Interview

Nach Mord an Floyd: „Die Gesellschaft sollte sich den Auswirkungen von Rassismus stellen“

Jonas Jordan10. Juni 2020
Schwarze Menschen erfahren auf unterschiedlichsten Ebenen Rassismus, sagt Bildungswissenschaftlerin Jennifer Danquah. Die aktuellen Proteste findet sie ermutigend. Allerdings könnten wir uns nicht von heute auf morgen von Denkstrukturen befreien, die wir über Jahrhunderte gelernt haben.

Am Wochenende haben in Deutschland trotz Corona-Pandemie mehrere zehntausend Menschen gegen Rassismus demonstriert. Fanden Sie diese Proteste richtig?

Sowohl die Corona-Pandemie als auch die Auswirkungen von Rassismus sind Herausforderungen, denen sich die Gesellschaft und ihre Mitglieder stellen sollten. Zu demonstrieren ist ein Recht, das wir in Deutschland sehr ernst nehmen, allerdings dürfen dabei nicht die aufgrund der Corona-Pandemie aufgestellten Maßnahmen vergessen werden. Ein Mindestabstand, Desinfektionsmittel sowie ein Mund- und Nasenschutz finde ich in diesem Zusammenhang sehr wichtig. Die Veranstalter*innen haben auf diese Regelungen hingewiesen, das finde ich sehr verantwortungsbewusst. Der große Zulauf hat gezeigt, dass die Proteste notwendig waren. Zum einen, um die eigene Betroffenheit zu artikulieren und zum anderen um Solidarität kundzutun. Das fand ich sehr ermutigend.

Was war Ihre Reaktion, als Sie vom Mord an George Floyd erfahren haben?

Ich war sehr davon betroffen und bin es immer noch. Jedes Mal bin ich erschüttert, wenn ich von polizeilicher Gewalt gegen Schwarze Menschen erfahre, die tödlich enden, da ich denke: „Das hätte ich sein können“. Ich sehe den Mord eingebettet in einen strukturellen Kontext, der sich unter anderem aus der kolonialen Vergangenheit ergibt und bis in die Gegenwart reicht. In der Vergangenheit haben wir oft von objektivierten Schwarzen Menschen gesehen, gehört und gelesen, die aufgrund von institutioneller Gewalt ums Leben gekommen sind. Ich sehe diesen Gewaltakt als eine weitere Folge unreflektierter gesellschaftlich etablierter Denkstrukturen, die dazu führen, dass Schwarze Menschen auf unterschiedlichsten Ebenen Rassismus erfahren.

Durch den Mord und die folgenden Proteste ist auch hierzulande die Polizeiarbeit in den Fokus geraten. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken sprach von einem latenten Rassismus innerhalb der Polizei. Hat sie Recht?

Die Polizeiarbeit steht schon seit Jahren im Fokus der Anti-Rassismusarbeit. Gerade im Zusammenhang mit Racial Profiling ist dies gut zu erkennen. Institutioneller Rassismus taucht nicht einfach auf. Er bildet sich über die Zeit und reproduziert sich selbst. Davon sind Organisationen, Verwaltungen und Unternehmen betroffen, die Menschengruppen oder Individuen, die diesen Menschengruppen angehören, bewusst oder unbewusst rassialisieren und diskriminieren. Davon sind gleichermaßen auch Institutionen einer Gesellschaft betroffen. Die Institution Schule oder Polizei beschreiben zwei Beispiele, die rassistische Strukturen reproduzieren. Das bedeutet, dass auch die Polizei sich der Rassismusthematik zuwenden sollte, um die eigenen Rassismus bedingenden Strukturen abzubauen.

Welche Unterschiede sehen Sie in Bezug auf Rassismus zwischen Deutschland und den USA?

Ich denke, dass die historische Perspektive auch hier eine große Rolle spielt. Schwarze Menschen in Deutschland und Schwarze Menschen in den USA blicken auf eine unterschiedliche Vergangenheit zurück. Der Rückblick der USA auf eine Geschichte der Sklaverei, die zu einer Spaltung und Hierarchisierung von Schwarzen und weißen Menschen führte, hat einschlägige und langanhaltende Auswirkungen auf eine Gesellschaft. Allerdings ist hier davon auszugehen, dass der europäische Kolonialismus gravierende Spuren auch in Deutschland hinterlassen hat, die dazu führen, dass u.a. ein Bild des*der „Afrikaners*in“ konstruiert wurde (s. u.a. Carl Hagenbecks Menschenzoos 1874-1931) und rassistische Denkstrukturen immer noch vorhanden sind, meist subtiler.

Zuletzt sorgte für Kritik, dass in einigen Talkshows vor allem weiße über Rassismus diskutierten. Zeigt das eine fehlende Sensibilität im medialen Bereich?

