Rassismus im Fußball

Warum sich Neonazis wieder in Fußballstadien breit machen

Torsten Schmidt06. Juni 2016
Wie viel Gauland steckt im deutschen Fußball? Mehr als uns allen lieb sein dürfte. Rassismus ist noch immer ein großes Problem in den Stadien. Eine Gegenrede zum Artikel von Christoph Ruf

Niemand möchte Boatengs Nachbar sein? Die Äußerungen des führenden AfD-Politikers Alexander Gauland sorgten im ganzen Land für Empörung. Über Parteien hinweg bekundete man einhellig, wie sehr das Gegenteil der Wahrheit entspräche. Und auch der Deutsche Fußball stellte sich im Jahr der Europameisterschaft geschlossen hinter Jérôme Boateng. Doch wie rosig ist die Welt des Fußballs beim Thema Rassismus? In Wahrheit liegt noch sehr viel Arbeit vor uns.

Rassismus zwischen Rhein und Ruhr

Gern wird aus Deutschland mit dem Zeigefinger auf die Italiener gezeigt. Insbesondere die Fans von Lazio Rom sorgen regelmäßig für Aufsehen mit ihren rassistischen Eskapaden. Zuletzt mit Affenlauten gegen einige Profis von Bayer Leverkusen  in der Champions League.

Aber auch der deutsche Fußball hat trotz all der Verbesserungen seit den 90er Jahren immer noch ein Problem mit Rassismus, Sexismus und Homophobie. Nicht nur im Osten, oder den unterklassigen Ligen, sondern gerade auch in Nordrhein-Westfalen. Das Bündnis „Netz gegen Nazis“ zählte 2013 gut ein Drittel der Vorfälle zwischen Rhein und Ruhr.

Die „Ultras“ sehen sich als unpolitisch

Die meisten Vertreter der Ultra-Szene sehen sich und ihre Kurve als streng unpolitisch. Die „Schickeria“ des FC Bayern ist dabei eine positive Ausnahme, die sich regelmäßig klar gegen Rassismus und Antisemitismus stellt. In vielen anderen Kurven jedoch wird selbst ein Bekenntnis gegen Fremdenhass als zu politisch gesehen.

„Refugees Welcome“ Banner sind eher die Ausnahme als die Regel. Und wenn man die Haupttribüne mal verlässt, gehört schon etwas Mut dazu, sich mit seinem T-Shirt gegen Homophobie oder Rassismus zu wenden. Die Worte „Neger“ und „Schwuchtel“ sind immer noch präsent in den Kurven und den Köpfen einiger Fußballfans, die damit auch nur die Realitäten der gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln.

Wenn Hooligans gegen Ultras kämpfen

Die Vereine reagieren darauf sehr unterschiedlich. Borussia Dortmund hat nach einigem Zögern nun sehr entschlossen den Kampf gegen Rechts aufgenommen. Die Stadt hat hier ein riesiges Problem. Aber viele Vereine ignorieren die Entwicklungen nach wie vor.

Die Ultras Braunschweig etwa wurden beim Auswärtsspiel in Mönchengladbach von eigenen rechten Eintracht-Hooligans im Gästeblock angegriffen. Nur Sicherheitskräfte konnten schlimmeres verhindern. Und was macht der Verein? Eintracht Braunschweig bekannte sich in einem Presse-Statement gegen Rassismus und warf im gleichen Atemzug die angegriffenen Ultras aus dem Stadion. Über Sanktionen gegen die rechten Schläger jedoch wurde nichts bekannt. Kein Einzelfall.

Wie glaubwürdig ist das Engagement des DFB?

In Aachen überfiel im Jahr 2012 die rechtsgerichtete „Karlsbande“ mit Eisenstangen und Flaschen die Aachener Ultras, die sich gegen Rassismus engagierten. Kurzzeitig entzog man zwar der „Karlsbande“ Privilegien im Stadion, jedoch nur um sie wenig später wieder zuzugestehen. Da sich die Bedrohungslage für die Ultras nicht änderte, mieden diese in Folge das Stadion und sogar das innerstädtischen Kneipenviertel. Der Verein hingegen fiel nur noch damit auf, dass seine Ordner es untersagten ein Banner mit der Aufschrift „Kein Bock auf Nazis“ ins Stadion zu nehmen.

Und was macht der Deuchte Fußballbund? Zugegeben, hat sich unter Präsident Theo Zwanziger viel getan. Seit einiger Zeit wendet sich der DFB in Kampagnen und Filmen gegen Fremdenhass und für Toleranz. Aber wie glaubwürdig ist das Engagement? Der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel hat sich zwar klar gegen die Äußerungen von Alexander Gauland gestellt, aber lässt trotzdem noch vor jedem Testspiel in einem deutschen Stadion die Antirassismus-Plakate der heimischen Fans verbannen.

Die Ultras sind gefordert

Als man etwa am Millerntor, dem Stadion des FC St. Pauli, trainierte, ließ der DFB die Beschriftung der Gegengerade „Kein Fußball den Faschisten“ überdecken, um es frei von politischen Äußerungen zu machen, wie der Verband mitteilte. Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

Vieles ist besser geworden seit den 90er Jahren. Aber genau das Ausruhen auf dieser Tatsache hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass es sich Neonazis wieder bequem machten in deutschen Fußballstadien und diese als ihre Bühne nutzten. Deshalb sind alle gleichermaßen gefordert. Der DFB, die Vereine, aber auch wir Fans. Wollen die Ultras ihre Kurve wirklich so angeblich unpolitisch haben, müssen auch sie Sorge dafür tragen, dass keine Nazis neben ihnen Platz finden.

Den Artikel „So setzen sich Fußballfans gegen Rassismus ein“, der den Autor zum Widerspruch animierte, lesen Sie hier.

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