Filmtipp

„Namrud“: Freche Songs gegen Betonköpfe

Nils Michaelis18. Mai 2018
Namrud
Jowan Safadi kämpft gegen vielerlei Barrieren.
Mit provokanten Liedern über den Krisenherd Nahost hat sich der israelische Musiker Jowan Safadi einen Namen gemacht. Der Dokumentarfilm „Namrud“ zeichnet ein intimes Bild von einem Idealisten zwischen allen Stühlen.

„Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh' doch rüber nach Gaza“. Solche Sätze von aufgebrachten Menschen, wie hier bei einer propalästinsischen Veranstaltung irgendwo in Israel, sind für Safadi längst zur Gewohnheit geworden. Selbst wenn sie ihn schmerzen: Der durch seine provokanten Lieder im ganzen Nahen Osten bekannt gewordene Sänger versucht, derlei Attacken mit Humor zu nehmen.

Jungfrauen verspottet

„Radikale Homophobe sind selbst die größten Homos. Mizrachime (Arabische Juden) Araberhasser sind selbst Araber, die einfach Angst haben und sich nicht dazu bekennen, weil sie es wissen, weil sie es selbst am besten wissen, dass Araber zu sein, nicht so großartig ist.“ Es sind Zeilen wie diese, mit denen der Israeli mit palästinensischen Wurzeln kritisch eingestellte junge Menschen begeistert: Mehr als 128.000 Mal wurde sein trashig-glamouröses Video zu dem Song „To Be An Arab“ im Netz angeklickt.

Doch für die Konservativen, ob Juden oder Muslime, ist der so unerschrocken wirkende Künstler, der sich immer wieder über Israels Besatzung und religiösen Fanatismus auslässt, ein rotes Tuch. Die israelische Polizei klagte ihn wegen „Anstiftung zum Terrorismus“ an. Während einer Tour durch Jordanien landete er im Gefängnis. Der Vorwurf: Blasphemie. Möglicherweise wegen der Komposition, in der er sich über die Jungfrauen, die im Paradies auf Selbstmordattentäter und andere Märtyrer warten, lustig macht.

Intimes Porträt

„Namrud“, was sich mit Störenfried übersetzen lässt, ist ein intimes Porträt eines Künstlers, der von einem friedlichen Zusammenleben von Israelis und Palästinensern in einem gemeinsamen Staat träumt und an der Realität verzweifelt. Der auch deswegen zwischen allen Stühlen sitzt, weil er sich nicht politisch vereinnahmen lassen will und stattdessen seinen Individualismus oben anstellt.

Der österreichische Filmemacher Fernando Romero Forsthuber folgt dabei ausschließlich der Perspektive seines Protagonisten. Wir begleiten den ausgesprochen lässig auftretenden Freigeist beim Dreh des besagten Videoclips, auf Konzerten und Kundgebungen sowie bei Diskussionen mit Freunden in seinem Wohnort Haifa. Oftmals sind es aber auch ganz profane Alltagsszenen, selbst wenn sie für den Künstler mit den sanften Melodien und den bissigen Texten mitunter eine Herausforderung darstellen: Vor Kurzem ist sein Teenager-Sohn aus den USA zu ihm gezogen. Das neue Leben als alleinerziehender Vater birgt mancherlei Verwicklung, selbst wenn zwischen Safadi und Don große Vertrautheit zu herrschen scheint. Aber auch die Besuche bei Dons arabischen Großeltern bringen interessante Facetten hervor.

Komplexe Situation

Dieser Fokus mag angesichts der komplexen Gemengelage in der Region einseitig wirken. Forsthuber hat aber gar nicht den Anspruch, Krieg, Vertreibung und Besatzung nüchtern zu analysieren. Vielmehr ermöglicht die auf der Leipziger Dokfilmwoche erstmals gezeigte Produktion einen intensiven Blick nicht nur auf die öffentliche und private Figur Safadi, sondern auch auf den Alltag arabischer Israelis.

Über Letzteren erfährt man sonst bekanntlich nur wenig. Umso wichtiger sind die Einblicke in Sichtweisen und Gewohnheiten in Safadis Familie und Freundeskreis, liefern sie doch wichtige Details, um die Dauerkrise im Heiligen Land gerade auf psychologischer Ebene besser zu verstehen.

Gegen die Resignation

Safadis Eltern gehören zu den rund 150.000 von ehedem 750.000 Palästinensern, die nach der Gründung des Staates Israels vor 70 Jahren in ihrer Heimat bleiben konnten. Ihr Sohn wehrt sich gegen ein verklärtes Geschichtsbild, das die Leiden der Palästinenser nach 1948 ignoriert. Gleichzeitig wirbt er dafür, Brücken zwischen den Konfliktpartien zu bauen und in Selbstzufriedenheit, Gleichgültigkeit und Verbohrtheit erstarrte Menschen auf beiden Seiten wachzurütteln.

Der Film erzählt auch davon, wie Safadi mit seinen Songs gegen die Resignation gerade unter Künstlern und Intellektuellen ankämpft. Es geht um die Frage: Kann ein Einzelner ganze Gesellschaften verändern? Und wie lassen sich Ideale leben, wenn die Realität sie tagtäglich zu widerlegen scheint? Nicht nur, aber gerade die Eskalation der Gewalt in den vergangenen Wochen hat gezeigt, wie aktuell diese Fragen sind.

Info: „Namrud“ (Troublemaker), Österreich 2017, ein Film von Fernando Romero Forsthuber, OmU (Englisch/Hebräisch/Arabisch), mit Jowan Safadi u.a., 95 Minuten, jetzt im Kino

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