Sehen wir uns Medienformate an, können wir feststellen, dass in ihnen bestimmt wird, wie eine Schwarze Person zu sein hat, welche Eigenschaften mit ihr verbunden werden usw. Grundsätzlich haben Medien somit die Macht darüber, Vorurteile zu reproduzieren oder aufzubrechen. Dieser Position sollten wir uns bewusst sein. Folglich sollten sich unterschiedliche Formate in den Medien die Fragen stellen: Wer spricht über wen? Welche Perspektiven möchten wir darstellen und erfahren? Finden diese Perspektiven durch unsere Entscheidungen eine angemessene Repräsentation? Je nachdem für welche Antworten sich entschieden wird, werden unterschiedliche Bilder erzeugt, die u.a. Anti-Schwarzen Rassismus verstärken oder entgegenwirken können. Ich finde, dass sich jede Talkshow, als Teil der Medienlandschaft, diese Fragen stellen sollte.

Reicht ein Sharepic zum Blackout-Tuesday, um sich gegen Rassismus zu stellen?

Mit der #Blackouttuesday-Aktion konnten wir sehen und uns ins Bewusstsein rufen, welche weitreichenden Auswirkungen soziale Medien haben können. Sich zurückzunehmen, zuzuhören und somit eine virtuelle Bühne der Sichtbarkeit zu schaffen, hat etwas sehr Kraftvolles in sich. Diese Kraft habe ich auch gespürt.

Ich denke, dass das eine Methode ist, um auf die Tragweite von Rassismus kollektiv aufmerksam zu machen. Ich bin aber auch der Meinung, dass weitere Methoden und Ansätze verfolgt werden müssen, die nachhaltig zu einem Abbau von Rassismus führen. Rassismus ist in meinen Augen ein „Sprint-Marathon“. Wir müssen am Ball bleiben und das ständig, um Rassismus auf allen Ebenen aufzuzeigen, seine Mechanismen zu kontextualisieren und anschließend abzubauen.

Welche Handlungsoptionen sehen Sie darüber hinaus, um Rassismuskritik zu üben?

Rassismuskritik ist eine Praxis, die Zeit benötigt. Meistens denken wir, weil wir von so vielen Eindrücken überflutet werden, dass wir diese Zeit nicht haben. Aber in der Zeit findet der eigentliche Reflexionsprozess statt. Wir können uns nicht von heute auf morgen von Denkstrukturen befreien, die wir über Jahrhunderte gelernt haben. Eher geht es darum, diese Denkmuster Schritt für Schritt umzulernen. Sich dessen bewusst zu sein, sich Zeit zu nehmen und eigene Denk- und Deutungsmuster in Frage zu stellen kann auf unterschiedliche Weise passieren. Wir können uns austauschen und wir können Seminare und Workshops besuchen, um dort neue Anregungen sowie Irritationen für den weiteren Reflexionsprozess zu bekommen. So können beispielsweise im Alltag rassistische Situationen erkannt und ihnen entgegengewirkt werden.

Zur Person

Jennifer Danquah

Jennifer Danquah ist Bildungswissenschaftlerin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt dabei auf der Schnittstelle zwischen Erwachsenenbildung und Rassismuskritik. Darüber hinaus bietet sie Seminare und Workshops zu den Themen Empowerment von BIPOCs und Rassismuskritik an. Auf ihrem Instagram-Account betreibt sie Bildungsarbeit und informiert über Rassismus bezogene Themen.

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Kommentare

Wurzeln

Rassismus bekämppft man nicht mit dem Verbot von Worten oder Straßenumbenennungen, das sind Symbole (vielleicht gut gemeint). Beim Vernichtungskrieg gegen Herero und Nama laviert die Bundesregierung seit Jahrzehnten, wer kennt Hängepeters, den Maji-Maji Aufstand ? Und woher stammt der Reichtum der ehrenwerten hanseatischen Eliten + Co.?
Und wird nicht auch noch heute bei jeder militärische Intervention gesagt, daß man die höherwertige Zivilisation, die westlichen Werte .... verbreiten möchte (auch bei Nichtschwarzen). Selbst nach dem 1. Weltkrieg wollten sogar Ebert, Scheidemann und Co. noch Kolonien. Woodrow Wilsons "Selbstbestimmungsrecht der Völker" galt selbstverständlich nicht für die in kolonialer Unerdrückung - in welchem Geschichtsbuch steht das ?
Protestantismus, Kapitalismus und Rassismus (frei nach Max Weber) sind doch eineiige Drillinge. 3. und 1. Welt, entwickelt und unterentwickelt ..... welchem Geist entspringen diese Bezeichnungen ? Was ist mit den Resourcensicherungskriegen und der imperialen Ausdehnung des Wertewestens?