem Großvater, als er Ende der 1960er Jahre von der Türkei nach Deutschland aufbrach, um hier Arbeit zu finden. Der Satz war zu jener Zeit zwar nicht mehr gültig, die NS-Herrschaft war schon einige Jahre vorbei. Dennoch war die Ermordung von rund sechs Millionen Juden durch die Nazis noch immer fest in den Köpfen der Menschen verankert. Die mahnenden Worte von Holocaust-Überlebenden wie Viktor Frankl und Max Mannheimer halfen damals, die Erinnerung an die Verbrechen wach zu halten. Heute allerdings leben die meisten von ihnen nicht mehr – das Andenken an die Opfer des Nationalsozialismus droht zu verblassen.

Als Schüler der einzige, der die NS-Verbrechen kennt

Am 9. November 1938 war noch nicht vorhersehbar, welche Ausmaße die 1941 einsetzende Vernichtungspolitik annehmen würde. Dennoch bleibt die sogenannte Reichspogromnacht ein einschneidendes Datum in der deutschen Geschichte: Unzählige Synagogen, Geschäfte und Wohnungen der jüdischen Bevölkerung wurden zerstört, eine unbekannte Zahl von Menschen getötet. Über 30.000 Juden wurden in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen deportiert.

Von alledem erfuhr ich von meiner Tante, als ich in Anfang 1990er Jahren in Krefeld zur Grundschule ging. Damit war ich in meiner Klasse der einzige, der die Grundzüge der NS-Zeit kannte. Mein damaliger Klassenlehrer Herr Partenheimer wunderte sich, warum denn ausgerechnet ein „türkisches Kind“ darüber Bescheid wusste.

Meine Familie hatte damit nichts zu tun

Die Frage nach Schuld und Verantwortung kam für mich erst später. Das kritische Hinterfragen der Rolle meiner Großeltern und Eltern in der NS-Zeit fiel bei mir allerdings völlig weg. Der Grund: Meine Großeltern lebten zu jener Zeit mehr als 3000 Kilometer entfernt in einem anderen Land, meine Eltern waren noch nicht geboren.

Ich könnte es mir also einfach machen und sagen: „Meine Familie und ich haben überhaupt nichts mit diesem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zu tun!“ Doch wie könnte ich das rechtfertigen? Ich bin hier aufgewachsen und ein Teil dieser Gesellschaft. Wie könnte ich also sagen, dass diese Geschichte nicht auch ein Teil meiner Geschichte ist? 

Die Verantwortung ist da, weil ich da bin

Wenn ich heute höre, dass im Berliner Bezirk Neukölln Stolpersteine aus dem Boden gerissen werden, dann macht mich das wütend und fassungslos. Erbärmlich und beschämend ist, dass sie gestohlen wurden, nur um die Erinnerung an die ermordeten Juden zu tilgen.

Doch die Täter werden damit nicht durchkommen. Jedenfalls nicht, solange sich Menschen für eine offene und solidarische Gesellschaft einsetzen. Dass das so bleibt, sehe ich auch als meine persönliche Pflicht und Verantwortung. Diese speisen sich aus der Geschichte unseres Landes. Ich muss diese nicht selbst in Gänze erlebt haben, um mich verantwortlich für Gegenwart und Zukunft zu fühlen. Die Verantwortung ist einfach da, weil ich da bin! Oder wie es einst der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer sagte: „Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“

Hakan Demir

wurde 1984 in der Türkei geboren. Im Rahmen der Familienzusammenführung kam er 1985 gemeinsam mit seiner Mutter nach Deutschland und wuchs in Krefeld am Rhein auf. Der 32-jährige Sozialdemokrat ist studierter Politikwissenschaftler und unter anderem Mitglied im Kreisvorstand der SPD Neukölln.  

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Kommentare

Reichspogromnacht – Erinnerung nach 79 Jahren

Erinnern ist das eine, es bleibt immer die Frage nach dem Wie und dem Narrativ den wir pflegen. Man kann die Geschichte auch anders erzählen, bei den Opfern bleiben. In der Nacht vom 9. auf dem 10.November 1938 eröffneten die Nationalsozialisten und ihre Schlägertrupps den Straßenterror gegen die deutschen Mitbürger jüdischen Glaubens, die ja mit den Nürnberger Rassegesetz von 1935 staatlich legalisiert für vogelfrei erklärt wurden. Es wurden mehr als 1200 Synagogen zerstört, die nach 1945 in Gänze nicht wieder aufgebaut, weder als religiöse Kultusstätte (es fehlten ja die jüdischen Mitbürger), noch als Gedenkstätten (dazu fehlte es den kommunalen Politikern der Wille). Es ist das Eine darüber zu berichten, wie Migranten sich dem deutschen Geschichtsnarrativ stellt, ein anderes ist aber, wie die wohlgesonnen Nachgebornen die Geschichte weiter erzählen. Begreifen wir die verfolgten und ermordeten Mitbürger jüdischen Glaubens als Teil von uns, als aus der Mitte gerissene oder folgen wir unterschwellig dem Narrativ, dass sie eine fremde Minderheit in unseren Reihen gewesen sind. Ich finde nach 80 Jahren sollten wir spätestens unser Narrativ einer kritischen Überprüfung unterziehen.