Studie „More in Common“

Neue Studie: Die Deutschen wollen mehr Zusammenhalt

Lars Haferkamp11. Dezember 2019
Welches Land wünschen sich die Deutschen? – Eine neue Studie gibt Auskunft. Im Bild die politischen Wahrzeichen der Hauptstadt Berlin: Brandenburger Tor, Kanzleramt und Reichstag.
Welches Land wünschen sich die Deutschen? – Eine neue Studie gibt Auskunft. Im Bild die politischen Wahrzeichen der Hauptstadt Berlin: Brandenburger Tor, Kanzleramt und Reichstag.
Eine große Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich mehr Konsens in der Gesellschaft. Zugleich ist eine Mehrheit unzufrieden mit dem Zustand der Demokratie im Land. Für die SPD wichtig: Gerechtigkeitsfragen haben bei den Deutschen Priorität.

In Deutschland gibt es ein großes Bedürfnis nach gesellschaftlichem Zusammenhalt. Das zeigt eine Studie der Initiative „More in Common“ mit dem Namen „Die andere deutsche Teilung“. Die Wissenschaftler haben im Jahr 2019 über 4.000 nach repräsentativen Kriterien ausgewählte Menschen befragt.

Wir sitzen alle im selben Boot

Danach sagen 70 Prozent „für die Zukunft unseres Landes ist es wichtig, dass wir trotz unterschiedlicher Ansichten zusammenhalten“. 69 Prozent sind der Auffassung, „im Grunde haben die allermeisten Menschen gute Absichten, trotz unterschiedlicher Überzeugungen, Kulturen, Religionen“. 58 Prozent denken, „wir in Deutschland sitzen alle im selben Boot“.

Zugleich zeigt die Befragung eine hohe Unzufriedenheit mit dem politischen System. So haben 82 Prozent den Eindruck, politisch kein Gehör zu finden. 70 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass sich das Land in die falsche Richtung bewegt. 52 Prozent sind unzufrieden damit, wie die Demokratie in der Bundesrepublik funktioniert. Auch findet eine Mehrheit, dass sich die gesellschaftliche Lage in den letzten fünf Jahren verschlechtert hat. Nur fünf Prozent erwarten dagegen, dass sie sich in den kommenden Jahren verbessern wird.

„Das sollte Politik aufhorchen lassen“

Dass die Politik „derzeit die wichtigen Themen in Deutschland entschieden angeht“, finden lediglich 24 Prozent der Befragten. 65 Prozent sagen, „dass bei ihnen nicht genug vom wirtschaftlichen Erfolg ankommt“ – und das nach gut zehn Jahren wirtschaftlichem Aufschwung. „Das sollte Politik aufhorchen lassen“, so die Autoren der Studie.

Handlungsbedarf sehen die Befragten – und das ist für die SPD und ihre programmatische Ausrichtung von Bedeutung – besonders in Gerechtigkeitsfragen. So fordern 62 Prozent, „dass jeder von seiner Arbeit leben kann“, 51 Prozent, „dass jeder im Alter gut abgesichert ist“. 38 Prozent wollen, „dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht zu groß werden“. Gefragt nach den Eigenschaften eines idealen Deutschlands wünschen sich 48 Prozent das Land demokratisch, 45 Prozent sicher und 44 Prozent gerecht.

Zusammenhalt bedeutet Konfliktfähigkeit

„Es ist wichtig, die gemeinsamen Grundlagen unserer Gesellschaft wieder zu stärken und die in Teilen durchaus intakte Substanz des Miteinanders aktiv zu bewahren“, lautet eine Schlussfolgerung der Wissenschaftler. Zusammenhalt sei nicht nur wichtig für das gesellschaftliche Miteinander, sondern letztlich auch zentral für das Gelingen liberaler Demokratie. Eine Gesellschaft, in der „Wir gegen die“ gelte, sei nicht nur anfälliger für Spaltung, sondern auch nicht in der Lage, die großen Herausforderungen der Zeit anzugehen und zu bewältigen – von der Klimapolitik über die Migration bis zu fundamentalen Gerechtigkeitsfragen. „Zusammenhalt bedeutet auch Konfliktfähigkeit“, so die Autoren.

