Vor 35 Jahren

Nato-Nachrüstung: Als die Atomraketen kamen und die Westdeutschen Nein sagten

Renate Faerber-Husemann10. Juni 2017
Friedensdemonstration in Bonn
Friedensdemonstration in Bonn: Am 10. Juni 1982 gingen in der damaligen Bundeshauptstadt über 500.000 Bürger auf die Straße.
Am 10. Juni 1982 demonstrierten in Bonn rund 500.000 Menschen gegen die Stationierung von US-Raketen in Westdeutschland und gegen US-Präsident Ronald Reagan. Die Nato-Nachrüstung spaltete das Land. Und die SPD. Die Wunden sind noch heute spürbar.

„German Angst“, spotteten die US-Amerikaner, weil bis zu 70 Prozent der Westdeutschen Atomwaffen auf ihrem Territorium entschieden ablehnten. Es blieb nicht bei passiver Ablehnung. Millionen Menschen wurden aktiv in der Friedensbewegung, die sich Anfang der 1980er Jahre gebildet hatte.

Nato-Nachrüstung und Angst vor dem Atomkrieg

Es ist den Jüngeren heute nur schwer zu erklären, welche Stimmung von Ende der 70er Jahre bis zum beginnenden Abbau der Raketen ab 1987 herrschte: Das geteilte Deutschland  fühlte sich sowohl von den russischen SS 20 als auch von den amerikanischen Pershing-Raketen bedroht. Beide Seiten sprachen von „Nachrüstung“ im bald darauf zu Ende gehenden kalten Krieg – und dazwischen saß eine Bevölkerung, die fürchtete, ein Atomkrieg könnte jedes Leben in Mitteleuropa für alle Zeiten  auslöschen.

Anders als in früheren Jahren führte die Angst vor allem vor einem „Atomkrieg aus Versehen“ nicht zu Apathie oder Hysterie, sondern zu entschlossenen Protesten von Millionen Menschen in der Bundesrepublik und Westeuropa. Angeführt wurden die Proteste von Kirchen, Gewerkschaften, SPD, Grünen und zahllosen Gruppierungen junger Menschen. Für die SPD wurde der Widerstand zu einer Zerreißprobe und manche Wunden schienen jahrzehntelang nicht heilen zu können. Denn Bundeskanzler Helmut Schmidt stand für den Nato-Doppelbeschluss und die Stationierung der Raketen, der Parteivorsitzende Willy Brandt und die Mehrheit der SPD waren dagegen. Willy Brandt fürchtete wohl um seine Entspannungspolitik und verstand die Ängste in der Bevölkerung, die nicht zum Spielball der beiden Großmächte werden wollte.

Nein zu US-Präsident Ronald Reagan in Bonn

Häufig wird der Beginn dieser machtvollen und letzten Endes erfolgreichen Friedensbewegung auf den 10. Juni 1982 in Bonn datiert, obwohl es auch zuvor schon eindrucksvolle Protestdemonstrationen in Bonn und im westlichen Ausland gegeben hatte. An diesem Tag aber war der amerikanische Präsident Ronald Reagan zu einem Nato-Gipfeltreffen in Bonn. Dort wurden die Weichen für die Aufstellung von Atomraketen in Süddeutschland gestellt – eine Antwort auf die SS 20-Raketen in der DDR.

Auf den Rheinwiesen in Bonn-Beuel demonstrierte eine halbe Million Menschen. Vier Millionen Menschen hatten den sogenannten „Krefelder Appell“ zur Verhinderung der Stationierung unterschrieben. Sie wurden damals diskriminiert als unpolitische Dummköpfe, die den Kommunisten auf den Leim gegangen seien.

„Aufstehen! Für den Frieden!“

Namhafte Künstler, Wissenschaftler, Politiker, Kirchenleute stellten sich an jenem 10. Juni vor 35 Jahren auf die Seite der Demonstranten. Plakate, die zur Teilnahme aufgerufen hatten, zeigten eine ältere Frau, die mit ihren Stöckelschuhen gegen eine bedrohliche schwarze Bombe trat.

Das Motto der Veranstaltung war: „Aufstehen! Für den Frieden!“ Bei der Kundgebung sang Joseph Beuys  das von ihm gedichtete Lied „Auf Sonne folgt Reagan“. Es traten, wie auch bei früheren und späteren Demonstrationen bekannte Bands auf, darunter BAP mit dem Lied „Zehnter Juni“. Und die damals sehr prominente feministische Theologin Dorothee Sölle sagte an die Adresse Helmut Schmidts gerichtet: „Wir haben eine andere Idee von der Bergpredigt, Herr Bundeskanzler!“

Erhard Eppler als Hauptredner

Bonn hatte an diesem Tag eine logistische Meisterleistung zu vollbringen. Der größte Teil der Stadt war eine einzige Bannmeile wegen des Nato-Treffens. Auf der anderen Seite des Rheins demonstrierten wohl um die 500.000 Menschen, die mit Bussen, Bahnen und Privatautos gekommen waren und zu den Rheinwiesen strebten. Alles blieb friedlich, wie schon ein Jahr zuvor bei einer Demonstration von rund 100.000 Menschen auf der Hofgartenwiese vor der Universität mit dem Hauptredner Erhard Eppler.

Ein Jahr später versammelten sich dort noch einmal etwa 300.000 Teilnehmer. Und im Oktober 1983 gab es überall im Land Menschenketten gegen die Stationierung der Pershing-Langstreckenraketen, zum Beispiel eine von Ulm bis Stuttgart mit 1,3 Millionen Menschen jeden Alters und aus allen Gesellschaftsschichten. Häufig sah man auf den Fotos von damals Großeltern mit entschlossenen Gesichtern, die ihre kleinen Enkel an der Hand hielten.

Zahlreiche Prominente demonstrieren und blockieren

Dennoch begann Ende 1983 die Stationierung der Pershings in der Nähe des kleinen Dorfes Mutlangen in Baden-Württemberg. Noch einmal gab es wütende Proteste, ein  Friedenscamp wurde eingerichtet und westdeutsche Prominenz aus vielen Bereichen blockierte das Raketendepot und ließ sich dort von Polizisten von der Zufahrt zu den Kasernen tragen. Neben vielen anderen waren das Ehepaar Eppler, Otto Schily, Walter Jens, Heinrich Böll, Uta Ranke-Heinemann, die Tochter des früheren Bundespräsidenten dabei. Sie machten sich dort bewusst zu „Straftätern“.

Ab 1987 – in Moskau regierte Michael Gorbatschow – wurden die Atomraketen von Mutlangen wieder abgebaut.  Ein Happyend am Rande: Die vielen prominenten Straßenblockierer waren zu teils heftigen Strafen verurteilt worden. Das Bundesverfassungsgericht hat später alle Urteile wieder kassiert. Das Land aber hatte sich in diesem Jahrzehnt des Raketenstreites unwiderruflich verändert, die Demokratie wurde nun selbstbewusst gelebt.

Die SPD zwischen Eppler und Schmidt

Die Wunden in der SPD aber blieben. Vor ein paar Jahren hat Erhard Eppler nach einem versöhnlichen Schlusspunkt gesucht: „Weltgeschichte findet nicht statt, damit nachher jemand sagen kann, ich habe recht gehabt. Heute denke ich, diese Nachrüstung war a) nicht so gefährlich, wie ich gemeint habe und b) sicher nicht so notwendig, wie Helmut Schmidt gemeint hat.“

 

 

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