Handlungsbedarf sehen sie vor allem in folgenden Feldern: „Wir sollten es wagen, Gesellschaft anhand neuer Kategorien zu betrachten.“ Die weitverbreitete Intuition, wonach das Land sich vor allem in Ost und West, Alt und Jung oder Links und Rechts spalte, bringe die Bundesrepublik langfristig nicht weiter. „Stattdessen sollten wir miteinander darüber diskutieren, welche Werte uns wichtig sind, welches Land wir uns eigentlich wünschen – und worauf wir uns dabei gemeinsam verständigen können.“ Dafür sei ein demokratisches Gemeinwesen schließlich da.

Das „unsichtbare Drittel“ besser einbinden

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung sei die „bessere Einbindung“ des von den Autoren identifizierten „unsichtbaren Drittels“ der Gesellschaft, das sich in den demokratischen Diskurs nicht einbringt. „Politik und Zivilgesellschaft müssen sich für die Lebens- und Erfahrungswelt dieser Menschen öffnen und ihnen kommunikativ und inhaltlich Angebote machen“, empfehlen die Autoren von „More in Common“.

Außerdem sei ein „erneuertes Vertrauensverhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Institutionen“ nötig. Zu viele Menschen seien der Ansicht, dass sich die zuständigen Akteure weder für sie noch für die großen Zukunftsfragen des interessieren. „Hier Vertrauen zurückzugewinnen, ist eine wichtige Gestaltungsaufgabe für politische Verantwortungsträger, gesellschaftliche Institutionen und für die Medien.“ 

Für eine geeinte und widerstandsfähige Gesellschaft

„More in Common“ ist eine internationale Initiative, die sich dem Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt verpflichtet hat. Die Wissenschaftler werden geleitet von der Vision einer Gesellschaft, die „geeint und widerstandsfähig“ auf Veränderungen reagiert und die „Polarisierung entschieden entgegentritt“. Um diesem Ziel näher zu kommen, wollen die Wissenschaftler von „More in Common“ besser verstehen, was die Menschen derzeit auseinandertreibt und was sie verbindet. Hierzu veröffentlichen sie Forschungsergebnisse, wie jüngst die Studie „Die andere deutsche Teilung“.

 

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Kommentare

Was den Zusammenhalt gefährdet:

Die Politik der "schwarzen Null" wie sie der noch amtierende Bundesfinanzminister und Wahlverlierer der SPD-Vorsitz-Stichwahl Olaf Scholz noch immer vertritt, hat zusammen mit dem unzureichenden regionalen Finanzausgleich zu unfassbaren Defiziten insbesondere beim Personalbestand in gesellschaftlich existentiell wichtigen Bereichen von Bildung, Präventionsarbeit, Pflege bis zu Polizei und Justiz geführt. Tatsächlich und gefühlt rechtsfreie Räume sind die Folge, genauso wie Lehrer/innen die körperlichen Angriffen aus der Schüler-, Elternschaft und schulfremden Personen ausgesetzt sind ! Präventions und Sozialarbeit bleibt vielerorts nur ein leeres Versprechen mit katastrophalen Folgen! Dringend benötigte Räumlichkeiten für Integrationsarbeit, Bürger- und Jugendhäuser können selbst dann nicht realisiert werden wenn die Bürger/innen in hohen Maße schon selbst aktiv wurden und zu bürgerlicher "Eigenleistung" bereit sind, weil Verwaltungen sogar das Personal zur Beantragung dafür vorgesehener Fördermittel fehlt! Fördermittel verfallen auch, weil klamme Kommunen die Mittel für den notwendigen Eigenanteil nicht bereitstellen wollen oder können ! So fährt uns.Gesellschaft geg. die Wand !